Kampf gegen illegale Downloads: Piraten-Jäger als Studentenjob
Sein Revier sind Peer-to-Peer-Plattformen, Musikblogs und Download-Seiten: Ein Student kämpft gegen illegales Herunterladen und sorgt so auch dafür, dass sich viele seiner Kommilitonen hohe Strafen einfangen. Er sagt, es gehe ihm um Gerechtigkeit - und er nimmt die Sache persönlich.
Wenn Peter in den Kampf zieht, ist er mit Tastatur, Maus und einem Computer bewaffnet, der ans Internet angeschlossen ist. Der Lehramtsstudent hockt im schwarzen Kapuzenpulli und mit Fünftagebart vor einem Bildschirm in einem Bürogebäude in Hamburg. Man könnte auf die Idee kommen, dass er eine Art Hacker ist und Dinge tut, die strafrechtlich relevant sind. Das Gegenteil ist der Fall: Er kassiert Geld dafür, dass er Musikpiraten aufspürt.
Seit vier Jahren arbeitet Peter, 26, der seinen echten Namen nicht nennen möchte, bei der Firma Pro Media. Das Hamburger Unternehmen wird vom Bundesverband Musikindustrie (BVMI) dafür bezahlt, die IP-Adressen von Personen zu ermitteln, die urheberrechtlich geschützte Musikdateien illegal zum Download anbieten. In dem Verband sind die großen Musik-Labels EMI, Sony, Universal und Warner vertreten.
Die Labels stehen in dem virtuellen Krieg um das Urheberrecht auf der einen Seite. Auf der anderen stehen Millionen Internetnutzer, über die die Band Deichkind in ihrem Lied "Illegale Fans" singt: "Ihr wollt Krieg, den könnt ihr haben, wir laden die Waffen. Wir sind keine Einzeltäter, Mann, wir sind die Massen." Peters Aufgabe ist es, sich unter die Massen zu mischen und die Namen der Piraten herauszufinden, die Musik zum Raubkopieren anbieten. Mit den Namen können dann Anwälte weiterarbeiten.
Er spielt Pop-Punk und ist sich sicher, auf der richtigen Seite zu kämpfen
Peter ist selbst Musiker, er hat eine Band, die fröhlichen Pop-Punk spielt. Er weiß, was es heißt, wenn Lieder, die er geschrieben hat, gegen seinen Willen kostenlos verbreitet werden. Er ist sich sicher, dass er auf der richtigen Seite kämpft. Es geht ihm um Gerechtigkeit.
Auf seiner Jagd durchforstet Peter Peer-to-Peer-Netzwerke wie Gnutella oder Sharehoster wie Megaupload, das allerdings im Januar geschlossen wurde. Außerdem geht er in Foren auf Streife oder checkt Blogs und Websites wie Boerse.bz oder iLoad.bz, auf denen regelmäßig Download-Links veröffentlicht werden.

An diesem Tag macht Peter Jagd auf all jene, die das neue Album der Band Höhner, einer Karnevalskombo aus Köln, zum Download anbieten. In einem Lied singen die Rheinländer "Un da hammer widder wat, wat uns jefällt, einfach runterladen, kann doch janit schaden". Wenn es um ihre eigene Musik geht, sieht die Gruppe, die bei EMI unter Vertrag steht, das wohl anders - denn genau den Schaden, der durch das Runterladen entsteht, soll Peter für sie begrenzen.
Wie Peter Beweise sammelt
Er ruft Google auf, tippt Band- und Albumnamen ein, und nach 0,22 Sekunden erscheint auf dem Bildschirm eine Liste mit Websites, auf denen das Album zum kostenlosen Download angeboten wird. Für seine Jagd braucht Peter keine spezielle Software, Google reicht völlig. Ab jetzt muss er jeden seiner Schritte mit einem Screenshot dokumentieren, denn damit der Urheberrechtsverletzer zur Rechenschaft gezogen werden kann, braucht Peter Beweise: Führt der Link zu der Seite eines deutschen Betreibers? Liegt die Seite auf einem deutschen Server? Und funktioniert der Download überhaupt?
Dann macht sich Peter an die Ermittlung von Name oder IP-Adresse. Handelt es sich um eine Website, auf der illegal Dateien zum Download angeboten werden, sucht er im Impressum oder bei der Domain-Registrierungsstelle Denic nach dem Seitenbetreiber. Wenn Peter eine Datei über ein sogenanntes Torrent-Programm lädt, ist die Rückverfolgung noch einfacher. Denn während des Download wird normalerweise die volle IP-Adresse desjenigen angezeigt, der ihm die Dateien zur Verfügung stellt; den Namen des Anschlusshalters ermittelt der Internetanbieter.
Darauf folgt der Teil seines Jobs, der dem 26-Jährigen nicht immer Spaß macht, wie er sagt: Wenn er sich das Album heruntergeladen hat, muss er sich alle Lieder anhören und überprüfen, ob das online angebotene Album mit dem Original übereinstimmt oder ob vielleicht jemand eine Metallica-Platte mit dem Höhner-Label versehen hat. Ganz am Ende übermittelt Peters Firma die Daten der Musikpiraten an eine Anwaltskanzlei, die die Abmahnung übernimmt.
Wie viele Menschen wegen seiner Hinweise Post vom Anwalt im Briefkasten hatten, was sie bezahlen mussten, weiß Peter nicht. In seinem Freundeskreis sind bisher alle ohne Abmahnung davongekommen, sagt er, obwohl auch einige von ihnen illegal Musik anbieten und herunterladen. "Wenn jemand erwischt wird, ist er selber schuld", meint Peter, schließlich sei mittlerweile zur Genüge bekannt, wie aggressiv die Industrie gegen Internetpiraten vorgehe. Der BVMI schätzt die Zahl der abgeschlossenen Zivilverfahren auf 13.562 für das Jahr 2008, neuere Daten liegen nicht vor.
- 1. Teil: Piraten-Jäger als Studentenjob
- 2. Teil: Abmahnwahn und Urheberrechtsdebatte: Warum Peter die Piraten schätzt
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Job & Beruf
- RSS
- alles zum Thema Copyrights
- RSS
© UniSPIEGEL 3/2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
MEHR AUS DEM RESSORT UNISPIEGEL
-
Wissenstest
Allgemeinbildung: Der große Check auf SPIEGEL ONLINE - wie gut sind Sie? -
Querweltein
Auslandsstudium: Hochschulen von exotisch bis arktisch - nichts wie weg -
Abbrecher
Prominente erzählen: Es gibt ein Leben ohne Uni-Abschluss -
Tools
Studienplätze, wohnen, Hausarbeiten, reisen: Alle UniSPIEGEL-Tools -
IQ-Test
Gehören Sie zur Grips-Elite? Superhirn-Suche auf SPIEGEL ONLINE

