US-Studenten in der Krise: Amerikanischer Uni-Alptraum

Von , Washington

Die Wirtschaftskrise trifft auch privilegierte Amerikaner, selbst Absolventen teurer Top-Unis finden keine Jobs. Viele Studenten fürchten, auf ihren Schulden sitzen zu bleiben. Auch Julia aus Deutschland hat sich für einen Edel-Master 50.000 Euro geliehen - zahlt sich das aus?

US-Akademiker in der Krise: Vom Absolventen zum Tellerwäscher? Fotos
Lena Greiner

Es ist neun Uhr morgens in einem fensterlosen Raum in der George Washington University, keine zehn Gehminuten vom Weißen Haus entfernt. "Wir wollen, dass ihr Arbeit findet", ruft Karriereberaterin Maggie New den rund 20 Studenten zu, die an diesem Vormittag zum eintägigen "Career Boot Camp" gekommen sind. Maggie macht sich derzeit große Sorgen um ihre Schützlinge: "Es gibt noch immer nicht mehr Arbeitsplätze als zu Hochzeiten der Finanzkrise, 200 Bewerber konkurrieren um einen Job."

Die meisten Absolventen verlassen die Universität mit 60.000 bis 80.000 Dollar Schulden. Eine teure, private Ausbildung zahlt sich aus, lautete jahrzehntelang das Credo. Studenten, Eltern und Banken verließen sich darauf, dass die Absolventen hochdotierte Jobs bekommen, mit denen die Kredite sicher zurückgezahlt werden können.

Doch in Folge der Wirtschaftskrise versagt das System. Selbst ein Abschlusszeugnis einer Elite-Universität garantiert keinen sicheren Eintritt mehr in die Berufswelt.

Das erfährt auch Armand, 23, gerade. Er bewirbt sich an den besten Universitäten des Landes um einen Studienplatz in Jura, weiß aber nicht, ob er den Platz dann auch annehmen sollte. Die Augen hinter einer Sonnenbrille versteckt, in weißem Hemd und neuen Turnschuhen, erzählt er, dass er immer noch 30.000 Dollar Schulden aus seinem Bachelor-Studium aus College-Zeiten habe. Ein dreijähriger "Juris Doctor" kostet an den Top-Adressen wie der New York University bis zu 200.000 Dollar.

Die Arbeitslosigkeit trifft vor allem die Jungen

Wer dort angenommen wurde, zögerte bislang nicht, einen Kredit aufzunehmen. "So ein Abschluss war die Garantie für ein hohes Einkommen", sagt Armand. Doch heute sieht er, wie seine Freunde von Eliteuniversitäten monatelang Hunderte von Bewerbungen schreiben, um am Ende aus lauter Verzweiflung ein unbezahltes Praktikum anzunehmen. "Das ist neu für uns", sagt Armand leise und setzt seine Ray-Ban-Sonnenbrille ab.

Laut einer Studie des Brookings Institut sind vor allem junge Menschen in den USA von Arbeitslosigkeit betroffen. In der schweren Wirtschaftskrise, die in den USA weiter andauert, finden gerade 16- bis 24-Jährige überproportional häufig keine Stelle. Und wenn doch, dann verdienen sie durchschnittlich 17,5 Prozent weniger als noch vor ein paar Jahren. "Vor drei Jahren dauerte es vielleicht zwei Wochen, bis Absolventen einen Vollzeitjob gefunden hatten. Heute suchen die Leute bis zu einem Jahr", beobachtet Angella Griffin, Leiterin des Karrierezentrums an der Elliott School of International Affairs.

Brittany, 23, weiß das. In schwarzen Lackpumps, einem kurzen gepunkteten Kleid und offenen blonden Haaren sieht sie aus, als wäre sie auf dem Weg zu einer Cocktailparty und nicht zur Uni. Sie hat einen Teilzeitjob am Lehrstuhl und absolviert ein Praktikum bei einer Nichtregierungsorganisation. Die Seminare für Berufsberatung an der George Washington University quetscht sie in ihren vollen Terminkalender. "Wir haben den Druck, nicht nur Studenten zu sein", sagt sie. Niemand in ihrem Umfeld würde "nur studieren". Denn: "Ein Master-Abschluss allein reicht nicht, wir brauchen Kontakte", sagt Brittany.

Der Stress des Triple-Lebens

Wie sie führen viele Studenten daher ein Triple-Leben: Morgens absolvieren sie ein unbezahltes Praktikum bei der Weltbank, um Berufserfahrung und Kontakte zu sammeln, nachmittags sitzen sie in ihren Kursen, abends kellnern sie, um die horrenden Mieten bezahlen zu können, und nachts schreiben sie ihre Seminararbeiten und Essays.

Zusätzlich steigen die Studiengebühren. Einer Schätzung zufolge sind die Amerikaner derzeit mit über 850 Milliarden Dollar Uni-Krediten beim Staat, bei Banken oder privat verschuldet. Damit überstiegen im Juni die Ausbildungsschulden erstmals die in den USA ausstehenden Kreditkartenschulden. Die "New York Times" stellte kürzlich die Frage, ob ein Studienabschluss die Schulden überhaupt noch wert sei. Die Statistik sagt bislang: Je besser die Ausbildung, desto höher das Einkommen und desto geringer die Gefahr, arbeitslos zu werden. Aber bleibt das so?

Julia, 25, hofft es. Als die Kölnerin sich weltweit um Master-Studienplätze im Fach "Internationale Beziehungen" bewarb, wollte sie einfach mal testen, "was drin ist". Sie wurde von einer der besten und teuersten Universitäten angenommen, der School of Advanced International Studies (SAIS) an der renommierten Johns Hopkins University. Nach knapp zwei Monaten Bedenkzeit entschied sie: "An einem Kredit stirbt man nicht, hier geht es um ein gutes Studium, das mir einen guten Job ermöglicht."

"Den ersten Job, den ich kriege, mach' ich"

Doch keine deutsche Bank wollte ihr Geld leihen, deshalb kratzten Familie und Verwandte ein Darlehen für die Studiengebühren von rund 50.000 Euro zusammen. Dazu kommen hohe Lebenshaltungskosten in Washington. Im Alltag dreht Julia jeden Cent zweimal um, Zukunftsangst hat die Deutsche aber nicht. "Den ersten Job, den ich kriege, mach' ich", sagt sie. Nach dem Abschluss würde sie am liebsten Wiederaufbauhilfe in einer Nachkriegsregion leisten, zum Beispiel in Afghanistan oder auch Afrika. "Irgendwas Krasses", soll es sein. Denn: "Was soll nach dieser Herausforderung hier sonst noch kommen?"

Für Julia liegt der Mehrwert eines USA-Studiums vor allem in dem ganzen Drumherum: Vorträge namhafter Politiker, internationale Kontakte, solche Dinge. Während es in Deutschland oft noch einen Beigeschmack hat, Beziehungen zu nutzen, wird den Studenten hier eingetrichtert, mindestens 200 Visitenkarten pro Semester zu verteilen. "Jeder kann für euch einmal wichtig sein, euer Sitznachbar im Bus, ein Bekannter einer Bekannten oder der Vertreter einer Firma auf einer Jobmesse", sagt Angella Griffin den Neuankömmlingen in der Einführungswoche.

Wer hier studiert, zahlt nicht nur für Seminare mit maximal 15 Teilnehmern und eine intensive Betreuung. Die "Career Center" der Unis füttern die Studenten wöchentlich mit Angeboten: Besuche bei potentiellen Arbeitgebern, Überarbeitung der Bewerbungsunterlagen und Networking-Seminare. Maggie leitet Mittwochabends die Gruppe "Strategien zur Jobsuche".

An einem Konferenztisch im sechsten Stock der Elliott School of International Affairs, mit Blick auf das Außenministerium und das Kapitol, lernen die Studenten zum Beispiel, dass klimpernde Ohrringe nicht zum Businessoutfit in der Hauptstadt gehören. "Während der Uni fühlen sich viele noch wie im Lala-Land. Der Realitätsschock setzt erst danach ein", sagt Maggie. Sie beobachte immer mehr frustrierte, deprimierte Absolventen, die nicht selten zum Alkohol greifen und dann irgendwann irgendeinen Job machen, weil sie Geld brauchen.

Genau davor hat Sean Angst. Er ist 24 Jahre alt und suchte nach seinem Bachelor-Abschluss sechs Monate lang eine Anstellung, ohne Erfolg. Um weiterhin in der Krankenversicherung seiner Eltern bleiben zu können, ging er wieder zurück an die Uni. Wie viele seiner Kommilitonen wollte er dort die Rezession aussitzen.

Mit 45.000 Dollar Schulden wird er nächstes Jahr abschließen und überlegt, dann wieder bei seinen Eltern einzuziehen. "Wir dachten, der Arbeitsmarkt würde sich schneller erholen, aber jetzt bin ich sehr pessimistisch. Ich möchte nicht mit meinem Master-Abschluss kellnern müssen", sagt der 24-Jährige. In seinem Bekanntenkreis habe sich längst Galgenhumor breit gemacht: "Wir lachen darüber. Zehntausende Dollar Schulden, Abschlüsse von den besten Unis und keinen Job - das ist doch absurd."

Korrektur: In einer vorherigen Version dieses Textes stand, der Student Armand plane einen weiteren Abschluss als "Master of Law". Richtig ist, dass er sich um einen Studiengang bewirbt, der mit einem Abschluss als "Juris Doctor" endet. Wir bitten das Versehen zu entschuldigen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 106 Beiträge
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1. John Hopkins ist nicht wirklich Elite
opag78 06.10.2010
Guter Artikel, aber es gibt eine sehr unsaubere Stelle. Die John Hopkins University Baltimore war mir erstmal ueberhaupt nicht bekannt. Ich habe dann mal in das Ranking geschaut. .. Platz 87 .. .. das sind zwar die Top 100, aber es sind nicht die Top 50 und inbesondere ist Platz 87 fuer eine amerikanische Uni eher im mittleren Bereich anzusiedeln, weil die Rankings ueberwiegen amerikan. Unis enthalten. Wenn die beste dt. Uni vielleicht Platz 90 erhaelt, dann ist das besser als Platz 87 fuer eine amerikan. Uni, denn die deutsche Uni ist dann die beste Uni eines ganzen Landes, waehrend Platz 87 in den Staaten vielleicht die beste Uni der Stadt oder naeheren Region darstellt. Zudem muss man sehen, womit John Hopkins sein Ranking macht. Es stellt sich heraus, dass diese Uni besonders gut ausschliesslich in Medizin, Gesundheitswessen und dann inbesondere im Bereich Forschung ist. D.h. wenn man als Mediziner seine Doktorarbeit in Baltimore schreiben kann, dann bekommt man seinen Elitebonus ohne Frage. Wenn man seinen Master in International Affairs macht, dann moechte ich zuerst handfeste Nachweise sehen, bevor ich akzeptiere, dass die JHU eine Eliteausbildung in diesem Bereich durchfuehrt.
2. Kleine Korrektur zum letzten Post
opag78 06.10.2010
Ich habe noch ein anderes Ranking gescheckt und dort ist John Hopkins Platz 18 weltweit. Das ist natuerlich etwas anderes und damit zaehlt die JHU zu den Eliteschools, aber es zeigt auch wie sehr die Rankings differieren koennen. Interessant ist jedoch auch, dass die JHU nicht in der Ivy-League-Liste oder in der Little-Ivies-Liste auftaucht.
3. ...
.Zerberus. 06.10.2010
Tjoar das ist halt die nächste Blase an der die Banken zu knabbern haben werden, die USA sind am Boden in Deutschland ist das noch nicht so angekommen, hier glaubt man noch dem Heiland Obama, aber die USA sehen gerade zu wie ihnen ihr Imperium um die Ohren fliegt, es gibt Millionen von Menschen die keine Arbeit haben und die ihre 99 Wochen Sozialhilfe aufgebraucht haben, die ihre Häuserkredite nicht mehr zahlen können und jetzt auf Zeltplätzen oder in Wohnmobilen leben müssen, die Städte und zahlreiche Bundesstaaten sind Pleite auch so große wie Californien, wenn eine Stadt wie Los Angelos oder Chicago irgendwann aufhören ihre Kredite zu bediehnen, wird wieder eine Panikwelle losbrechen ... die inofizielle Arbeitslosigkeit erreicht langsam aber sicher die der großen Depression, auch wenn die Regierung alles tut die Zahlen zu schönen und selbst in der Regierung werfen immer mehr Experten das Handtuch.
4. selbst schuld, wenn deutsche Unis nicht gut genug für sie sind
reflexxion 06.10.2010
Vorab, ich halte überhaupt nichts von Bachelor und Master Studiengängen, warum schafft man die international erfolgreichen Diplom-Studiengänge zu Gunsten der anglo-amerikanischen Lösung ab? Muß man denen alles nachäffen, egal wie dumm es ist? Der Bachelor ist am Arbeitsmarkt fast nichts wert, man wird als Billigkraft bezahlt und das ändert sich auch mit Erfahrung nicht. Der Master ist nur für wenige vorgesehen und im Gegensatz zum ursprünglichen Plan schon innerhalb Deutschlands beim Uni-Wechsel mit vielen Hindernissen verbunden. Oft wird der Bachelor von Ort A am Ort B nicht wirklich anerkannt, weil man behauptet die Ausbildung sei unzureichend intensiv oder lückenhaft gewesen. Das macht sich dann nicht mal am einzelnen Bewerber fest, sondern es sind pauschale Urteile über andere Unis. Wer aber so dumm ist für einen US- Master Degree 50.000 Euro Schulden zu machen´, dem ist einfach nicht zu helfen. Es gibt in Deutschland bereits Unis, die bieten wieder die alten Diplomstudiengänge an, das lässt hofgfen. Ich sage nur: Weg mit Bologna!
5.
Hador 06.10.2010
Was die USA gerade feststellen ist, dass eine Wirtschaft welche nur aus Dienstleistung und Verwaltung besteht schlicht und ergreifend nicht auf Dauer funktionieren kann. Das zeigt sich jetzt eben auch an den Unis. Dort stürzen sich seit Jahren die meisten Studierenden auf Fächer wie Jura, Medizin oder alles was mit BA zu tun. Technische oder naturwissenschaftliche Fächer sind in den USA (zumindest für amerikanische Studierende) längst Exotenfächer. Wer in den USA z.B. Physik studiert hat, der weiß das in den dortigen Fakultäten die Mehrzahl der Studenten entweder Asiaten, Deutsche oder sonstige Europäer sind. Amerikaner sind dort die klare Minderheit. Das die Kombination aus Wirtschaftskrise und einseitiger Studienwahl dann irgendwann zu Problemen bei der Jobsuch führen würde konnte man sich eigentlich denken. Das Traurige an der Sache ist IMO vor allem, dass es bei uns auch nicht mehr viel besser aussieht. Zumindest was das Interesse der Studenten an technischen und naturwissenschaftlichen Fächern angeht....
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