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Verfassungsgericht: Professor muss Studenten Grundlagen vermitteln

Muss ein Professor auch Grundkurse halten? Oder kann er sich weigern, wenn das Thema nicht exakt in sein wissenschaftliches Fachgebiet passt? Dann gehöre es nicht zu seinen Aufgaben, meinte ein Wismarer Hochschullehrer und klagte. In manchen Fällen doch, entschied jetzt das Bundesverfassungsgericht.

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Pflicht zur Lehre: Studenten brauchen Grundlagen, Professoren müssen sie ihnen vermitteln

Das Bundesverfassungsgericht hat die Wissenschaftsfreiheit auch für Professoren an Fachhochschulen bestätigt - und ihr zugleich in der Lehre Grenzen gesetzt. Hochschulen dürften ihren Professoren grundsätzlich auch Unterricht abverlangen, der nicht unmittelbar zu ihrem Fachgebiet gehört, heißt es in dem am Dienstag veröffentlichten Beschluss des Ersten Senats ( Aktenzeichen BvR 216/07). Dadurch werde das Grundrecht von Hochschullehrern auf Wissenschaftsfreiheit nicht von vornherein verletzt.

Die Lehre gehöre zu den dienstlichen Pflichten von Hochschulprofessoren, betonten die acht Karlsruher Richter, von denen vier selbst Universitätsprofessoren sind. Daher seien Entscheidungen der Hochschulorgane über die "inhaltliche, zeitliche und örtliche Koordination" der Lehre grundsätzlich zulässig. Dies gelte auch für Entscheidungen zur Verteilung und Übernahme von Lehrverpflichtungen. Eine "unbeschränkte Möglichkeit" für die Hochschulorgane, einem Professor fachfremden Unterricht abzuverlangen, würde dessen Lehrfreiheit jedoch nicht mehr gerecht.

Die Verfassungsbeschwerde eines Professors für Vermessungskunde an der Hochschule Wismar wurde verworfen. Der Diplomingenieur war im Dezember 2005 vom Hochschulrektor angewiesen worden, ab Sommersemester 2006 auch Lehrveranstaltungen im Fach Darstellende Geometrie abzuhalten, im Rahmen des Bachelorstudiengangs Bauingenieurwesen.

Der Professor wehrte sich gegen die Anweisung per Eilantrag beim Verwaltungsgericht. Er argumentierte, die Darstellende Geometrie gehöre nicht zum Fach Vermessungskunde, scheiterte aber auch beim zweiten Verfahren vor dem Oberverwaltungsgericht. Denn die Richter bewerteten die Darstellende Geometrie als Grundlagenfach der Vermessungskunde.

Professor zeigte sich bereit für die Grundlagen - gegen bessere Bezahlung

Das Bundesverfassungsgericht hatte bei seiner Entscheidung auch die Ausschreibung der Professorenstelle berücksichtigt. Darin hieß es nach Angaben des Gerichts, dass die Vermessungskunde ganzheitlich im Studiengang Bauingenieurwesen vermittelt werden sollte. Was das bedeutet, hatten die zuvor mit dem Fall befassten Richter der Oberverwaltungsgerichts (OV) Mecklenburg-Vorpommern bei anderen Hochschulen in Erfahrung gebracht: Sie fragten, was Gegenstand vergleichbarer Studiengänge ist - und kamen nicht zum Ergebnis, dass Darstellende Geometrie fachfremd ist.

Dass es für den Professor nicht gänzlich unzumutbar ist, ein Grundlagenseminar abzuhalten, schlossen die OVG-Richter aus dessen eigenem Verhalten: Er hatte angeboten, die Vorlesungen zu übernehmen, "wenn seine Besoldung angehoben würde", zitierten die Verfassungsrichter aus dem Urteil ihrer Kollegen. Zu Beginn des jahrelangen Streits hatte sich die Hochschulleitung auch nicht vom Lehr-Fleiß des Professors überzeugt gezeigt - seine bisherige Auslastung bei der Übernahme von Lehrverpflichtungen sei im Vergleich zu Fachbereichs-Kollegen weit unterdurchschnittlich und habe "zuletzt unter 50 Prozent gelegen", so der Rektor Ende 2005.

In der Entscheidung beschäftigte sich das Bundesverfassungsgericht mit der Grundsatzfrage, welchen Umfang und welche Grenzen die Lehrfreiheit eines Fachhochschulprofessors hat. Wer was und wie viel in welcher Form lehren muss, gehört zu den Alltagsfragen an Hochschul-Fachbereichen. Bei der Dienstpflicht der Lehre habe als "milderes Mittel" den Vorrang "auf Eigeninitiative und Freiwilligkeit beruhende Selbstkoordination" der Professoren eines Fachbereichs, befanden die Richter. Wenn sie sich aber nicht einigen können, wenn niemand freiwillig eine bestimmte Lehrveranstaltung übernehmen will? Dann könne "zur Deckung des notwendigen Lehrangebots eine einseitige Anweisung zur Durchführung der Lehrveranstaltung ergehen", so das Bundesverfassungsgericht.

Karlsruhe weist also für Streitfälle an Fachbereichen den Weg, betont aber zugleich, dass Hochschullehrern nicht unbeschränkt fachfremder Unterricht aberverlangt werden könne. Ob im konkreten Fall aus Wismar die Grenzen der "Zuweisung fachfremder Lehre" überschritten sind, müssen nun die Verwaltungsgerichte im Hauptsacheverfahren klären.

bim/ddp/APN

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
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1. Inhalte
Herr S 27.07.2010
Die Tatsache, dass Grundlagenvorlesungen gehalten werden müssen ist das eine. Die Frage, wie sie inhaltlich aussehen, das andere. Leider sind diese nämlich auch unter dem Deckmantel der "Freiheit der Lehre" sehr weit ausdehnbar und werden nicht selten stark von den jeweiligen Professoren geprägt. Ich zitiere da gerne einen Professor, bei dem ich meine Diplomprüfung gemacht habe: "Mindestens die Hälfte meiner Kollegen haben längst den Bezug zu den Grundlagen in ihrem Fachgebiet verloren. Die quälen dann die Erstsemester mit Themen aus ihrem eigenen Fachgebiet und später stehen diese dann dumm da, weil plötzlich die Grundlagen vorausgesetzt werden, die sie in den ersten Semestern hätten lernen sollen.".
2. titel
Moewi 27.07.2010
Ich hatte einen Physiker, der richtig aufblühte, als er uns Nebenfächlern die Grundlagen der Physik erklären durfte. Er betonte zwar, dass das alles nichts mit seinem Alltag zu tun hätte, aber dass die Grundlagen der Physik eben doch das ist, was die Welt zusammenhält. Es machte ihm sichtlich Spass, mit Gummipfeilen vom Karussel aus auf seine HiWis zu schiessen, um das Kräftespiel in der Kreisbewegung zu demonstrieren. Er war der einzige, den die unvermeidlichen Papierflieger nicht negativ reizten, sondern -je nach Seltenheitsgrad der Konstruktion- sogar Äusserungen der Anerkennung fallen liess. "Aerodynamik ist nun mal angewandte Physik, meine Damen und Herren." Natürlich wusste er, dass Aufreger nur zur Nachahmung führen würden, also ging er eben auf seine Art damit um. Auch wenn es nicht sein Fachgebiet war: Es machte ihm Spass, uns mit -im Prinzip- Schulstoff zu füttern. Und solche Leute sind genau die richtigen. Die, die einen mitreissen.
3. ....
mr_supersonic 28.07.2010
Zitat von sysopMuss ein Professor auch Grundkurse halten? Oder kann er sich weigern, wenn das Thema nicht exakt in sein wissenschaftliches Fachgebiet passt? Das gehöre nicht zu seinen Aufgaben, meinte ein Wismarer Hochschullehrer und klagte. Gehört es doch, entschied jetzt das Bundesverfassungsgericht. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,708669,00.html
Ich vermute, wenn irgendwelche Verbände der Industrie und Wirtschaft geklagt hätten gegen Grundlagenlehre an der Uni mit der Begründung: "Kostet nur Zeit beim studieren, wir brauchen schneller neue Absolventen!", wäre das Urteil vielleicht anders ausgegangen. Oder habe ich da was falsch verstanden beim Wechsel von Diplom auf Bachelor/Master? Wäre doch nur Konsequent....also ich kann den Hochschullehrer verstehen....wer weiss ob spätere Professoren überhaupt noch Grundlagen kennen?
4. HAHA...ein Betroffener freut sich :-)
boolean 30.07.2010
Diesen Link habe ich von einem ehemaligen Kommilitonen bekommen und habe sehr gelacht...obwohl es traurig ist! Der Herr Prof. K. war nicht nur häufig krank, sondern auch im Unterricht nicht sehr gewillt uns Studenten etwas beizubringen. Er zog es vor über die Unwissenheit der Studenten zu lästern anstatt es eben noch einmal zu erklären. Sein Gesamtauftritt an der FH Wismar aus Studentensicht entspricht völlig diesem Urteil, auch wenn ich hier Äpfel mit Birnen vergleiche freue ich mich!!! MfG MatzenMann
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