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Verkrachte Wissenschaftler: Letzte Ausfahrt Schuldienst

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Was wird eigentlich aus Wissenschaftlern, denen der Sprung auf eine Professur misslingt? An der Uni blockiert Stellenmangel ihre Karrieren. Also landen sie im Proletariat der Denker, wandern aus oder wechseln den Beruf - und gehen zum Beispiel zurück an die Schule.

Das hatte sich Hans-Jürgen Matschull eigentlich anders vorgestellt: Der habilitierte Physiker wollte als Universitätsprofessor auf Einsteins Spuren wandeln, die Erforschung der Quantengravitation vorantreiben und sein Wissen an die Studenten weitergeben. Die Voraussetzungen dafür bringt er mit. Er hat im Ausland geforscht, wichtige Aufsätze veröffentlicht und sich dadurch auch international einen guten Ruf erarbeitet.

Hochqualifizierter Physiklehrer: Hans-Jürgen Matschull

Hochqualifizierter Physiklehrer: Hans-Jürgen Matschull

Jetzt steht Matschull vor Siebtklässlern und erklärt ihnen den Stromkreislauf. Ein kleines Stück seiner Vergangenheit immerhin ist ihm geblieben: Die Schule, an der er sein Referendariat macht, heißt Albert-Einstein-Schule.

"Es ist halt alles so gelaufen", sagt Matschull und zuckt mit den Schultern. "Ich hab auch schon immer gerne unterrichtet, jetzt unterrichte ich eben Jungen und Mädchen." Er habe es ja probiert, sagt Matschull. "Es ist aber nichts daraus geworden."

Als Matschull merkte, dass er mit seiner akademischen Karriere nicht weiter kam, war er bereits seit zwei Jahren habilitiert und schon 37 Jahre alt. Auf die wenigen freien Professorenstellen, die es in seinem Fachgebiet, der theoretischen Physik, gab, hatte er sich beworben - erfolglos. Nach einem weiteren Jahr kapitulierte Matschull und meldete sich für den Schuldienst.

Naturwissenschaftler für Schulen gesucht

Lehrer für Naturwissenschaften und Mathematik werden gesucht - zumindest in den alten Bundesländern. Weil es an geeignetem Nachwuchs fehlt, sind dort auch Seiteneinsteiger von der Universität gern gesehen. In der Regel wird von den Wissenschaftern verlangt, dass sie auch ein zweites gesuchtes Fach unterrichten können. Manche Bundesländer bieten einen Direkteinstieg an, meist müssen sich die Forscher jedoch zwei Jahre lang durch das Referendariat kämpfen. Auch die Altersgrenzen variieren nach Bundesland und reichen von 35 bis 45 Jahre.

Der Lehrerberuf ist für viele Naturwissenschaftler der Ausweg aus der Sackgasse. Die meisten von ihnen haben sich zuvor von einer befristeten Uni-Stelle zur nächsten gehangelt. Doch spätestens nach zwölf Jahren ist damit Schluss. Wer bis dahin keine Professur ergattert hat, muss den Beruf verlassen - in Richtung Wirtschaft, in den Schuldienst. Oder geradewegs ins berufliche Nichts, wo sich gescheiterte Forscher im Proletariat der Denker versammeln und als schwer vermittelbare Fachkräfte zu den Langzeitpatienten der Arbeitsämter werden.

"Einen akademischen Mittelbau gibt es heute kaum noch", kritisiert Udo Weigelt von der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG). "Heute heißt es: entweder Professor oder raus."

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) fordert deshalb eine veränderte Personalstruktur für die Hochschulen. "Wir brauchen Positionen wie Research Fellow oder Senior Lecturer, die es zum Beispiel in den angelsächsischen oder skandinavischen Staaten gibt", sagt Gerd Köhler, der im GEW-Vorstand für Hochschule und Forschung zuständig ist.

Grundlagenforscher laufen ins Leere

Doch für solche Stellen fehlt in Deutschland bisher das Geld. Obwohl die EU-Regierungschefs sich darauf verständigten, bis 2010 mindestens drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung und Forschung aufzuwenden, hinkt Deutschland dieser Zusage noch hinterher.

Dabei ist vor allem die Grundlagenforschung unter die Räder gekommen. "Das ist heute schwer finanzierbar, weil die Forschungsgelder mehr in die Anwendung fließen, wo man kurzfristige Erfolge zeigen kann", erklärt Axel Haase, Physikprofessor und Präsident der Universität Würzburg. Eine solche Politik hält er für gefährlich. "Ohne Grundlagenforschung gibt es langfristig keine Anwendung", warnt Haase.

Dirk Weber (Name von der Redaktion geändert) ist so ein Grundlagenforscher, sein Fachgebiet ist die Elementarteilchen-Physik. "Ziemlich weit weg von der Anwendung", wie er selbst sagt. Der 39-Jährige hat nach seiner Habilitation vier Jahre lang nach einer Professorenstelle gesucht. "Ein bis zwei Stellen werden in meinem Arbeitsgebiet pro Jahr frei", sagt er. Am Anfang glaubte er noch an seine Chance, wurde von Kollegen bestärkt, die ihn für einen talentierten Wissenschaftler halten. "Im Nachhinein betrachtet, hätte ich es früher wissen können", sagt Weber heute.

Von C2 auf Hartz IV

Sein Vertrag als Hochschuldozent läuft noch bis 2010, aber er will nicht länger warten. "Bevor ich mit 44 versuche, mich umzuorientieren, versuche ich es lieber mit 39", sagt er. "Sonst rutsche ich am Ende von einer C2-Stelle auf Hartz IV ab."

Für eine Junior-Professur ist Weber zu alt, eine vollwertige Professur bekommt er in Deutschland nicht. Ins Ausland zu gehen, wie so viele seiner Kollegen, will er seiner Frau nicht antun. Als promovierte Philosophin hat sie nur im deutschsprachigen Raum eine Chance auf einen Job.

Mehrere Bewerbungen als Versicherungsmathematiker liegen schon auf seinem Schreibtisch. Aber so richtig glaubt er nicht daran, in seinem Alter noch eine Chance in einem Unternehmen zu bekommen. Wenn er zehn Jahre jünger wäre, würde er alles anders machen, sagt Weber. "Ich würde sofort nach der Promotion die Universität verlassen."

Jetzt stellt Dirk Weber sich auf eine Zukunft als Mathe- und Physiklehrer ein. Er hat sich beworben, obwohl "das nicht hundertprozentig das ist, was ich mir für mein Leben vorgestellt habe". Weber hofft, eine Stelle in Baden-Württemberg zu finden, weil ihm die dortige Schulbehörde eine Verkürzung des Referendariats auf 18 Monate in Aussicht gestellt hat. "Das wird mit harten persönlichen Einschränkungen verbunden sein", fürchtet Weber.

Um die beiden Kinder - der jüngste Sohn ist erst drei Monate alt - kümmert sich Webers Frau. Sie kann die Familie nicht ernähren. Und Weber wird als Referendar rund 1000 Euro im Monat verdienen. Brutto.

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