Verrückte Bewerbungen: Als Pamela Anderson in die Werbeagentur

Von Gregor Waschinski

Vorsprung durch schräge Ideen? Auf Jobsuche präsentieren sich manche Kandidaten als männliches Busenwunder oder menschliche Software. Das kann Personaler überzeugen, aber auch mächtig nerven - sie erwarten eher lässiges Understatement als grelle Gaga-Effekte aus der Wundertüte.

Inka Wittmann schlug ein ziemlich strenger Geruch entgegen, als sie aus dem Osterurlaub ins Büro bei der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt zurückkehrte. Auf ihrem Schreibtisch lagerte ein Paket aus Hessen, gefüllt mit regionalen Spezialitäten. Zwischen Handkäs und grober Wurst fand Wittmann einen Zettel: "Hessische Kreative will nach Hamburg". Leider war die kulinarische Bewerbung über die Feiertage vergammelt, Wittmann konnte sich für das Care-Paket gar nicht begeistern - die hessische Kreative kommt vorerst wohl nicht in die Hansestadt.

Als Personalchefin bei Jung von Matt ist Wittmann ständig dem Ideenreichtum der Bewerber ausgesetzt. Einmal musste sie ein einlaminiertes Anschreiben mit einem Schlachtermesser aus einem Schuhkarton voller Gelatine klauben, danach war der ganze Schreibtisch vollgesaut. Sie weiß aus eigener Erfahrung: Zu viel Kreativität in der Bewerbung nervt. "Wichtiger ist ein guter Lebenslauf und die Qualität der Arbeitsproben", sagt sie nüchtern.

Bitte bloß keine lustigen Hirschgeweihe

Marcel Loko, Mitbegründer der Werbeagentur "Zum goldenen Hirschen", sieht das auch so. Er kann die lustigen Geweihe nicht mehr sehen, die Bewerber in Anspielung auf den Firmennamen in ihre Bewerbungsfotos schneiden - in der Hoffnung, auch bald zu den Hirschen zu gehören. "Zu schrill ist immer gleich verdächtig", sagt er. "Das war vor einigen Jahren vielleicht anders, heute ist bei Bewerbungen eher ein lässiges Understatement gefragt."

Gerade in der Werbung ist die Versuchung für Jobsuchende groß, ihre Kreativität gleich in der Art der Bewerbung zu beweisen. Aber auch in anderen Branchen buhlen Bewerber mit ausgefallenen Aktionen um die Aufmerksamkeit der Personaler. BWL-Absolventen bewerben sich schon mal mit einem Business-Plan, in dem sie den Nutzen ausrechnen, den das Unternehmen durch die Einstellung hätte. Karl Bosshard von der Managementberatung Kienbaum kann sich an eine Bewerbung für einen Führungsposten erinnern, die als reine Provokation gestaltet wurde. "Ich habe lange überlegt, ob ich mich bei Ihnen vorstellig machen, bewerben ist ja wohl der falsche Ausdruck", leitete der Bewerber das Anschreiben ein und forderte schließlich die Firma auf, mit ihm unverzüglich Kontakt aufzunehmen. Aber erst nach 20 Uhr.

Bosshard warnt, dass in konservativen Branchen ausgeflippte Bewerbungen noch schädlicher sein können als im Kreativbereich. "Es setzen sich immer die Leute durch, die nach einem ähnlichen Muster vorgehen", weiß er. "Das sind diejenigen, die transparent, ehrlich, spannend und komprimiert über sich berichten - und keine Wundertüte aus ihrer Bewerbung machen."

Alexander Welitschko dachte, dass er mit seiner Bewerbung alles richtig gemacht hatte. Drei Jahre hatte der Mediengestalter in einer Fuldaer Werbeagentur eine Ausbildung gemacht, im Frühjahr 2004 wollte er dann nach Frankfurt, am liebsten zu einer Filmproduktionsfirma. Sein Bewerbungs-Konzept: Er verkaufte sich als Software, die man am Arbeitsplatz installieren kann - Alexander Welitschko, Version 2004. Wie bei echten Softwareprogrammen erstellte er ein Booklet mit einem Überblick über die verschiedenen Funktionen und die Entwicklung von Alexander Welitschko: Jeder Bildungsabschnitt im Lebenslauf war sozusagen ein neues Update. Seine Arbeitsproben, Filme und 3D-Animationen, brannte er auf CD-Rom und legte alles zusammen in eine aufwändig produzierte Verpackung.

Witzischkeit kennt durchaus Grenzen

Monatelang feilte Welitschko am Konzept, investierte insgesamt über 1000 Euro. Bei 25 Produktionsfirmen und Werbeagenturen gab er seine Software-Schachtel persönlich ab, sagte ausdrücklich, dass es sich dabei um eine Bewerbung handele, und wartete auf Antwort. Aber er kassierte nur Absagen. "Leider konnten wir Ihr Anschreiben nicht finden", stand in einem Brief, den er einige Zeit später erhielt.

Mittlerweile hat Welitschko einen Job gefunden. Ein bisschen ärgert er sich aber immer noch über die fehlgeschlagene Kreativ-Bewerbung "Da fragt man sich schon, was für Leute da in der Personalabteilung sitzen", so der 27-Jährige. "Die suchen doch kreative Leute - und dann machen die alles von einem Anschreiben abhängig."

Für Bewerbungsberater Christian Püttjer ist das keine Überraschung. "Gerade bei großen Firmen läuft die Prüfung der Bewerbungsunterlagen standardisiert ab. Da ist es störend, wenn Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnisse nicht auf den ersten Blick gefunden werden", sagt er. Püttjer war früher Personaler und hat sich jetzt mit seiner Karriereakadamie auf die Seite der Bewerber geschlagen. Er rät, statt möglichst viel Originalität lieber einen geeigneten "Door-Opener" zu finden: "Es ist sehr hilfreich, einen Kontakt in die Firma herzustellen, auf den man sich bei der Bewerbung beziehen kann."

Dass verrückte Bewerbungsmethoden manchmal trotzdem zum Erfolg führen können, zeigt das Beispiel von Thomas Wildberger. Vor zehn Jahren sah er in einem Branchenblatt eine Stellenanzeige von Jung von Matt. Die Agentur suchte darin neben Werbetextern scherzhaft auch nach Busenwunder Pamela Anderson für den Posten der Empfangsdame. "Da hatte ich einen Geistesblitz und habe mich einfach als Pamela Anderson beworben", erzählt Wildberger, der damals in einer Werbeagentur in Zürich arbeitete.

Wildberger klebte sich also Silikonbrüste an, setzte eine blonde Perücke auf, zwängte sich in einen roten Baywatch-Badeanzug und posierte vor der Kamera. Die Bilder klebte er in ein ledernes Album, das er mitsamt Begleitschreiben nach Hamburg schickte. Darin federte er seine Travestie-Bewerbung ab: "Da Sie nach einige Tagen ohnehin bemerken würden, dass ich nicht Pamela Anderson bin, wäre es vielleicht doch besser, mich als Texter einzustellen."

Thomas Wildberger bekam den Job bei Jung von Matt, wurde bald sogar Kreativdirektor. Inzwischen hat sich der heute 32-jährige als Texter selbständig gemacht. Doch trotz seiner erfolgreichen Kreativbewerbung rät auch Wildberger in diesem Punkt zur Vorsicht. "Auf jeden Fall sollte man sich vorher ein Feedback von einer neutralen dritten Person einholen", sagt er. "Sonst besteht die Gefahr, dass es schnell peinlich wird."

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