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Vom Bachelor zum Doktor: Gehen Sie direkt in die Promotion

Von Max Hägler

Nach dem Bachelor-Abschluss den Master überspringen und gleich promovieren – in manchen Premium-Programmen geht das. Es bleibt aber die Ausnahme. An deutschen Unis ist schon der Zutritt zur Meisterklasse beschränkt, viele Studenten müssen draußen bleiben.

Ein Master-Abschluss? Das ist eine eher unwesentliche Hürde für junge Spitzenforscher, die man auch einmal auslassen kann auf dem Weg nach ganz oben. Das glaubt zumindest Prof. Dr. Michael Hörner, der als Zoologe und Neurobiologe an der Universität Göttingen forscht und lehrt. Seit einigen Jahren können sich Bachelor-Absolventen der Naturwissenschaften und der Medizin beim Göttinger Neuroscience-Programm bewerben, das Hörner betreut und dem er seit der Gründung angehört. Wer das harte Testverfahren übersteht, für den steht in den darauffolgenden vier Jahren im Grunde nur eines im Vordergrund: die Promotion.

Master-Klasse des Göttinger Neuroscience-Programms: Klein, aber fein
Uni Göttingen

Master-Klasse des Göttinger Neuroscience-Programms: Klein, aber fein

Der "fast track" für Master-Studenten hat sich in Göttingen außer im Neuroscience-Programm auch im Schwesterprogramm "Molecular Biology" bewährt und wird im Zuge der Exzellenzinitiative von immer mehr Universitäten zum Vorbild genommen: bestens ausgestattete Master-Programme, konsekutiv aufbauend auf einem Fachbereich, aber vor allem auch bewusst nach vorne schauend mit Blick auf den Ph.D.-Titel beziehungsweise Doktorhut.

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) und der Wissenschaftsrat veröffentlichten erst Anfang Juli ein Eckpunktepapier, in dem die Zukunft der Exzellenzinitiative beschrieben wird. Ein Bestandteil: Die Graduiertenschulen sollen Best-Practice-Modelle entwickeln, in denen Bachelor- und Master-Absolventen "harmonisch" in Richtung Promotion geführt werden.

Und im Frühjahr versammelte der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) Experten aus aller Welt zum "International Dialogue on Education" in Berlin. Die Botschaft war dabei deutlich: Die Studierenden entscheiden sich normalerweise nach ihrem Bachelor für eine Promotion – und nicht erst nach dem Master.

Nicht jeder darf rein

Genau hier setzt das seit dem Jahr 2000 bestehende Best-Practice-Modell aus Göttingen an, das gemeinsam mit zwei Max-Planck-Instituten (MPI), dem European Neuroscience Institute sowie dem Deutschen Primatenzentrum durchgeführt wird. Nicht die politisch geforderte Leuchtturm-Funktion war der Hauptgrund für die Einführung des komplett englischsprachigen, weltweit ausgeschriebenen Projektes; der deutsche Nachwuchs war schlicht nicht mehr gut genug.

"Das Rekrutieren von qualifizierten Doktoranden war hierzulande eine gute Zeit lang nicht mehr möglich", sagt Michael Hörner. Dazu kämen Vorteile wie die weltweite Vernetzung durch Postdocs, die in Göttingen studiert haben und jetzt weitergezogen sind, etwa an die Harvard Medical School. "Und solch guten Leuten müssen wir genügend Perspektiven geben, beginnend nach dem Bachelor für vier Jahre."

Allerdings darf nicht jeder nach Göttingen: 200 Nachwuchsforscher mit Abschluss "B.sc." bewerben sich jährlich für das Neuroscience-Programm. Nur 20 der Bewerber werden schließlich in den Master-Studiengang aufgenommen. Einen Englischtest müssen sie überstehen, ein Motivationsschreiben anfertigen, Referenzen beibringen und natürlich eine ansehnliche Note vorweisen. Dann wird in einem zweieinhalbstündigen Fachtest "belastbares Abiturwissen" aus den Gebieten Physik, Biologie und Chemie abgefragt.

Schließlich gilt es noch, seine Fähigkeiten in einem Interview zu beweisen. Alle Bewerber werden dazu auf Kosten von Uni und MPI nach Göttingen eingeladen. Nur für die Teilnehmer aus Fernost weichen die Göttinger auf Videokonferenzen aus. Dennoch ein teures Verfahren, das aber seine Berechtigung habe, betont Hörner. "Im Vergleich zu Bewerbern aus dem asiatischen Raum, die mehr als die Hälfte unserer Bewerber insgesamt stellen, ist die Leistung der Deutschen und Europäer leider oft schwach."

Für viele Studenten sind Premium-Programme unerreichbar

Und weil Hörner eben nicht Kandidaten für einen schnöden Master-Abschluss sucht, sondern im Grunde Promotionsstudenten, rechne sich der Selektionsaufwand für das Lehrangebot der Spitzenklasse. Nach einem vorbereitenden Jahr werden die Studenten automatisch als Promotionskandidaten geführt und können, ausgestattet mit Stipendien, in Kleinstkursen bestens betreut forschen und diskutieren – ohne eine Master-Thesis abgeliefert zu haben.

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Für das Gros der deutschen Studenten ist solch ein Programm allerdings unerreichbar. Viele schaffen es nach ihrem Bachelor-Abschluss noch nicht einmal in einen ganz normalen Master-Studiengang. An der Uni Potsdam etwa wurde jüngst bekannt, dass nur für 30 der 130 Geschichtsstudenten ein entsprechender Platz bereitsteht. In vielen anderen Unis in Deutschland ist die Situation ähnlich schwierig. Nach den Bologna-Kriterien soll die Quote der Überwechsler etwa 50 Prozent betragen. Doch es mangelt bereits jetzt häufig am Geld und an Kapazitäten. Die Befürchtung: Mit teuren Exzellenz-Mastern wird es für ganz normale Studenten noch schwieriger, ein Vollstudium zu absolvieren, das trotz anderslautender Bologna-Definition in manchen Fächern durchaus noch einen Master voraussetzt.

Der Bamberger Soziologieprofessor Richard Münch, der selbst zur akademischen Elite forscht, kritisiert das neue Studiersystem und insbesondere die elitären Selektionsmechanismen. Dennoch sagt auch er über sein Fach: "Man wird die Doktoranden überwiegend im Masterstudiengang abholen müssen, und zwar durch die Einrichtung eines Forschungs-Masters." Ab dem kommenden Wintersemester gibt es an seinem Institut zwei "Sociology"-Master, einen praxisorientierten und einen forschungsorientierten. Die Forschungsstudierenden sollen, so die Idee und Hoffnung, nach ihren zwei Master-Jahren in das seit 2002 bestehende Graduiertenkolleg "Märkte und Sozialräume in Europa" wechseln, dem es derzeit an guten Bewerbern mangelt.

Doch Münch prophezeit selbstkritisch, dass diese Entwicklung nicht ohne Konflikte ablaufen wird. Auf der einen, der alten, Seite stünden die in Lehre und Drittmitteleinwerbung ausgebeuteten Lehrstuhlmitarbeiter; auf der anderen Seite die wachsende Zahl der mit einem Stipendium ausgestatteten Doktoranden in den Graduiertenschulen. Das Ergebnis sei paradox: "Die Promotions-Standorte ringen einerseits um qualifizierte Doktoranden und finden sie überhaupt nicht in der gesuchten Zahl." Andererseits entstehe eine Doktorandenschwemme, für die es später keine Jobs in der Forschung und Lehre gebe.

Weg von der "Herrschaft der Professoren"

"Die neuen Leuchttürme der Wissenschaft werden auf dem Trümmerfeld vieler irregeleiteter und missbrauchter junger Menschen errichtet", sagt Münch und räumt zugleich ein, dass auch seine Fakultät gezwungen werde, "dieses Monopoly-Spiel mitzuspielen, wenn wir selbst nicht an den Rand gedrängt werden wollen".

Als Lösung sieht Münch, zumindest für sein Fachgebiet, eine komplette Abkehr von der "Herrschaft der Professoren". In echten Teams mit den Professoren würden die Doktoranden und Postdocs viel mehr als zuvor für eine breit ausdifferenzierte, vielfältige Reproduktion der Soziologie als Fachdisziplin sorgen. Doch dazu bedürfe es mehr als der halben Revolution in Gestalt von Exzellenzinitiativen und Bologna-Umsetzungen.

Auch Bayerns Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU) ist nicht zufrieden mit der Umsetzung des Bachelor- und Master-Systems. "Es besteht die Gefahr einer zu stark verschulten Hochschulausbildung. Das entspricht nicht unserem Generalanspruch der Spitzenbildung", kritisiert der promovierte Pädagoge, der künftig drei Varianten der Master-Ausbildung sieht: einen Laufbahn-Master, wie ihn Juristen, Mediziner oder Lehrer zur vollwertigen Berufsausübung bräuchten; Master-Programme für Forscher, wie etwa in Göttingen oder Bayreuth; schließlich weiterbildende Master-Studiengänge für die berufstätigen 35 bis 55-Jährigen.

Da sich dieses System "leider" nicht mehr zurückdrehen lasse, sollten die Hochschulen das Beste daraus machen. Dazu gehören, sagt Goppel, derzeit auch die Exzellenz-Master für angehende Spitzenforscher. Er versteht sie als "besondere Motivation nicht nur für Studierende, sondern auch für die Lehrenden". Ein wichtiges Kriterium bleibe aber: "Die Studierenden in den anderen Kategorien müssen sich genauso motiviert fühlen!"

Es klingt, als würde Goppel am liebsten die Eliteförderung beenden. Stattdessen spricht er von "Weiterentwicklung" und "breit angelegter Talentförderung". Man darf gespannt sein.

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