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Von Beruf Besserwisser: "Die Römer hätten Weinkrämpfe bekommen"

Von Kai Kolwitz

Wenn sich Christoph Blase im Kino einen Monumentalfilm ansieht, hält es ihn kaum auf dem Sitz: Meist wimmelt es dort nur so von Fehlern. Galeerensklaven beispielsweise gab es im alten Rom nicht. Aus seinem Ärger machte der bekennende Besserwisser einen Job - als Geschichtsberater.

Historisch zum Teil nicht korrekt: Filmszene aus "Gladiator"
AP

Historisch zum Teil nicht korrekt: Filmszene aus "Gladiator"

Über den Film "Gladiator" kann Christoph Blase aus dem Stand ein zehnminütiges Referat halten. Vor allem, wenn es darum geht, was an dem Haudegen-Epos alles nicht historisch korrekt ist: "Am Anfang sind die Römer in Germanien. Sie bereiten sich auf einer winzigen Lichtung auf die Schlacht vor, ohne Bewegungsfreiheit, aber dafür mit Gräben, Katapulten und griechischem Feuer. Dabei waren die römischen Legionen darauf ausgerichtet, eine große Fläche zu haben, um ihre ganze Wucht und Disziplin zum Einsatz zu bringen. Außerdem haben sie bei einer Feldschlacht nie Katapulte dabeigehabt."

Und so geht es weiter. Blase redet sich in Rage - über falsche Säulen, römische Galeeren, die in Wirklichkeit niemals von Sklaven gerudert wurden, falsche Kleidung bei den Soldaten und Gladiatorenkämpfe, die es so nie gegeben hat: "Die Kämpfe waren damals schon eine hoch entwickelte Unterhaltungsindustrie. Aber im Film haben sie den Leuten einfach irgendwelche Phantasiemonturen angezogen, bei denen die Römer damals Weinkrämpfe bekommen hätten."

Den historischen Gehalt prüfen

Solche falschen historischen Darstellungen können Christoph Blase locker den Kinoabend verderben. Denn der 42-Jährige ist nicht nur Cineast, sondern auch studierter Historiker. So hatte er schon immer Spaß daran, auf der Leinwand gesehene Details auf ihren geschichtlichen Wahrheitsgehalt abzuklopfen. Und weil es bei "Gladiator" besonders schlimm war, kam der Filmfan auf eine Idee: Er machte die Besserwisserei zum Beruf.

"Ich habe im Internet nachgeschaut, welche Adressen noch frei waren. 'Geschichtsberatung.de' war noch zu haben. Das ist leicht zu merken, und man muss nicht viel buchstabieren."

Blases Konzept: die während seines Studiums erworbenen Kenntnisse einsetzen, um Auftraggebern zu mehr historischem Gehalt, zum Beispiel in der Unternehmenspräsentation zu verhelfen. Kunde des Geschichtsberaters war beispielsweise ein großes Maklerunternehmen, für das der Historiker den Jahresbericht aufpeppte - mit einem Text zum Thema "Wie die Kelten gebaut haben". Für die PR-Agentur Querverbindung recherchierte der Historiker die Geschichte des Regionalzuges RE1 der Bahn.

Elektro-Fachmarkt mit Geschichte

"Die Geschichte hinter Geschichte finden", beschreibt Blase die Vorgehensweise: "Da gab es einen Elektro-Fachmarkt, der in Berlin eine neue Niederlassung eröffnet hat. Das hätte zunächst niemanden interessiert. Also haben wir als Erstes herausgefunden, dass das Haus nach dem Zweiten Weltkrieg den britischen Offiziersclub beherbergte und vom gleichen Architekten entworfen wurde wie das Olympiastadion.

Begeisterter Besserwisser: Christoph Blase

Begeisterter Besserwisser: Christoph Blase

Und schließlich stellte sich heraus, dass sich in dem Komplex das erste deutsche Fernsehstudio befunden hatte und auf dem Dach die erste Leuchtreklame in Deutschland montiert gewesen war. Ich habe dann noch Fotos gefunden - die Geschichte ist dreispaltig in den Zeitungen gelaufen."

Solche Fundstücke machen Blase stolz. Und auch die Tatsache, dass er von seiner Arbeit leben kann. Angesichts eines engen Arbeitsmarkts kann das eigene Fachwissen bei Geisteswissenschaftlern Überlebensstrategie sein: Philosophen bieten Lebensberatung an, Historiker spezialisieren sich auf Unternehmensgeschichten und Journalisten schreiben private Biografien für Jedermann.

"Selbstständigkeit ist ein steiniger Weg"

Nur 55 Prozent der Absolventen in den Geisteswissenschaften haben ein Jahr nach dem Abschluss eine feste Stelle gefunden, hat die Hochschul-Informations-System GmbH im Auftrag des Bildungsministeriums ermittelt. 10 Prozent jobben, 12 Prozent machen eine weitere Aus- oder Fortbildung und knapp 10 Prozent halten sich mit Werkverträgen oder Auftragstätigkeiten über Wasser.

"Selbstständigkeit ist ein steiniger Weg, der gut überlegt sein muss", warnt die Zentralstelle für Arbeitsvermittlung. Doch Christoph Blase hat seinen Entschluss bislang nicht bereut. Allerdings hat er nicht bei null angefangen: Nach dem Studium absolvierte er zunächst ein Zeitungsvolontariat, arbeitete dann in der PR-Branche und konnte so mit seiner Beratung in Sachen Geschichte auf bereits vorhandene Kontakte zurückgreifen. Weitere Aufträge kommen über die Webseite herein, über Mundpropaganda oder dadurch, dass Blase gezielt Unternehmen anspricht.

Der Geschichtsberater rät auch Anfängern dazu, sich ihre Nische zu suchen: "In Deutschland gibt es ungefähr 40.000 PR-Berater, aber vielleicht zehn Agenturen, die sich im weitesten Sinne mit Geschichte beschäftigen. Wer nur auf dem Mainstream reitet, wird häufig verheizt."

Allerdings: Auch für Blase ist nicht alles so gelaufen, wie er das gern hätte. Für einen Film durfte er trotz aller einschlägigen Erfahrung noch nie arbeiten. Auch ein Auftrag als Geschichtsberater für ein Computerspiel steht noch aus. Aber die Lust am Kino hat der Historiker trotz aller fachlichen Mängel der Filme noch nicht verloren.


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