Fledermaus-Suche bei Nacht: "Wir werden schon nicht erschossen"

Biologe in echt: "Zwergfledermaus im Dauerjagdflug" Fotos
Dennis Stachel

Dunkel, einsam und kalt sind Simon Ewers' Expeditionen: Der Biologe zieht mit einer Horchkiste durch die Nacht und spürt Fledermäuse auf. Das Jugendmagazin "Spiesser" hat ihn auf seiner strapaziösen Tour begleitet.

20:30 Die Nachtwanderung beginnt

In einem weißen Geländewagen holpert Simon Richtung Wald. Rechts und links Felder, deren Ränder in der Dämmerung verblassen. "Ich bin viel zu spät", stellt Simon fest. Normalerweise muss der Biologe seine Ausrüstung vor Sonnenuntergang aufbauen, denn die Tiere, die er sucht, sind nachtaktiv.

Er hält auf einer kleinen Waldlichtung. Neben Holzstämmen legt der 28-Jährige eine schwarze Kiste in der Größe eines Schuhkartons ab. "Da drin ist ein Ultraschallmikrofon, das Fledermausrufe aufnimmt und sie auf einem Diktiergerät speichert", erklärt Simon diese "Horchkiste".

20:45 Bürokratie im Wald

Auf den umliegenden Feldern sind Windkraftanlagen geplant. Mithilfe der Horchkiste prüft Simon für ein Marburger Umweltplanungsbüro, ob es hier viele seltene Fledermausarten gibt. Mit seinen Daten erstellt er Gutachten, die anschließend an die Kommune oder einen Energiekonzern gehen. Von seinen Gutachten hängt ab, ob die Windräder gebaut werden dürfen.

"23.04.2013, 21 Uhr, Horchkistenstandort drei, Horchkistennummer acht", spricht Simon auf das Diktiergerät, bevor er die Box zuklappt und wieder ins Auto steigt.

22:00 Lektion über den Tod

Hier und da setzt Simon weitere Kästen ab. Dann geht's zu Fuß durch die Nacht. Zwei Routen muss der Biologe ablaufen, um auch die Umgebung auf Fledermäuse zu kontrollieren. Wildschweine werden heute Nacht auch gejagt. "Aber wir werden schon nicht erschossen." Er schiebt ein "hoffentlich" hinterher. Plötzlich knackt das Ultraschallgerät in Simons Hand. Ein Geräusch, das nach flatternden Flügeln klingt, ist zu hören.

Zu sehen ist in der Dunkelheit nichts. "GPS Punkt 13. Zwergfledermaus im Dauerjagdflug", spricht Simon auf sein Diktiergerät, nachdem er die 1,7 Sekunden Geräusch gespeichert hat. "Das war kein Flügelschlagen", erklärt er, "sondern Ultraschall, den die Fledermäuse abgeben, wir aber nicht hören können."

Fledermäuse sehen sozusagen über ihre Ohren: Ihr Schall prallt auf Bäume, Beute oder andere Gegenstände und schallt zurück. So schätzen die Flugtiere die Objekte ein und Entfernungen ab. "Übrigens denkt man ja, die Tollwut sei in Deutschland ausgerottet", erwähnt Simon ganz nebenbei. "Stimmt aber nicht. Ziemlich viele Fledermausarten übertragen sie. Wenn du gebissen wirst und dich nicht impfen lässt, ist das tödlich", sagt der Fachmann. "Sollte aber nicht passieren."

24:00 Die Füße schmerzen

Nach einiger Trödelei geht's zurück ins warme Auto. "Wir haben jetzt etwa ein Viertel geschafft." Simon zeigt die zurückgelegte Strecke auf einer Karte. Dann deutet er auf eine dreimal so lange Route. "Heute ist es kühl. Kann gut sein, dass wir gar keine Maus mehr hören", vermutet er.

Die Route muss er trotzdem ablaufen. Inzwischen leuchtet der fast vollrunde Mond über den schwarzen Tannen. Ein Windrad und leichter Nebel bieten ein malerisches Bild. Aber es ist kalt, der Weg noch weit und die Füße schmerzen.

2:00 Ein warmes Bett, bitte!

Nur eine weitere, jämmerliche Zwergfledermaus lärmt auf der Tour. Auch sie ist nicht zu sehen. Dafür ein Waldkauz. Irgendwo kläfft ein Hund als Simon über einen Stacheldrahtzaun klettert. Zwei Stunden später kehrt er mit enttäuschend wenig Material auf dem Diktiergerät zum Auto zurück. "Jetzt nur noch auf den Sonnenaufgang warten", sagt der Biologe und macht es sich auf dem Beifahrersitz "bequem". "Dann kann ich die Horchkisten einsammeln." Der kalte, ungemütliche Teil der Nacht liegt nicht hinter, sondern vor ihm.


Von Leonie Ruhland (Text) und Dennis Stachel (Fotos) für das Jugendmagazin "Spiesser"

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Feldermaus klingt voll süß...
molesman 14.06.2013
nicht abändern Spiegel Team, das ist putzig was Ihr aus der faden Fleder macht. Schönes Wochenende. :)
2. Wer kennt noch die Natur?
Lutz Wendorff 16.06.2013
Vielleicht sollten viele einfach mal sich draussen in den Schlafsack legen und lauschen, bis sie einschlafen. Den Ultraschall werden sie nicht hoeren, die Fledermaeuse sind zu ruecksichtsvoll. Es bleibt nur der Wirklichkeitsschock: Hier soll ein Windmuehle stehen. Absolut toedlich fuer viele Tiere. Die Fluegelspitzen haben eine Geschwindigkeit von 300 km/h, quer zur Windrichtung. Fledermaeuse, Voegel, auch die singende Lerche darf dem nicht zu nahe kommen. Viele Voegel werden vom entstehenden Aasgeruch noch angezogen, wie auch die Insekten, welche von Fledermaeusen gesucht werden. Daran haengen dann vielleicht Leitungen, wofuer auch betraechtliche Erdarbeiten noetig sind, um 6 MW Nennleistung ableiten zu koennen. Im Mittel allenfalls 1 MW, also sechsfach ueberdimensioniert, es koennten ja mal volle 6 MW sein.
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