Chinesisch-Intensivkurs: "Darf ich Sie küssen, Frau Yang?"

Sie werden froh sein, wieder weg zu dürfen: Das hörte Marco Stahlhut zu Beginn seines Chinesisch-Crashkurses. Er hat sich trotzdem getraut, schließlich gilt die Sprache als Karriere-Booster. Aber warum nur ist sie so schwer? Und warum fasst ihm die Lehrerin ins Gesicht? Protokoll einer Selbstquälerei.

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Julia Unkel

Chinesich-Schüler Stahlhut: "Mein Hirn will nicht mehr"

TAG 1 | Ankunft am Landesspracheninstitut in Bochum, wo ich in den kommenden drei Wochen Chinesisch lernen will. Am Ende will ich zumindest so viel wissen, dass ich die wichtigsten Alltagsdinge regeln kann. Auf geht's.

Institutsleiter Dr. Manfred Frühauf begrüßt uns. Er sagt: "Sie werden bei uns 60 Prozent der chinesischen Grammatik kennenlernen. Außerdem 780 Vokabeln. Zusätzlich zu den täglich sieben Stunden Unterricht erwarten wir von Ihnen zwei bis drei Stunden Nacharbeit. Am Kursende werden Sie froh sein, nach Hause fahren zu dürfen."

Nach dem ermunternden Vortrag beginnt die erste Sprachstunde. Wir lernen allerdings keine chinesischen Wörter, sondern erst einmal nur die korrekte Aussprache von Lautkombinationen. Das ist sehr wichtig. Je nachdem, wie man beispielsweise die Silbe "Ma" betont, hat sie eine andere Bedeutung. "Ma" im ersten Ton - die Stimme bleibt oben auf konstanter Höhe - heißt "Mutter". Ma im zweiten Ton - die Stimme geht von unten nach oben, ähnlich wie bei einer Frage im Deutschen - heißt aber "Hanf". Da will man lieber nix verwechseln. "Ma" hat noch weitere Bedeutungen. "Mama ma ma", richtig betont, könnte etwa heißen: "Die Mutter schimpft das Pferd aus."

Ich bekomme ein bisschen Angst.

TAG 2 | Der neue Tag beginnt vielversprechend: "Stellen Sie sich vor, Sie wollten jemanden küssen", sagt Frau Loh. "Ein ganz besonders intensiver Kuss." Es geht dann aber doch nur um die Mundstellung bei den ts-, z-, s- und sch- Lauten. Zur Unterstützung der korrekten Aussprache zischt Frau Loh den jeweiligen Laut in die Ohren der Schüler. Da manchen Kursteilnehmern damit noch nicht geholfen ist, greift sie zu weiteren Hilfsmitteln: einem Spiegel und dem Modell eines menschlichen Kiefers, um Stellung von Mund, Zunge und Zähnen bei den unterschiedlichen Lauten vorzuführen. Wenn gar nichts hilft, fragt Frau Loh höflich: "Darf ich?", um sodann den Mund des Schülers mit ihren Händen in die richtige Position zu ziehen.

TAG 3 | In der Mittagspause stellen wir fest, dass wir mit einer chinesischen Zufallsbekanntschaft jetzt schon fünf Minuten Small Talk bestreiten könnten. Name, Beruf, Herkunft, alles da. Falls wir die richtigen Töne treffen.

TAG 4 | Wir haben insgesamt sechs Lehrer. Herr Zhang zum Beispiel spricht nicht fließend, sondern eher schießend Deutsch. Hochenergetisch redet er auf uns ein und schreibt immer neue Frage- und Antwortmuster im Chinesischen an die Tafel. Am Ende ist alles mit Zetteln bedeckt. "Hat jemand etwas noch nicht verstanden?" Keiner meldet sich. Wir sind am Ende. Herr Zhang hat uns erschossen. Verbal natürlich.

TAG 6 | Samstagmittag: Die erste Unterrichtswoche ist vorbei. Wir wissen jetzt auch, wie man die Uhrzeiten auf Chinesisch angibt, wie man Vorschläge macht und sich verabredet.

TAG 7 | Frei! Schon beim Aufwachen schwirren mir chinesische Satzfetzen durch den Kopf. Entweder ist das ein Zeichen für meine sprachlichen Fortschritte, oder ich werde verrückt. Ich telefoniere mit einer sinophilen Freundin. Die meint: "Wahrscheinlich beides. Ein bisschen Verrücktsein kann in China sowieso nicht schaden." Na dann.

TAG 8 | Wir haben nach wie vor große Probleme mit der Aussprache. "Essen heißt 'chifan'", sagt Frau Fan, "'fan', mit offenem A, nicht 'fen'. Sie sagen immer: 'chi fen', das heißt aber, Sie essen Mist. Ein häufiger Fehler von Westlern. Die Chinesen lachen dann und sagen: 'Die Langnasen essen nur Mist!'" Nach der Pause mache ich meiner Lehrerin Frau Yang versehentlich ein unsittliches Angebot. Ich sage "Qing wèn" und meine eigentlich: "Darf ich Sie fragen?" Ich spreche es aber falsch aus und Frau Yang versteht: "Darf ich Sie küssen?" Hätte ich in Peking eine Passantin so nach dem Weg gefragt, hätte ich womöglich eine Ohrfeige kassiert. Damit das nicht passiert, fordert mich Frau Yang auf, viermal "Wen" zu sagen und dabei auf den Tisch zu klopfen - der vierte Ton ist ein fallender Ton, das Klopfen soll helfen, ihn zu treffen. Ich vermute, das heißt zugleich: Mein unfreiwilliges Angebot wurde abgelehnt.

TAG 11 | Wir wissen schon, wie man ein Hotel bucht, jetzt geht es um Geldumtausch, Einkaufen, nach dem Weg fragen und um verschiedene Verkehrsmittel. Am Ende bin ich wieder erstaunt, wie viel wir jetzt schon können. Theoretisch. Ich frage mich allerdings auch, wie lange es wohl dauern wird, bis ich Sätze beherrsche, ohne sehr, sehr lange Pausen zwischen den einzelnen Wörtern zu machen.

TAG 13 | Samstagmittag. Nicht nur die zweite Unterrichtswoche, auch ich bin langsam am Ende. Ich hatte noch nie im Leben so stark das Gefühl, einen geistigen Sättigungspunkt erreicht zu haben. Mein Hirn will nicht mehr.

TAG 14 | Am Sonntag mache ich nichts, außer zu joggen, mich auf dem Bett zu fläzen und zu lesen: den Daoisten Zhuangzi, auf Deutsch übrigens. Außerdem freue ich mich auf den Mittwoch, einen Feiertag. Da findet nämlich kein Unterricht statt. Wer hatte mich noch mal auf die bescheuerte Idee gebracht, diesen Intensivkurs zu belegen?

TAG 15 | Irgendwie kommen wir im Unterricht von Herrn Zhang zur Frage, was man in China bei Geschenken beachten sollte. "Uhren zu schenken ist nicht gut. 'Zhong' im ersten Ton heisst Uhr, es heißt aber auch: Ende. Deswegen sind Uhren als Präsent ungeeignet, denn sie erinnern an den Tod. Andererseits", sagt Herr Zhang und lächelt, "wenn Sie einem Chinesen eine Kuckucksuhr schenken oder eine Rolex, würde er in beiden Fällen wohl darüber hinwegsehen und das Geschenk gern annehmen." Wir lernen: Chinesen sind ein abergläubisches Volk. Und sie mögen Kuckucksuhren.

TAG 16 | Wir absolvieren eine Frage- und Antwortstunde mit einer taiwanischen Studentin, die hier am LSI hospitiert. Wir wollen wissen, wie sie heißt, aus welcher Stadt sie stammt, was sie studiert, ob sie deutsche Filme mag. Sie versteht uns! Und wir verstehen ihre Antworten! Hurra! Ich bin beglückt. Aber nicht lange, denn später wird es noch mal kompliziert. Wir lernen schon wieder eine neue Grammatikstruktur, diesmal, um auszudrücken, ob man jemandem etwas schickt, gibt oder leiht. Je nach Satzstellung gibt es Bedeutungsunterschiede. Ich kapier's nicht. Die Chinesen mögen Turnschuhe und Handys kopieren - doch diese Sprache ist kein Plagiat. Die können sie sich nur selbst ausgedacht haben.

TAG 19 | Zum Abschluss bekommen wir eine Urkunde. Auf meiner steht: "Marco Stahlhut hat erfolgreich am Chinesisch-Intensivkurs des Landesspracheninstituts Bochum teilgenommen." Heißt natürlich nichts, bin trotzdem stolz.

EPILOG | Zurück in Berlin treffe ich mich mit einem Freund aus Shanghai. Selbstverständlich beim Chinesen, lecker Hotpot essen, eine Art Suppen-Fondue. "Ni hui zhongwen ma?", fragt Xu Zhibo, "Sprichst du Chinesisch?" "Hui yidianr zhongwen", antworte ich, "ich spreche ein wenig Chinesisch". Und was soll ich sagen: Es stimmt. Nein, wir können uns nicht fließend in seiner Heimatsprache unterhalten. Und meine Gesprächsthemen sind ausgesprochen begrenzt. Aber Satz für Satz und mit viel Geduld seinerseits geht es. Auf nach China!

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