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Wissenschaft und Homosexualität: Queere Köpfe

Von Mareike Knoke

Schwul und lesbisch an der Uni - kein Thema mehr, oder? Mittlerweile feiern alle miteinander den Christopher Street Day. Und doch gibt es weiter versteckte Diskriminierung: Wer auch noch zur Homosexualität publiziert, gilt schnell als "Betroffenheitsforscher".

Der Empfang hätte nicht netter sein können. Prof. Dr. Bernd Simon war für ein Vorstellungsgespräch an die Universität in Manchester eingeladen worden. Der Flieger war am Abend zuvor spät gelandet. Simons Gesprächspartner, der Direktor des Departments of Psychology, erkundigte sich fröhlich: "Hatten Sie noch einen schönen Abend gestern? Wir haben hier eine sehr lebendige Gay-Szene mit tollen Bars und Kneipen."

Christopher Street Day (in Berlin): Fest der Gay-Community
DPA

Christopher Street Day (in Berlin): Fest der Gay-Community

Simon, bekennender Homosexueller und seit 1998 C4-Psychologie-Professor an der Universität Kiel, muss schmunzeln, wenn er an das ein paar Jahre zurückliegende Gespräch denkt. "In Deutschland wäre mir das nicht passiert", ist er überzeugt.

So unverkrampft wie die Briten gehen Humboldts eher konservative Erben mit der sexuellen Orientierung ihrer Kollegen offenbar nicht um, so seine Erfahrung. Auch in Skandinavien sei man viel ungezwungener. Ein lockerer Umgang mit dem Thema könnte für deutsche Hochschulen zu einem echten Standortvorteil beim Wettbewerb um kluge Köpfe werden, glaubt der 47-Jährige.

"Und was macht Ihre Frau beruflich?"

Simon hat nie ein Geheimnis aus seinem Schwulsein gemacht. Auf seinem Lebenslauf war für jeden, den es interessierte, zu lesen, dass er sich im Verein lesbischer Psychologinnen und schwuler Psychologen engagiert. Und wenn es gerade passt, erzählt er auch von seinem Lebensgefährten, einem brasilianischen Architekten, mit dem er in Hamburg zusammenlebt. Vor einiger Zeit zum Beispiel, als er mit dem Dekan der Philosophischen Fakultät in der Kantine zusammensaß und der ihn fragte: "Und was macht eigentlich Ihre Frau beruflich?" Darauf Simon: "Ich lebe mit einem Mann zusammen." Damit, sagt Simon, "war das Thema gegessen".

Ist das überhaupt noch ein Thema an deutschen Hochschulen? Bernd Simon lacht: "Bei den Kulturwissenschaftlern oder bei uns Psychologen vielleicht nicht. Aber fragen Sie das mal einen Mediziner, Juristen oder Theologen. Ich wette mit Ihnen: Nur sehr wenige Kollegen bekennen sich dort ganz offen zu ihrer sexuellen Orientierung - der Karriere zuliebe. Und man kann ihnen ihre Vorsicht nicht verdenken."

Offene Diskriminierung wird es zwar auch in diesen eher konservativen Fachbereichen nicht geben. "Schwule oder lesbische Kollegen offensichtlich abschätzig zu behandeln oder zu benachteiligen, kann sich heute niemand mehr leisten", sagt Simon. Doch versteckte Diskriminierung gebe es schon.

Das gilt auch für seine eigene Berufung. Es gab Mitglieder in der Kieler Berufungskommission, das weiß Simon, die ihn damals nicht haben wollten. Trotz glänzender wissenschaftlicher Leistungen. Über die Gründe kann man nur spekulieren: Simon ist nicht nur homosexuell, sondern er erforscht, im Rahmen vieler anderer Untersuchungen zur Individualisierung und sozialen Kategorisierung, auch Einstellungen zur Homosexualität.

Ein Schwuler, der über das Schwul und Lesbischsein publiziert? Vielen ist das offenbar "too much".

Versteckte Diskriminierung

Ein Blick zurück. Vor 40 Jahren wurde der Paragraf 175 des Strafgesetzbuchs, der Homosexualität als Straftat brandmarkte, entschärft, 1994 endgültig abgeschafft. Seit fast 30 Jahren ist in vielen deutschen Städten der Umzug zur Erinnerung an den Christopher Street Day ein fester Termin im Kalender nicht nur der Queer Community, sondern auch Heterosexueller. Seit rund sieben Jahren gibt es in Deutschland die sogenannte Homo-Ehe, die es gleichgeschlechtlichen Partner ermöglicht, ihre Lebenspartnerschaft einzutragen. Und es gibt bei den Beamten erste Ansätze, zumindest dienstrechtlich keine Unterschiede mehr zu machen: In Berlin sollen in homosexueller Partnerschaft lebende Hochschullehrer bald einen Verheiratetenzuschlag auf den Beamtensold bekommen - wie ihre heterosexuellen Kollegen.

Ende Mai wurde das Denkmal für die während der NS-Zeit verfolgten und ermordeten Homosexuellen eingeweiht. Und Anfang Mai eröffnete an der Berliner Charité "Sex brennt", die mit großem Medienecho begleitete Ausstellung über den Sexualforscher Magnus Hirschfeld (1868 bis 1935). Der war nicht nur bekennend schwul, sondern gründete 1918 in Berlin ein Institut für Sexualwissenschaft.

So weit, so gut. Dass Forschung zur Homosexualität heute noch als Pionierarbeit oder wichtige wissenschaftliche Leistung gewürdigt werde, davon könne allerdings keine Rede sein, bedauert der Historiker Dr. Jens Dobler, der über die "Schwulenverfolgung und -kriminalisierung zwischen 1848 bis 1933" promovierte und Mitglied der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft ist. "Wer sich als Homosexueller mit homosexuellen Themen beschäftigt, landet automatisch in der Ecke 'Betroffenheitsforschung' und wird nicht richtig ernst genommen. Dabei gäbe es viele offene und interessante Fragen", sagt Dobler. "Empirische Themen wie die gesellschaftlichen Folgen der Homo-Ehe zum Beispiel."

Probleme bei Forschungsanträgen

Dieses Feld beackert am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft der Freien Universität Berlin seit rund eineinhalb Jahren Prof. Dr. Hans-Joachim Mengel. An seinem Centre for the Study of Discrimination based on Sexual Orientation (CSDSO) erforscht er Ursachen und Wirkungen der Diskriminierung Homosexueller. Ein ehrgeiziger Plan, den er mit Hilfe seiner Doktoranden und etlicher, sich ehrenamtlich engagierender Studenten verwirklichen will.

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Die angebotenen Seminare sind gut besucht, Kontakte ins Ausland geknüpft. Tatsächlich verkündete die FU stolz auf ihrer Homepage, dass das CSDSO und das Engagement des Kollegen Mengel deutschlandweit einzigartig seien. Allerdings hat die FU ihrer moralischen Unterstützung bislang keine finanzielle folgen lassen. Laut Mengel erhält das Zentrum außer einem kleinen Raum in einer unieigenen Villa keine Zuwendungen. "Zur offiziellen Eröffnung ist leider kein Mitglied der Universitätsleitung erschienen", bedauert Mengel. Dabei, so der Politologe und Rechtswissenschaftler, "ist die Diskriminierung ein Problem, das eine ganze Gesellschaft prägt, und nicht nur ein unbedeutendes Randthema".

Es gibt andere homosexuelle Wissenschaftler, die deutlicher werden - und deshalb lieber nicht namentlich genannt werden wollen. "Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) hätte ein Forschungsantrag, in dem zu oft die Wörter homosexuell, schwul oder lesbisch vorkommen, sicherlich kaum Chancen", sagt etwa ein Hamburger Geisteswissenschaftler. Eine lesbische Soziologin bestätigt dies: Sie tüftelt gerade mit Kolleginnen an einem interdisziplinären Forschungsantrag, der sich mit Geschlechterforschung beschäftigt.

Der Literaturwissenschaftler Dr. Volker Woltersdorff hat Glück: Er forscht, ebenfalls an der FU Berlin, über sadomasochistische Subkultur - unter dem, wie er selbst sagt, "komfortablen Dach" des großen, interdisziplinären Sonderforschungsbereichs "Kulturen des Performativen". Er musste bei der DFG also nicht selbst die Probe aufs Exempel machen.

Über seine sexuelle Orientierung lässt Woltersdorff keinen Zweifel. Er promovierte über das Coming-out in der Literatur und publizierte viel über schwullesbische Themen. Der 37-Jährige weiß aber auch: "Wenn ich den Karriereweg Professur einschlagen und mich habilitieren will und wenn ich Zugang zu ganz bestimmten, meist von heterosexuellen Männern dominierten Netzwerken finden will, werde ich mir noch einen zweiten Forschungsschwerpunkt suchen müssen." Und: "Ich kenne Forscher, die sich deshalb konsequent von schwul-lesbischen Themen abgewendet haben." Hans-Joachim Mengel berichtet von einem (heterosexuellen) Studenten, der ihn darum bat, den Titel seiner Diplomarbeit etwas allgemeiner halten zu dürfen - um nicht von Anfang an auf "Homo-Themen" festgelegt zu werden.

"Ob der Landesbischof die Ernennung unterzeichnet hätte?"

Das hätte der Historiker Jens Dobler zwar nie getan. Aber ein zweites Standbein hat auch er sich gesucht - weil er die Erfahrung machte, dass seine Förderanträge für homosexuelle Themen bei verschiedenen Stiftungen abschlägig beschieden wurden. Derzeit gehört Dobler zu einem Forscherteam um Prof. Dr. Wolfgang Benz an der Technischen Berlin. Das Thema: "Kriminalitätsbekämpfung im Nationalsozialismus".

Auch für lesbische Wissenschaftlerinnen sind die Schritte auf der Karriereleiter manchmal eine Gratwanderung. Eine Berliner Theologieprofessorin sagt: "Ich bin mir nicht sicher, ob der dafür zuständige Landesbischof die Ernennungsurkunde unterschrieben hätte, wenn er von meiner sexuellen Orientierung gewusst hätte."

Auch ihr Dekan weiß nichts. Deshalb ist für die Theologin klar: "Ich werde nie verleugnen, dass ich mit einer Frau zusammenlebe. Dennoch werde ich in den ersten drei Jahren, bis zur Zwischenevaluation meiner Arbeit, vorsichtig sein." Zumal ihr Arbeitsthema "Theologie und Geschlechterforschung" ist; natürlich wird sie auch den Aspekt Homosexualität in ihren Seminaren streifen. Und wie ihre männlichen Kollegen hat auch sie keine Lust, als "Betroffenheitsforscherin" abgestempelt zu werden.

Hinzu kommt: Für viele lesbische Wissenschaftlerinnen ist der Karriereweg an der Hochschule schwieriger als für ihre männlichen Kollegen. Denn wie ihre heterosexuellen Geschlechtsgenossinnen müssen sie auf dem Weg nach oben auch noch die berüchtigte gläserne Decke überwinden.

Der Bremer Soziologe Prof. Dr. Rüdiger Lautmann outete sich bereits in den siebziger Jahren. Seither, findet er, ist zwar manches selbstverständlicher, aber nicht unbedingt einfacher geworden, für Frauen wie für Männer: "Ich hatte damals das Gefühl, doppelt beweisen zu müssen, dass ich gut bin und habe immer wie wild publiziert." Daran, stellt er mit Bedauern fest, habe sich wohl immer noch nicht viel geändert.

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