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Befristete Jobs: Das ändert sich für Mitarbeiter an Unis - und das nicht

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Helmholtz-Zentrum in Dresden (Archivbild): Auch Laborkräfte haben in der Wissenschaft oft nur einen befristeten Vertrag Zur Großansicht
DPA/Frank Bierstedt/HZDR

Helmholtz-Zentrum in Dresden (Archivbild): Auch Laborkräfte haben in der Wissenschaft oft nur einen befristeten Vertrag

Von Zeitvertrag zu Zeitvertrag - Tausende Mitarbeiter an Unis haben keine Jobsicherheit. Jetzt kommt eine Reform des Arbeitsrechts. Wird sie helfen?

Wenn man eines Tages Diabetes besser behandeln kann, dann hat vielleicht auch Steffi Gruber einen kleinen Anteil daran. Regelmäßig bekommt sie Blutproben von Diabetes-Patienten ins Labor geschickt. Sie analysiert dann deren DNA: Welche genetischen Faktoren begünstigen die Krankheit?

Die 28-Jährige arbeitet in einem Forschungszentrum der Helmholtz-Gemeinschaft. Der Job macht ihr Spaß - wäre da nur nicht die Unsicherheit: Ihr aktueller Vertrag läuft Ende des Jahres aus, im Januar stellt Helmholtz sie mit einem neuen Vertrag wieder an. So geht das nun schon seit acht Jahren. "Ich hatte immerhin Glück, dass meine Verträge meistens relativ lange liefen", sagt Steffi Gruber, die eigentlich anders heißt. "Viele Kollegen haben nur Halbjahresverträge und müssen sich ständig von Neuem arbeitslos melden." Oder sie gehen gleich in die Industrie.

Dass die Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft zermürbend sein können, hat sich herumgesprochen. Doktoranden arbeiten auf befristeten Teilzeitstellen, oft mit Ultrakurzzeitverträgen. Selbst promovierte Wissenschaftler bangen über Jahre hinweg von Zeitvertrag zu Zeitvertrag einer festen Professur oder Dozentenstelle entgegen.

Ein Fall für die Arbeitsgerichte

Steffi Gruber aber schreibt weder an einer Doktorarbeit noch strebt sie einen Posten als Hochschullehrerin an: Sie ist Labormitarbeiterin, eine biologisch-technische Assistentin mit abgeschlossener Berufsausbildung. Die Forscher wünschen DNA-Analysen für ihre Dissertationen, Gruber liefert sie ihnen. "Ich bin inzwischen schon länger befristet beschäftigt als die meisten Doktoranden, mit denen ich zusammenarbeite", sagt Gruber.

Für Universitäten und Forschungsinstitute gibt es in Deutschland ein äußerst liberales Sonderarbeitsrecht. Festgelegt ist es im sogenannten Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Nach langer Debatte will die schwarz-rote Regierungskoalition im Bundestag an diesem Donnerstag eine Reform beschließen.

Mehr als die Hälfte der promovierenden Mitarbeiter in der Wissenschaft hat bisher einen Vertrag, der nicht einmal ein Jahr läuft. Eine der größten Absurditäten ist, dass bisher auch die Helfer der Forscher über Jahre hinweg in prekären Arbeitsverhältnissen gehalten werden konnten - Techniker, Assistenten, Laborkräfte wie Steffi Gruber.

Mehr Klarheit für nicht-wissenschaftliche Mitarbeiter

Künftig soll nun die Laufzeit der Verträge für wissenschaftliches Personal der "angestrebten Qualifikation angemessen sein". Aber was ist angemessen? Die Grünen und die Linkspartei hatten verlangt, dass Doktorandenverträge mindestens zwei Jahre laufen müssen, die Bildungsgewerkschaft GEW hatte sogar drei Jahre gefordert.

Als "vage und unverbindlich" kritisiert deshalb auch GEW-Hochschulexperte Andreas Keller die Novelle; die Promotion werde im Gesetz noch nicht einmal explizit als Kriterium für die Befristungsdauer genannt. "Wenn eine Hochschule also besonders kreativ ist, kann sie die Vorbereitung einer Lehrveranstaltung als Qualifizierung deklarieren und dafür weiterhin Halbjahresverträge vergeben", bemängelt Keller. "Wahrscheinlich machen einige Hochschulen einfach weiter wie bisher." Der Gewerkschaftsmann prognostiziert: Am Ende werden womöglich erst die Arbeitsgerichte klären, was eine angemessene Vertragslaufzeit in der Wissenschaft ist.

Mehr Klarheit schafft die Gesetzesreform auf den ersten Blick dagegen für Leute wie die Biologie-Laborantin Steffi Gruber: Nicht-Wissenschaftler wie Gruber können nun nur noch nach dem normalen Arbeitsrecht befristet werden - so wie jeder andere Arbeitnehmer in Deutschland auch.

Wer wagt es, gegen seinen Chef zu klagen?

Steffi Gruber ist dennoch weiterhin skeptisch. Im September gab es eine Betriebsversammlung zur Reform, wirklich schlau ist sie daraus nicht geworden. "Schlupflöcher gibt es sicher auch in Zukunft genug", sagt sie.

So erlaubt auch das normale Befristungsgesetz Zeitverträge, wenn Mitarbeiter in Projekten eingesetzt sind. Gilt das auch für Forschungsprojekte, über die Steffi Gruber bisher finanziert wurde? Fragestellungen, sagt der Betriebsratschef in Grubers Helmholtz-Zentrum, ändern sich in der Forschung ständig. "Das ist typisch für dieses Geschäft und sollte kein Grund sein, neben den Forschern sogar die Techniker und Helfer befristet zu beschäftigen." Gut möglich also, dass auch diesen Punkt die Arbeitsgerichte werden klären müssen.

Vorausgesetzt, es wagt tatsächlich jemand, gegen seinen Chef zu klagen.

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insgesamt 34 Beiträge
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1. Eine Folge des rot-grünen Reformeifers
Teigkonaut 17.12.2015
Das heutige Wissenschaftszeitvertragsgesetz geht wesentlich auf die ehemalige SPD-Ministerin Buhlman zurück. Die sozialen Folgen für die Betroffenen sind verheerend. Für mich ein prägnantes Beispiel dafür, dass man besonders misstrauisch sein sollte, wenn der Wolf im Schafspelz daher kommt.
2. Ohne Zeitverträge
Pfaffenwinkel 17.12.2015
an den Unis werden noch mehr Akademiker ohne Job sein, befürchte ich. Hat eben alles seine zwei Seiten.
3.
ftb7 17.12.2015
Deutschland bildet die Leute sehr gut bis zur Doktorarbeit aus und schickt sie dann wenn sie produktiv werden umsonst in die USA. Und dann wenn sie den Nobelpreis haben, aber schon über ihrem Zenit sind werden sie für viel Geld zurückgeholt. darüber hinaus ist gar keine Planungssicherheit für junge wissenschsftler. Spitzenforschung in Deutschland ist fast nicht mehr machbar, und es scheint politisch auch so gewollt zu sein.
4. Vertrauen ist besser
Teelicht 17.12.2015
Ich bin seit 5 Jahren auf Halb- und Vierteljahresverträgen beschäftigt. Wenn man weiß, wie die finanzielle Situation am jeweiligen Lehrstuhl ist und seinen Vorgesetzten kennt, kann man darauf vertrauen, dass man noch einen weiteren Vierteljahresvertrag bekommt. Das ist weniger dramatisch, als hier dargestellt wird. Das schlimme sind nicht die Vierteljahresverträge, sondern dass die überwiegende Mehrzahl der Arbeitsverträge an Universitäten nur mit 50% Bezahlung vereinbart sind. Es wird allerdings erwartet (das ist ein ungeschriebenes Gesetz), dass man für 50% Gehalt 100% der Arbeitszeit (40 Wochenstunden) und mehr arbeitet. Bei uns waren es teilweise 60 Wochenstunden von denen nur 20 bezahlt wurden. Ich kenne keinen Wissenschaftler an der Universität, der tatsächlich nur 20 Wochenstunden arbeitet. Der Witz ist, dass nun als "Schutz" vor der Ausbeutung Stempelkarten eingeführt werden sollen. Als kreative Lösung der Universität für dieses Problem sollen nun zwei Stempelkarten eingeführt werden: Eine Stempelkarte für die Bezahlung, die man Mittags austempelt und eine weitere "Anwesenheits-stempelkarte" für die versicherungstechnisch erforderliche unbezahlte "Anwesenheit", die man Mittags wieder einstempelt und abends austempelt. Was lernt man daraus? Die finanziell unterversorgte Universität ist einfach zu kreativ, um sich durch solch plumpe Gesetzgebung beschränken zu lassen.
5. Ein schwieriges Thema
WeissAuchAllesBesser 17.12.2015
Verträge mit wenigen Monaten Laufzeit sind sicher ein Unding, und es ist gut wenn hier gegengesteuert wird. Die Intention des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes ist aber eigentlich genauso klar wie richtig: Junge Akademiker bleiben für einige Jahre in der Wissenschaft, bis sie auf eigenen Beinen stehen können. Wer sich aber nach 6 Jahren weiterhin für befristete Verträge über Projektfinanzierung zur Verfügung stellt, der muss eben auch mit den Konsequenzen leben. An den Lehrstühlen mit denen ich zu tun habe, ist es im übrigen auch durchaus üblich bis zum Abschluss der Promotion Zweijahresverträge zu vergeben. Und wer sich nicht als totaler Blindgänger erweist, der muss auch nicht um die Finanzierung für bis zu 6 Jahre bangen. Kontakte in die Wirtschaft und eine Anschlussbeschäftigung sind dabei quasi inklusive.
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