Ein paar Semester in New York zu studieren, das ist ein riesiges Versprechen: erstklassiger Unterricht, faszinierende Leute, tolle Jobchancen, wilde Partys - eine phantastische Zeit eben. Aber es ist auch eine Drohung: nächtelanges Arbeiten, rücksichtsloser Wettbewerb, Anonymität, die Gefahr unterzugehen.
In New York trifft sich, heißt es, die Elite der Welt: Finanzjongleure, Politiker, Schauspieler und Musiker, Mode-Designer, Schriftsteller und Wissenschaftler. Wer hier ist, der kann das Gefühl genießen, ganz nah dran zu sein - zumindest für eine gewisse Zeit.
"Ich studiere jetzt zwischen den bekanntesten Sehenswürdigkeiten, den wichtigsten Geschäftsstraßen und den spannendsten Künstlervierteln. Das ist doch einmalig", sagt Liska Vehling, 24. Die Düsseldorferin ist seit Anfang Januar an der New York University (NYU) eingeschrieben und will dort ihren Master of Business Administration machen.
Warum New York? "Dumme Frage", sagt Liska, "super Stadt, super Uni." Die Stern School of Business, die Wirtschaftsfakultät der NYU, rangiert im internationalen Vergleich unter den Top Ten der Business Schools. In Liskas Lieblingsbereich, der Finanzwirtschaft, sogar auf dem dritten Platz, knapp hinter Toronto und Chicago. "Nicht schlecht, oder?"
"In New York sind alle viel zielstrebiger als an deutschen Unis. Im Prinzip dreht sich alles um den ersten Job."
New York bietet fast unbegrenzte Möglichkeiten zum Studieren: Colleges, Universities, Academies, Institutes of Technology, Business oder Law Schools - aber wirklich wichtig sind nur zwei: die Columbia University, uptown, nordwestlich des Central Park, nicht weit von Harlem, und die New York University, downtown, am Washington Square mitten im Szene-Viertel Greenwich Village.
Die Columbia präsentierte sich schon immer wie eine Tochter aus besserem Hause: Gegründet 1754 als King's College, residiert sie auf einem mit Backsteinmauern und alten, schmiedeeisernen Toren umsäumten Campus, der von langen Traditionen und hehren Werten kündet. Selbstverständlich rechnet man sich hier zur so genannten Ivy League, der Efeu-Liga, der Elite der Elite-Universitäten der Vereinigten Staaten. Für den, der es nicht gleich kapiert, stehen über den neogriechischen Säulen der Bibliothek einige Namen zur Orientierung: "Homer, Herodotus, Sophocles, Plato ..."
Jeder Student ist des anderen Konkurrent
Genau 62 Nobelpreisträger werden in den Annalen der Hochschule ausgewiesen, ein amerikanischer Präsident, Dwight D. Eisenhower, war schon einmal Chef der Bildungsanstalt, die Beat-Dichter Allen Ginsberg und Jack Kerouac haben hier genauso studiert wie Paul Auster (Frauen wurden im College leicht verspätet erst 1987 zugelassen). Seit diesem Winter unterrichtet der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore an der Graduate School of Journalism, die auf den Verleger Joseph Pulitzer zurückgeht - den mit dem berühmten Preis.
Ganz anders die New York University: Sie ist der Emporkömmling, der vor allem in den vergangenen 15 Jahren den Aufstieg aus der Regionalliga in die vorderste Reihe der akademischen Welt schaffte. "Ja, wir waren mittelmäßig", gibt NYU-Präsident Jay Oliva zu.
Also musste sich Mitte der achtziger Jahre etwas ändern: Die Hochschule verpasste sich ein modernes Management, umwarb aggressiv Top-Professoren aus der ganzen Welt und sammelte durch perfektes Marketing innerhalb von zehn Jahren immerhin eine Milliarde Dollar an Spenden- und Sponsorengeldern ein, die sofort wieder investiert wurden.
Und der Erfolg gibt der NYU Recht: Bewarben sich 1991 nur rund 10 000 junge Leute um ein Studium, sind es heute pro Jahr über 30 000, Tendenz steigend; ergatterte damals noch jeder Zweite einen Platz, schaffen es heute nur noch rund 30 Prozent. Viele der Institute und Einrichtungen, darunter auch das "Deutsche Haus", sind in kleinen, renovierten Villen oder neuen, hochmodernen Gebäuden untergebracht, in den umliegenden Straßen locken Buchläden, Cafés und Restaurants.
Die Uni selbst bietet Service vom Feinsten: Jeder Student bekommt vom ersten Tag an einen persönlichen Mentor zur Seite gestellt, in der Mensa, die in Teilen eher an ein Edel-Bistro erinnert, wünscht eine freundliche Angestellte "Enjoy your meal!", zwischen den einzelnen Gebäuden verkehrt der Uni-eigene Shuttle-Bus, und der ebenfalls Uni-eigene Wachdienst sorgt für ein Gefühl der Sicherheit.
Die Studenten erweisen sich dem Niveau würdig. "Hier sind alle viel zielstrebiger als an deutschen Unis", erzählt Liska Vehling, "im Prinzip dreht sich alles um den ersten Job nach dem Examen." Der Grund ist einfach: Alle müssen für ihr Studium enorm viel Geld bezahlen, allein die Studiengebühren liegen bei über 30 000 Dollar im Jahr. Also wollen alle auf einer erstklassigen Stelle landen und so viel Dollar wie möglich machen.
Das bedeutet: härtester Wettbewerb, jeder ist der Konkurrent des anderen. Die Note A, also ein "sehr gut", bekommen in Liskas Studiengang nur die besten zehn Prozent. "Hilfe von Kommilitonen kannst du völlig vergessen", so Liska. Abschreiben ist nicht nur verboten, es lässt auch niemand abschreiben.
Harte Arbeit, davon kann auch Irene, 28, berichten, die an der Columbia University ihren Master in Architektur machen will und von der Bauhaus-Uni in Weimar kommt. "Nachtschichten in der Bibliothek lege ich öfter ein, die Wochenenden sind nie ganz frei", erzählt sie. "Im ersten Semester hatte ich nur wenig Zeit für die Stadt, ich war wirklich überrascht." Das Lernpensum war enorm.
Dafür sei ihr Institut erstklassig ausgestattet, mit den neuesten Computern und der besten Software. Und jeder könne bei Professoren der Spitzenklasse Seminare oder Vorlesungen besuchen. Irene kann noch immer kaum glauben, dass der Star-Architekt Steven Holl einer ihrer Lehrer war: "Der kam sogar wöchentlich zur Korrektur. Das war wirklich eine Ehre!"
Auch Heiko Nitzschke, 27, der vorher in Konstanz und Potsdam Verwaltungswissenschaften studierte, ist von seinen Dozenten begeistert: "Hier bringen dir ehemalige Botschafter und Wirtschaftsbosse bei, wie es draußen in der Praxis wirklich läuft." Zwei Jahre braucht Nitzschke für seinen Master of International Affairs an der Columbia, fester Teil seines Aufbaustudiums ist ein Praktikum vor Ort, wahrscheinlich in Afrika.
Andreas Huyssen, Literatur-Professor an der Columbia, bekennt sich zu den Anforderungen: "Wir verlangen sehr viel von unseren Studierenden, klar." Aber dafür biete die Universität ein hohes intellektuelles Niveau, guten Kontakt zu den Professoren, exzellente Ausstattung und auch vielfältige Verbindungen zum Arbeitsmarkt. "Hier zu studieren ist eben eine echte Herausforderung."
Eine Herausforderung ist auch das New-York-Tempo. Wer als Student herkommt, muss sich nicht nur im strafferen Uni-Betrieb zurechtfinden, sondern sich auch dem Rhythmus der Stadt anpassen: mit einem Kaffee und einem Bagel zum Mitnehmen, dem typischen NY-Frühstück, ins Seminar hetzen. Während der Mittagspause reden, lesen und telefonieren, am besten alles gleichzeitig. In die U-Bahn rein, aus der U-Bahn raus. Und abends lesen, lernen, joggen, ausgehen. Ex-Bürgermeister Ed Koch sagt: "Sobald jemand beginnt, schneller zu gehen, schneller zu reden und schneller zu denken, ist er New Yorker."
Die Mega-Stadt am Hudson River steckt voller Energie, die Menschen scheinen wie Duracell-Hasen ohne Ende unter Strom zu stehen, immer mit zwei Energy-Drinks zu viel im Blut.
Tennis-Kurse hoch über den Straßen Manhattans
Doch wo das Leben am heftigsten tobt, sind oft die einsamsten Menschen. Als Sabine, 26, nach sechs Monaten Studium an der NYU ihre Abschiedsfeier gab, fanden sich fünf Menschen in ihrer WG in Brooklyn ein: vier andere deutsche Austauschstudenten und ihr mexikanischer Mitbewohner.
Für die Anglistikstudentin aus Köln war der Aufenthalt in New York ein einziger Horrortrip: zu voll, zu hektisch, die Menschen kalt und abweisend. Die einzige schöne Woche sei gewesen, als ihr Freund aus Deutschland sie besucht habe, sagt Sabine. Schon nach wenigen Tagen habe sie unter Heimweh gelitten, nicht nur ihren Freund habe sie vermisst, sondern auch die Ruhe und Überschaubarkeit ihrer Heimat. "New York, das ist doch was für Bekloppte. Oder für Leute, die nichts aus der Bahn wirft. Aber so bin ich nicht."
Keine Frage, Liska hat die Power, die diese Stadt fordert, versucht alles mitzunehmen, inner- und außerhalb der Hörsäle. Zweimal pro Woche Tennis-Unterricht auf dem Dach des großen Sportcenters der NYU hoch über den lärmenden Straßen Manhattans, dazu einmal die Woche eine Aerobic-Einheit und der Kochkurs in der "Cajun Cooking Class", wo jeder lernen kann, was in den Südstaaten auf den Tisch kommt.
Für den Abend und die Nacht schwört die Düsseldorferin auf die Szene-Läden in ihrem Viertel, dem East Village: zum Couscous-Essen in das marokkanische "Café Mogador" oder auf eine Riesenpizza ins "Gigi". Danach in die "Telephone Bar" oder die "Barmacy", eine Kneipe, die vor kurzem noch eine Apotheke war. Die Ausstattung ist die alte, nur werden statt Mullbinden jetzt Long Island Ice Teas verkauft. Im hinteren Teil lockt eine Tanzfläche, oft lässt ein DJ Songs aus den Achtzigern und Neunzigern in kruden 2000er Mix-Versionen laufen. Liska: "Voll abgefahren und geil zum Tanzen."
"If I can make it there, I'll make it anywhere"
New York ist wieder in, trendy, sexy. Noch 1990 hatten 60 Prozent der Bewohner erklärt, sie würden die Stadt verlassen, wenn sie könnten. In den siebziger und achtziger Jahren drohte Big Apple zu einem gigantischen Slum zu verkommen. In den Neunzigern machte dann Bürgermeister Rudolph Giuliani, ein früherer Staatsanwalt, mit eiserner Hand die einstige "Hauptstadt der Angst" zu einer der sichersten Großstädte der USA.
Der Boom wirkt sich auch auf den Immobilienmarkt aus: Nirgendwo in den USA ist der Wohnraum so knapp und so teuer, nirgendwo haben Unis größere Probleme, ihre Studenten unterzubringen. Das Washington Square Village, ein Wohnheim der NYU, das den Charme sozialistischer Plattenbauten ausstrahlt, bietet 25-Quadratmeter-Appartements für zwei Personen: ein Raum, eine offene Küche, ein Bad. Darin: zwei Schreibtische, zwei Betten, ein gemeinsamer Kleiderschrank. Die Entfernung zwischen den Betten: zwei Meter. Die Kosten: 1100 Dollar pro Person und Monat.
Die von den Amerikanern so genannte "Gentrification", die langsame Aufwertung durch teure Galerien, edle Restaurants und versnobte Bars, hat aus ehemaligen Studenten-Vierteln wie Soho oder Greenwich Village beinahe unbezahlbare Gegenden gemacht.
Ähnliches droht dem East Village, wo die Mieten heute noch halbwegs erschwinglich sind. Liska hat dort ein kleines WG-Zimmer gefunden, acht Quadratmeter mit einem Hochbett, ein gemeinsames Wohnzimmer mit ihrer Mitbewohnerin und das Ganze für 800 Dollar im Monat: "Spartanisch die Bude, aber gemütlich. Und Luxus kann sich in New York eh kein Student leisten." Viele Studenten, die günstiger und komfortabler wohnen wollen, ziehen raus aus der Wolkenkratzer-Welt Manhattans nach Queens oder Brooklyn, wohnen in unscheinbaren Vierteln, wie sie aus den Filmen "Smoke" oder "Blue in the face" bekannt sind.
Überhaupt: das Problem mit dem Geld. Das Leben während eines Studienaufenthalts in New York ist auf jeden Fall teuer, selbst mit einem soliden Stipendium. Wer mit Freunden essen geht, lässt selten unter 40 Dollar liegen - auch wenn es sich nur um eine kleine Pizzeria in Little Italy handelt. Discotheken verlangen in der Regel 20 Dollar Eintritt, Drinks in angesagten Bars kosten um die 10 Dollar. Alles sei mindestens doppelt so teuer wie in Deutschland, ist sich Liska sicher. Im Schnitt gibt sie 2500 bis 3000 Mark im Monat aus. "Und dabei war ich noch gar nicht shoppen, ehrlich nicht."
Eine studentische Szene, vergleichbar der in deutschen Uni-Städten wie Tübingen oder Marburg, findet sich in New York nicht. Jeder geht hier seine eigenen Wege, auch unter den Studenten. In New York zählt nur jeder für sich allein.
Eigentlich kann ja niemand mehr die alte Weisheit des großen Frank Sinatra hören: "If I can make it there, I'll make it anywhere." Aber in den Stunden einsamer Verzweiflung, die jeder New-York-Student mehr oder weniger oft durchmacht, kann ein Lied gut tun, das einem sagt: "Hey, du bist jetzt in dieser Wahnsinns-Stadt. Und das ist etwas Besonderes. Also: Freu dich!"
Auf den meisten Studenten-Partys wird der Song mindestens einmal am Abend gespielt. Alle heben dann die Arme nach oben und gehen beseelt auf im Rhythmus des Liedes und der Stadt.
MARKUS FELDENKIRCHEN, JOACHIM MOHR
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