Von Armin Himmelrath
Wenn Günther Zehm heiliger Zorn packt, dann greift er zur Feder: Unter dem Pseudonym "Pankraz" schreibt der Jenaer Honorarprofessor sich im rechten Blatt "Junge Freiheit" seinen Abscheu vor der vermeintlichen "Zwangstrias Holocaust-Multikulti-Freie Lebensgemeinschaften" von der Seele. Er warnt vor der "‚Vergangenheitsbewältigung' als Unheilstiftung" und davor, dass "überall dieselbe Multi-Kulti-Soße" ausgeschüttet werde.
Zu Zehms Lieblingsfeinden gehören "halbverblödete Vergangenheitsbewältiger, die immer nur ihre eigene verwundete, kostbar-verruchte Innerlichkeit im Sinne haben". Der Holocaust sei an die Stelle Gottes getreten; "über ‚das hohe C' im Namen von Parteien darf man spotten, aber an den Holocaust muß man glauben".
Rechtsradikales Geschwafel? Oder durch die Wissenschaftsfreiheit gedeckte Meinungsäußerung? Die Antifaschistische Hochschulgruppe an der Uni Jena jedenfalls hält Zehm für einen "Rechtsextremen im Nadelstreifenanzug". Der "geistige Brandstifter" unterfüttere den rechtsextremen Diskurs mit "pseudo-intellektuellem Hintergrund". In einer spektakulären Aktion benannten die Studenten das Institut für Philosophie kurzerhand um in "Junge Freiheit - Lokalredaktion Jena". Und spendierten "zum Zweck der antifaschistischen Recherche und Bildung" ein Jahresabo der Zeitschrift "Der Rechte Rand".
"Natürlich gehen wir nicht davon aus, dass der Rassismus mit einer Entlassung Zehms abgeschafft ist. Bekannte und bekennende Rechtsextremisten sind nur eine Facette des Problems", heißt es in einer Erklärung der Antifa-Gruppe: "Das mindeste, was getan werden kann, um die vielfach eingeforderte Zivilcourage zu üben, ist die öffentliche Verurteilung und Kompromittierung von Rechtsradikalen - egal ob auf der Straße oder in der Uni."
Der Rektor will Zehm nicht "den Mund verbieten"
Die Friedrich-Schiller-Universität zeigt indes keine Neigung, auf Distanz zu ihrem umstrittenen Professor zu gehen. Rektor Karl-Ulrich Meyn äußerte "Unverständnis" über die "Kampagne": "Ich teile die Meinungsäußerungen Herrn Zehms in keiner Weise und finde auch die von ihm gewählten Publikationswege nicht adäquat", so Meyn in einer Erklärung, "aber ich kann darin nicht erkennen, dass er den Boden unserer freiheitlich-demokratischen Verfassung verlassen hat." Den "Mund verbieten" wolle er dem Philosophen nicht: "Das, was ich von Herrn Zehm gelesen habe, ist durch die Wissenschaftsfreiheit gedeckt."
Auch Kollegen aus dem Institut für Philosophie wandten sich gegen eine Abstrafung des "streitbaren konservativen Publizisten", der gerade wegen seiner abweichenden Meinung "eine Bereicherung" für die Hochschule sei. Zehms Kollege Gottfried Gabriel: "Ich halte ihn nicht für so weit rechts und vieles, was er schreibt, hat doch schon Walser gesagt."
Im übrigen sind sich Meyn und Gabriel einig: Dass Günther Zehm sich schon als Ernst-Bloch-Schüler in den 50-er Jahren für Meinungsfreiheit eingesetzt habe und dafür jahrelang in DDR-Knästen saß, gebe der Auseinandersetzung eine besondere Note. "Nicht zuletzt aufgrund seines persönlichen Lebensschicksals hat er gebührenden Respekt und faire Umgangsformen verdient."
Den Studenten in der Antifa-Gruppe treiben solche Relativierungen die Zornesröte ins Gesicht: "Wann ist der DDR-Bonus aufgebraucht? Wie oft muss Zehm noch von der allgegenwärtigen Bedrohung durch die ‚Auschwitzkeule' phantasieren, damit seine VerteidigerInnen an der FSU merken, dass von den Lehren Blochs bei seinem ehemaligen Schüler nichts übriggeblieben ist?", zürnen sie in einem Flugblatt.
Auch manche Studenten nehmen Zehm in Schutz
Professoren des Instituts für Germanistische Sprachwissenschaft unterstützen die Studenten. Sie forderten die Hochschulleitung und auch Thüringens Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski in einem offenen Brief auf, deutlicher als bisher gegen Zehms rechte Ausschweifungen Stellung zu beziehen - bisher freilich ohne Resonanz.
Doch nicht alle Studenten bewerten den früheren Feuilletonchef der "Welt" gleich. "Ich habe Zehm als guten, engagierten Professor kennen gelernt, der sich den Kampf für die Meinungsfreiheit auf die Fahnen geschrieben hat", meint der angehende Medienwissenschaftler Frank Nitschke. Auch andere Studenten loben die gute Betreuung durch Zehm etwa bei Haus- und Diplomarbeiten. Andererseits, so Nitschke, spüre er "einen tiefen Zwiespalt" bei der Beurteilung der Aktivitäten des Philosophen: "Man muss einfach sehr deutlich trennen, was er privat und was als Wissenschaftler macht."
Zehm ist nicht nur Autor der "Jungen Freiheit", sondern hat auch an einer Festschrift zum 60. Geburtstag des verurteilten Auschwitz-Leugners David Irving mitgewirkt. Irving sei "ein interessanter Wissenschaftler, der nur die Quellen sprechen lassen will", sagt Zehm - im übrigen kenne er Irvings Werke der letzten Jahre gar nicht.
Grußadressen von der NPD
Pikant allerdings, was die "Thüringer Allgemeine" herausfand: Die Festschrift für Irving sei 1998 im Kieler Arndt-Verlag erschienen. Der Inhaber sei Dietmar Munier, neben DVU-Chef Gerhard Frey Hauptinitiator der "Regermanisierung" Kaliningrads, des ehemaligen Königsberg. Und: Der Verlag werde im schleswig-holsteinischen Verfassungsschutzbericht als "bedeutendster rechtsextremistischer Verlag" des Bundeslandes bezeichnet.
Unterdessen erfährt der bedrängte Professor fragwürdige Solidarität - auf der Internet-Seite des NPD-Kreisverbandes Jena. "Die momentanen Medien- und Bevölkerungshysterie gegen ‚Rechts' ist nun auch endlich bis nach Jena und dort sogar bis zur Universität geschwappt", heißt es dort. "Jüngstes Opfer dieser Hetzkampagne ist der Jenaer Professor Günther Zehm."
Der freilich kann derzeit weder Freund noch Feind gegenüber treten. "Zum großen Bedauern der Institutsleitung muss Herr Zehm seine Vorlesung aus gesundheitlichen Gründen absagen: die Folgeprobleme einer Augenoperation hindern ihn nach wie vor am Arbeiten", so eine aktuelle Internet-Mitteilung des Philosophischen Instituts. "Herr Zehm lässt die Studierenden, die seine Vorlesung besuchen wollten, herzlich grüßen."
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