Endlich keinen Ärger mehr mit den Eltern und keine nervigen Geschwister, mit denen man sich rumschlagen muss: In die eigene Wohnung zu ziehen und selber über sein Leben bestimmen zu können, das ist der große Traum vieler Jugendlicher. Doch eine Wohnung bringt nicht nur die vermeintliche große Freiheit, sondern auch jede Menge Kosten und Arbeit.
"Durchschnittlich ziehen Frauen mit 21 aus, Männer mit 23", sagt die Psychologie-Dozentin Christiane Papastefanou aus Ludwigshafen, "Lehrlinge verlassen ihr Elternhaus früher, weil sie sich das leisten können." Bei Studenten sei das von der finanziellen Lage der Eltern abhängig. Anders als früher gelte es vor Freunden nicht mehr als Schande, mit Mitte 20 noch zu Hause zu wohnen.
Helga Gürtler, Diplom-Psychologin aus Berlin, hat festgestellt: "Es ist immer häufiger so, dass Jugendliche zu Hause bleiben und Eltern und Jugendliche damit ganz zufrieden sind." Das Hotel Mama hat ja auch unübersehbare Vorteile. "Das ist am billigsten", sagt zum Beispiel der 20-jährige Felix aus Bergkamen. Und es ist bequem. "Wenn man alleine wohnt, muss man sich um alles selbst kümmern", meint Betty, 18, aus Neubrandenburg.
Doch die kostengünstige Bequemlichkeit hat ihren Preis. "Egal wie alt man ist, man ist immer unter der Aufsicht der Eltern", weiß Felix. Expertin Papastefanou kann das bestätigen: "Eltern und Kinder bleiben immer Eltern und Kinder", also in ihren Rollen verhaftet. Zudem könne man sich im Elternhaus keine Intimsphäre schaffen. "Nur eine Tür zwischen dem Kinderzimmer und der Wohnung, das schränkt die Sexualität schon ein", so die Privatdozentin.
Um nicht ewig "Nesthocker" zu bleiben, ist irgendwann der Auszug angesagt. Spätestens "in den Zwanzigern" sollte man eine eigene Wohnung haben, findet Helga Gürtler. Sie meint, dass Jugendliche besser als die Eltern abschätzen können, ob sie schon alleine zurechtkommen: "Eltern glucken tendenziell zu viel und bleiben hinter der Zeit zurück."
Besser gleich den Absprung wagen
Meist stellt sich die Frage nach den eigenen vier Wänden beim Beginn der Ausbildung oder des Studiums. "Manche Jugendlichen schränken sich in ihren Ausbildungsmöglichkeiten ein, weil sie zu Hause wohnen bleiben wollen", berichtet Papastefanou und plädiert für die radikale Lösung: "Wenn man was Neues anfängt, gleich den Absprung wagen."
Der Auszug aus dem elterlichen Nest kann das Verhältnis zu den Eltern verbessern. "Manche Streitigkeiten entkrampfen sich, wenn man sich zum Beispiel nicht jeden Tag um irgendeinen 'Alltagsscheiß' streitet", sagt Ratgeberautorin Gürtler. Außerdem merkten die Jugendlichen, was die Eltern alles still und leise gemacht haben, und das äußere sich oft in Dankbarkeit. Auch die Eltern behandeln ihre Sprösslinge nach dem Auszug anders. "Der Respekt gegenüber den Kindern steigt", so Papastefanou.
Die erste eigene Wohnung - ein erster Schritt in die Freiheit. Aber dafür muss man alles selbst bezahlen und alles selbst machen: Die Wäsche will gewaschen werden, auch das Essen zaubert sich nicht von selbst auf den Tisch.
Alles halb so schlimm, findet Alexander aus Hamburg. Der 25-Jährige ist vor vier Jahren ausgezogen und erzählt: "Die Haushaltsführung war kein Problem, Essen musste ich auch vorher selbst machen." Und Wäsche waschen zum Beispiel sei "halt eine lästige Nebenbeschäftigung."
Wichtig ist die finanzielle Seite der eigenen Bude. Neben der Miete fordern viele Vermieter eine Kaution von bis zu zwei Kaltmieten. Das Geld gibt es beim Auszug wieder zurück, aber man muss es erst mal aufbringen. "Auch für etwaige Schönheitsreparaturen, die man beim Einzug machen muss, entstehen Kosten", gibt Dietmar Wall vom Deutschen Mieterbund in Köln zu bedenken.
Eine Möglichkeit, die Miete relativ gering zu halten und in einer größeren Wohnung zu wohnen, sind Wohngemeinschaften. "Ich habe mir das lustiger vorgestellt als alleine zu wohnen, und so war's dann auch", erzählt WG-Bewohner Alexander aus Hamburg. Bei Wohngemeinschaften gibt es zwei Arten von Verträgen. "Entweder einer ist Hauptmieter und vermietet an die anderen unter, oder jeder Mieter unterschreibt, das heißt dann auch, dass alle haften", erklärt Wall. Bei letzterer Variante müsse man darauf achten, dass ein Auszug auch dann möglich ist, wenn die anderen nicht kündigen.
Von Eva Dorothée Schmid, gms
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