Es hat etwas gedauert, bis ich mit den Australiern richtig warm geworden bin. Sicher, sie sind furchtbar nett und aufgeschlossen, man kann mit ihnen stundenlang quatschen und tauscht gleich Telefonnummern aus. Und dann kann es passieren, dass sie sich nie wieder melden. Anfangs hatte ich das überbewertet, aber nach einiger Zeit hatte ich auch Down under echte Freundschaften geschlossen.
Ein Jahr habe ich in Melbourne studiert, meiner Meinung nach der beste Ort für Studenten in Australien. Die Stadt ist nicht so hektisch und überteuert wie Sydney, nicht so provinziell wie Adelaide und Perth. Melbourne hat viel zu bieten: leicht verschrobene und etwas heruntergekommene Künstler- und Studentenviertel. Hippe Strände für das Sonnenbad zwischendurch und ein buntes Kultur- und Nachtleben fürs Freizeitvergnügen. Das Studium kommt in Melbourne auch nicht zu kurz: An sechs Hochschulen kann man so ziemlich alles studieren, wonach einem der Sinn steht.
Rasantes Studientempo
Den Großteil meiner Zeit verbrachte ich an der ehrwürdigen, eher steifen University of Melbourne. Dort war ich für Australian and American Studies eingeschrieben. Meine Spanisch-Kurse hatte ich allerdings an der La Trobe University, einer relativ kleinen Uni auf einem riesigen Campus außerhalb der Stadt. La Trobe war eine wunderschöne Erfahrung. Die Uni ist ein Treffpunkt interessanter und netter Studenten, die nicht nur leistungsorientiert, sondern wirklich mit Herz studieren - kein Wunder bei so ausgefallenen Studiengängen wie "Peace-" oder "Feminist Studies".
Um das Studentenleben so richtig zu zelebrieren, hat man in Australien aber nur wenig Zeit. Das Studier-Tempo ist zügig. Man muss viel mehr lesen als an deutschen Unis und findet sich in Tutorien mit maximal zehn Studenten wieder. Also kommt man kommt nicht umhin, sich über das Gelesene auch noch äußern zu müssen. Die Hausarbeiten sind zwar kürzer als in Deutschland, müssen dafür aber schon am Semesterende abgegeben werden. Als Gnadenfrist gibt es höchstens drei Tage Verlängerung.
So streng das System auch ist - man hat auf jeden Fall das Gefühl, etwas gelernt zu haben und vorangekommen zu sein. Außerdem hatte ich so in den Ferien Zeit, mir das Land anzusehen. Und das lohnt sich wirklich. Schon eine Fahrt auf der Great Ocean Road, eine wunderschöne Küstenstraße südlich von Melbourne, verschlägt einem die Sprache. Für den Rest des Kontinents sollte man sich mehrere Wochen Zeit nehmen. Egal, wohin man fährt, Australien ist wegen seiner landschaftlichen Vielfalt überall faszinierend.
Bruchbude zum Luxus-Preis
Weniger berauschend ist die Wohnsituation für Studenten. Wer nicht in einem Wohnheim - die unschönste und teuerste Studentenunterkunft - leben will, muss sich auf ein ziemliches Chaos einstellen.
Ich probierte es erstmal mit den Aushängen an der Uni. Und hatte ziemliches Pech: Für einige Monate musste ich einer absoluten Bruchbude zum Luxus-Preis von 700 Mark wohnen. Die Toilette war in einer Wellblechhütte im Hinterhof untergebracht. Entsprechend roch es im Mietshaus. Erst danach hatte ich mehr Glück und fand meine Traum-WG.
Die Vorbereitung für ein Auslandsstudium in Australien ist ziemlich kompliziert. Sechs bis acht Monate im Voraus sollte man schon mit den nötigen Behördengängen beginnen. Auf jeden Fall sollte man sich für ein Stipendium bewerben. Die Studiengebühren in Down under betragen rund 17.000 Mark jährlich. Eine gute Anlaufstelle ist der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD).
Ich hatte Glück: Der DAAD zahlte mir nicht nur den Flug, sondern übernahm auch den Großteil der Studiengebühren. Ein monatliches Taschengeld in Höhe von 700 Mark gab es dazu. Nicht zuletzt, weil ich finanziell gut über die Runden kam, war mein Studienjahr in Australien eine wunderbare Erfahrung.
Manchmal habe ich mir schon überlegt, ob ich den Kontinent wirklich wieder verlassen sollte. Auch wenn die Australier ein festgefügtes Bild von uns Deutschen haben. Typisch deutsche Eigenschaften sind für sie: "ordnungsfanatisch, ehrgeizig und humorlos." Aber das sagen sie mit so einem breiten Grinsen, dass man gar nicht beleidigt sein kann. Und außerdem lassen sich die Australier schließlich gerne vom Gegenteil überzeugen.
Von Karina Roth
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