• Drucken
  • Senden
  • Feedback
24.10.2002
 

Wohnungsnot zum Semesterstart

No home, no castle

Von Anke Schwarzer

Matratzenlager, Schlafcontainer, Jugendherberge - solche Bilder von obdachlosen Studenten waren in den letzten Jahren selten. Doch nun ist sie wieder da: die Wohnungsmisere in den Uni-Städten. Denn der Wohnungsbau stagniert, die Mieten steigen und die Zahl der Studienanfänger wächst.

Tausende von Studienanfängern besuchen keine Vorlesungen, bereiten kein Referat vor: Sie scannen Zeitungen nach Wohnungsanzeigen, prüfen Angebote und kümmern sich um ein Notlager. Ohne Wohnung ist für viele an ein Studium nicht zu denken.

Wohnungsnot: Viele Erstsemester stehen ohne Zimmer da
Zur Großansicht
DPA

Wohnungsnot: Viele Erstsemester stehen ohne Zimmer da

In Heidelberg zum Beispiel waren Anfang Oktober etwa 2100 der 6000 Studienanfänger ohne Unterkunft. Viele Städte richten Notquartiere ein. Minister, Oberbürgermeister und Rektoren appellieren an Hausbesitzer, Wohnungen und Zimmer an Studenten zu vermieten. So haben in Karlsruhe 23 Privatleute im Oktober die "Stiftung für Studentenunterkünfte" gegründet. Startkapital: 130.000 Euro. Kurzfristig möchte die Stiftung Behelfsunterkünfte für Studierende beschaffen, mittelfristig sollen einfach ausgestattete Wohnheime gebaut werden.

In Tübingen waren Mitte Oktober 700 der 4000 Erstsemester ohne feste Bleibe. In Hohenheim bei Stuttgart müssen Studienanfänger bis weit ins Umland ausweichen, um überhaupt irgendwo unterzukommen. Spätestens im Dezember hätten einige die Nase voll, prophezeit Adolf Neubauer, Geschäftsführer des Studentenwerks Hohenheim: "Viele geben ihre Einschreibung zurück, wenn sie kein Zimmer finden." 250 bis 300 Euro für ein möbliertes Zimmer könnten sich viele nicht mehr leisten. "Es droht ein sozialer Numerus clausus", so Neubauer.

Wohnungsnot im Westen, Leerstand im Osten

Studienanfänger: Steigende Zahlen seit Ende der neunziger Jahre
Zur Großansicht
DPA

Studienanfänger: Steigende Zahlen seit Ende der neunziger Jahre

In den westdeutschen Ballungszentren München, Stuttgart und Rhein-Main hat sich die Wohnungsnot in den vergangenen zwei Jahren wieder zugespitzt. Aber nicht nur Großstädte wie Köln oder Hamburg sind bei Studienanfängern heiß begehrt. Auch der Run auf klassische Universitätsstädte wie Heidelberg und Tübingen ist groß - und verknappt dort das Wohnungsangebot.

In den neuen Bundesländern dagegen sieht die Lage anders aus: Häuser stehen leer, und an einigen ostdeutschen Universitäten wie in Erfurt stagniert die Zahl der Studienanfänger. Aber es gibt auch in den neuen Bundesländern Ausnahmen: So sind in Dresden längst alle Zimmer in den Wohnheimen belegt, und der Standort Ilmenau in Thüringen verzeichnet großen Andrang. 7.000 Studenten der Technischen Universität buhlen dort um die wenigen Wohnungen in der Stadt mit 30.000 Einwohnern.

Wohnheime: Warten, warten, warten

In vielen Städten klagen die Studentenwerke über die dramatische Lage auf dem Wohnungsmarkt. Die Plätze in den Wohnheimen, in denen bundesweit 14 Prozent aller Studierenden unterkommen können, seien meist lange von Semesterbeginn vergeben, die Bewerberlisten lang. Die Wartezeiten für eine Bude im Studentenwohnheim liegen bei mehreren Monaten - in München kann es sogar zwei Jahre dauern.

Bernd Huber, neuer Rektor der Ludwig-Maximilians-Universität München, rief alle Münchner auf, "bezahlbare" Appartements und Zimmer für Studierende anzubieten: "Die Wohnungsnot wirkt abschreckend, gerade auch für unsere ausländischen Gäste. Es darf nicht sein, dass München nur noch für Studierende mit dickem Geldbeutel erschwinglich ist."

Ausländer stoßen bei der Wohnungssuche auf große Vorbehalte. Selbst wenn die Studenten aus Ghana, Marokko oder anderen Ländern sich hohe Mieten leisten können - Vermieter entscheiden sich eher für einen deutschen Bewerber, heißt es beim Deutschen Studentenwerk (DSW).

Alle Warnungen ignoriert

Nach DSW-Informationen hat sich die Lage auf dem Wohnungsmarkt deutlich verschlechtert. Zum einen stagniert der Wohnungsbau, zum anderen steigt die Zahl der Studienanfänger - im Wintersemester 2001/02 haben sich acht Prozent mehr Studenten eingeschrieben als im Jahr zuvor. Allein die Zahl der ausländischen Studenten ist im vergangenen Jahr um 10.000 auf rund 200.000 angewachsen.

Ausländische Studenten: Bei der Wohnungssuche benachteiligt
Zur Großansicht
DDP

Ausländische Studenten: Bei der Wohnungssuche benachteiligt

Die Hochschulen werben mit dem Programm "Gate Germany" im Ausland um kluge Köpfe. Doch wenn sie in Deutschland ankommen, stehen viele von ihnen ohne Zimmer da. Etwa die Hälfte der Wohnheimplätze sind für ausländische Studierende vorgesehen. Allein deshalb werden 5.000 Wohnheimplätze mehr als letztes Jahr gebraucht. Insgesamt seien über 20.000 neue Zimmer in Studentenheimen nötig, so das DSW.

Ein "Riesenproblem" sieht DSW-Generalsekretär Dieter Schäferbarthold bei der Unterbringung ausländischer Studierender. Das Wohnungsproblem müsse in Kooperation von Bund und Ländern endlich angegangen werden. Schon lange habe man auf die Wohnungsmisere hingewiesen, geschehen sei aber bislang nichts.

Ähnlich sieht das auch Klaus Landfried, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz. Er kritisiert, dass im Ausland verstärkt für den Studienstandort Deutschland geworben werde, ohne aber für Wohnraum für die Studenten zu sorgen: "Wir müssen ernsthaft darüber nachdenken, die Marketing-Aktivitäten zu stoppen, wenn wir steigenden Bewerberzahlen kein entsprechendes Wohnangebot in den westdeutschen Metropolen gegenüber stellen können." Manche Studenten seien bereits "mit bösen Ressentiments" wieder aus Deutschland abgereist.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Studium

© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP