Ausländer an US-Unis
Schikane im Zeichen der Sicherheit
Von Jochen A. Siegle
Terror-Paranoia und Überwachungseifer drohen in den USA immer mehr ausländische Studenten und Top-Forscher in die Flucht zu schlagen. Experten warnen bereits vor drastischen Folgen für die US-Wissenschaft und -Wirtschaft.
AP
Top-Adresse Yale: Internationale Wunschkandidaten ausgebremst
Systematische Überwachung, monatelange Wartezeiten bei Visa-Anträgen, Meldepflichten, FBI-Bespitzelung, grundlose Verhaftung nach scheinbar falsch angemeldetem Studienfachwechsel, Abschiebung nach Schummeln beim Englisch-Test. Die Terrorangst in den USA zollt ihren Tribut in der US-Wissenschaft: Die Schikanen im Zeichen der Sicherheit gegen ausländische Studenten und Forscher – nicht nur aus muslimischen Ländern – häufen sich.
Vor allem bei der Vergabe von Einreisegenehmigungen. Inzwischen werden Studenten und Gastwissenschaftler nur noch unter derart erschwerten Bedingungen ins "Land of the Free" gelassen, dass sich Institutionen wie die National Academy of Sciences (NAS), die Dutzende abstruser Fälle frustrierter oder abgewiesener Wissenschaftler dokumentiert, bereits öffentlich um die "Universalität der Wissenschaft" sorgen.
Silvia Kling
Gar nicht leicht zu kriegen: US-Visa
Sogar amerikanische Eliteschmieden wie das MIT oder Top-Labors in Yale klagen, aufgrund von Visaproblemen ihre Arbeitsgruppen nicht mehr mit internationalen Wunschkandidaten besetzen zu können. Auch Hochschullehrer mit deutschem Pass, die es für mehrmonatige Sabbatical in die USA zieht, reisen inzwischen lieber auf Touristen-Visa ein, als sich den teilweise intimen Verhörfragen bei "Visa-Interviews" von amerikanischen Konsulatsbeamten zu stellen.
"Situation wird sich kaum verbessern“
"Die Bemühungen unserer Regierung, ausländische Besucher im Namen der nationalen Sicherheit zu überwachen, haben negative Folgen für die amerikanische Wissenschaft", warnte jüngst das Board on International Scientific Organizations der NAS in einem Arbeitspapier. "Selbst für herausragende junge Wissenschaftler wird es zunehmend schwerer, in die USA einzureisen. So frustrierend das sein mag, die Situation wird sich in absehbarer Zeit kaum verbessern."
Dabei ist die US-Wissenschaft dringend auf qualifizierte Gäste angewiesen. Und das aus zwei triftigen Gründen: Erstens zahlen Ausländer volle Studiengebühren und pumpten der Austauschorganisation NAFSA zufolge im akademischen Jahr 2001/2002 11,95 Milliarden Dollar in die kränkelnde US-Wirtschaft – aktuellere Zahlen liegen nicht vor, die Association of American Colleges and Universities (AAC&U) befürchtet jedoch, dass sich das Gebührenaufkommen aus ausländischen Einschreibungen in Folge von 9/11 verringert haben dürfte.
DPA
Internationales Publikum im Hörsaal
Zweitens dominieren schon seit Jahren Ausländer in Disziplinen wie Informatik, Chemie und Mathematik. Rund jeder zweite Physik- und Ingenieur-Student hat der NAS zufolge keinen US-Pass. Aber auch in der Biologie liegen in den Labors - ob in Harvard, Stanford oder St. Louis - die Ausländeranteile nicht selten bei mehr als 80 Prozent. Berechtigt fürchten daher auch das American Council on Education (ACE), ein Gremium der US-College-Präsidenten, oder die American Immigration Lawyers Association fatale Folgen für die US-Wissenschaft und -Forschung, sollten hoch qualifizierte Talente aufgrund der restriktiven Visa-Politik in andere Länder abwandern.
Zum Beispiel nach Europa oder Kanada, wo Aufenthaltgenehmigungen wesentlich einfacher zu bekommen sind. Vertreter zahlreicher dort ansässiger Unis sind sich dessen ebenfalls bewusst und versuchen nun verstärkt, Top-Forscher schon vor Ort abzuwerben – vor allem in China und Korea. Nach Indien stellen diese beiden Länder das größte Kontingent an Gaststudenten in den USA.
Hightech gegen "Terror-Studenten"
Und diejenigen, die schließlich einreisen dürfen, werden mit fragwürdigen Methoden schikaniert. Ein Beispiel: Um Auslands-Studenten besser überwachen zu können, wurden US-Hochschulen Anfang des Jahres im Rahmen des "Student and Exchange Visitor Information System“ (Sevis) von der Bush-Regierung dazu verpflichtet, sämtliche verfügbaren Informationen über Gaststudenten an die US-Regierung weiterzuleiten. Da die Umsetzung der Sevis-Vorgaben im Detail jedoch den Unis selbst überlassen ist, nehmen es verschiedene Hochschulen vor lauter patriotischem Eifer mit der Sicherheit zu genau.
So versuchte man sich wie an der Yeshiva University in New York an wöchentlichen Meldepflichten für Auslandsstudenten. Oder gar an Spracherkennungssystemen, wie an der University of South Florida (USF) in Tampa – eben der Uni, die im Februar schon mit der umstrittenen Verhaftung des Informatik-Professors und gebürtigen Palästinensers Sami al-Arian für Schlagzeilen sorgte. In einem Schreiben an internationale Studenten, mit dem diese als "Alpha-Tester" für die Stimmerkennung rekrutiert werden sollen, wird der Einsatz dieser Technik als "sehr wichtig" bezeichnet, um "die Anwesenheit von Ausländern am Campus genauer kontrollieren" und damit die Sevis-Vorgaben erfüllen zu können. Den Probanden wird zudem versprochen, die Vorabtestläufe seien "spaßig" und es gäbe Gratis-Getränke und -Pizza.
"Dieses Projekt, das hier als amüsant und nützlich bezeichnet wird, jagt mir Angst
und Schrecken ein", sagt eine in den USA arbeitende deutsche Professorin, die aus Furcht vor Repressalien nicht namentlich genannt werden möchte. "Wozu müssen die Unis bitte wissen, wo genau sich ausländische Studenten zu welchem Zeitpunkt aufhalten?" Dabei sei es völlig ausreichend, zu Semesterbeginn zu melden, welche Studenten tatsächlich an den Veranstaltungen teilnehmen.
Mit ihrer Kritik am Überwachungsapparat der US-Einwanderungsbehörde INS steht die Hochschullehrerin keinesfalls alleine da. Nicht nur seitens vieler Universitäten, sondern auch der US-Politik nimmt die Zahl der Sevis-Skeptiker immer weiter zu. "Bei allem Potenzial von Sevis müssen wir das System weiter stark verbessern", erklärte Glenn Fine, Generalinspektor des US-Justizministeriums jüngst bei einer Anhörung vor dem US-Parlament. "Vor allem muss die Nutzung vereinfacht und die Zuverlässigkeit erhöht werden."
Verhaftung nach Softwarefehler?
Wie sich bereits in wenigen Wochen Betriebszeit zeigte, birgt das System enorme Schwächen. Zum einen sind – wie auch Fine bemängelt – die Nutzer der Sevis-Datenbanken an den Unis nur schlecht geschult und mit der Datenaufbereitung überfordert. Zum anderen hat das System große technische Probleme, so dass es aufgrund von Softwarefehlern schon mehrfach zu Datenverlusten oder falschen -übertragungen gekommen ist. Dass schon minimal falsche Status-Informationen drastische Konsequenzen haben können, demonstrieren einige zweifelhafte Verhaftungen von Studenten und Doktoranden aus Iran und Saudi-Arabien, so etwa an der Universität von Idaho und der Universität von Colorado.
Nicht erst seit Bekanntwerden dieser Fälle geht unter Studenten, vor allem aus muslimischen Ländern, aber auch aus Russland, China, Indien oder Korea, die Angst um. Immer mehr US-Hochschulgäste dieser Nationalitäten vermeiden mittlerweile auch Auslandsreisen: Und zwar aus Furcht davor, nicht wieder in die USA einreisen und Studium oder Projekte fortführen zu können. Was nicht nur dazu führt, dass Konferenzen im Ausland sausen gelassen, sondern auch Heimaturlaube immer unbeliebter werden.
Von wegen: Ausländische Studenten haben es an US-Unis derzeit nicht leicht
Unter vielen chinesischen Studenten in Berkeley, die es dennoch kurzzeitig nach Hause zieht, hat sich inzwischen daher eingebürgert, einen Zwischenstopp in Mexiko oder Kanada einzulegen. Damit sollen bei der Wiedereinreise in die USA weniger Fragen gestellt werden, zudem seien US-Konsulatsbeamte bei Visa-Verlängerungen viel "besser zu haben als in China", wie Informatik-Doktorand Ting Lu Landsleuten in einem Berkeley-Online-Forum rät. Zeitweise soll jeder dritte bei der US-Botschaft in Peking eingereichte Antrag auf ein Studentenvisum abgelehnt worden sein.
FBI jagt chinesische Studenten
Studenten und Forscher aus dem Reich der Mitte hat die US-Regierung derzeit so oder so ganz besonders im Visier; vor allem Wissensarbeiter in der Physik, insbesondere der Nuklear-Physik, und der Kommunikationstechnik: Unter diesen Gästen vermutet das FBI nach Informationen der "New York Times" derzeit ganz besonders viele von der chinesischen Regierung instrumentalisierte Spione.
Obwohl renommierte chinesische Forscher und das amerikanisch-chinesische Institut "Committee of 100" in Washington dies öffentlich bezweifeln, will die Bundespolizei ihre Bemühungen bereits deutlich verstärkt haben, vermeintliche Spion-Studenten aufzuspüren – und selbstverständlich für ihre Zwecke anzuzapfen.
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