Frau Schlund, Sie sind Juristin und studieren zusätzlich Volkswirtschaft im achten Semester. Die eigene Uni verklagen - so richtig beliebt macht man sich damit vermutlich nicht...
Corinna Schlund: Renitente Studentin
SPIEGEL ONLINE: Was ist denn so schlimm am VWL-Studium in Hamburg?
Schlund: Vor drei Jahren wurde ein Credit-Point-System eingeführt. Um das Diplom zu machen, muss man 100 dieser Punkte erwerben, 80 davon durch studienbegleitende Leistungen. Jede Semesterwochenstunde in einer Vorlesung oder einem Seminar bringt dabei einen oder zwei Punkte. Das Problem ist aber, dass es insgesamt zu viele Prüfungen sind und die Ressourcen so knapp sind, dass Plätze in den Veranstaltungen zum Teil verlost werden. Dadurch verlängert sich natürlich das Studium. Außerdem ist die Organisationsstruktur so kompliziert, dass man kaum herausbekommt, welchen Schein man wann machen sollte - und natürlich gibt es auch keinen Studienplan als Anhaltspunkt.
SPIEGEL ONLINE: Aber diese Zustände gibt es überall in Deutschland. Trotzdem ist keine andere Klage bekannt.
Schlund: In Hamburg ist die Lage deshalb besonders, weil durch das Punktesystem bereits die Vorlesung als Prüfungsleistung zählt und nicht nur als Vorbereitung darauf. Und darauf, eine Prüfung ablegen zu können, habe ich einen Anspruch.
SPIEGEL ONLINE: Was würde sich ändern, wenn Sie gewinnen?
Schlund: Es handelt sich um eine so genannte Feststellungsklage. Das heißt, das Gericht würde dann feststellen, dass niemand mehr aus einer Vorlesung herausgelost werden darf. Dazu kommt, dass in Hamburg Gebühren für Langzeitstudenten eingeführt werden sollen. Da könnte dann die "Amtshaftung" greifen. Also müsste ein Student, dem so viel Zeit verloren gegangen ist, zwar die 500 Euro pro Semester zahlen, könnte aber andererseits Anspruch auf finanzielle Entschädigung durch die Universität haben.
SPIEGEL ONLINE: Wie sehen Sie die Erfolgsaussichten?
Schlund: Eine Feststellungsklage ist eine relativ harmlose Sache. Aber vor allem geht es darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ich hoffe, dass die finanzielle Drohung reicht, damit das System in unserem Fachbereich geändert wird.
SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie sich als eine Art Robin Hood des deutschen Studiensystems?
Schlund: Nein, überhaupt nicht. Aber eines der wichtigsten Argumente für die Einführung von Studiengebühren war immer, dass der Student dann Kunde sei und Leistungen von der Universität einfordern könne. Und diese Denkweise nehme ich schon einmal vorweg.
SPIEGEL ONLINE: Die Universitätsleitung hat bereits angekündigt, dass man die Zahl der Studenten reduzieren müsse, wenn die Klage Erfolg hat. Kann das der Sinn der Sache sein?
Schlund: Die Uni greift da Vorschläge einer Reformkommission auf, die empfohlen hatte, die Zahl der Studenten in einigen Fächern drastisch zu reduzieren. Aber andererseits muss man auch sehen, dass unser Fachbereich Wirtschaftswissenschaften vor 30 Jahren die Zahl der Studienzulassungen massiv ausgeweitet hat - nur neues Personal wurde dafür nicht eingestellt.
SPIEGEL ONLINE: Und was planen Sie als nächstes?
Schlund: Wenn ich in einem Jahr meine Kreditpunkte komplett habe, will ich für alle meine Klausuren Akteneinsicht beantragen. Spannend wird sein, wie viele sie davon wiederfinden...
Das Interview führte Kai Kolwitz
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