Von Jochen Leffers
Mit ihrer Fanfare von der "Innovationsoffensive" hat die SPD-Führung kunstvoll Aufregung inszeniert: Auch in Deutschland sollen Elite-Universitäten entstehen, die sich mit Vorbildern wie Harvard, Stanford, Oxford oder Cambridge messen können. Die große öffentliche Aufmerksamkeit haben die Genossen offensichtlich genossen. Doch die Bundesländer reagierten überwiegend ablehnend, und in der Fachwelt löste die Idee teils heftige Heiterkeit aus.
CSU-Chef Edmund Stoiber lehnte den Vorstoß als "Schnellschuss" ab. Die Bundesregierung weiche zudem auf Themen aus, für die sie nicht zuständig sei, sagte der bayerische Ministerpräsident. "Wir brauchen keine Eliteinseln", sekundierte Wissenschaftsminister Thomas Goppel. Der Bund könne nicht mit seinen beim Hochschulbau eingesparten Geldern sein Elitekonzept verfolgen. "Es ärgert mich, wenn man uns erst das Geld beim Hochschulbau wegnimmt, um dann Prestigeobjekte finanzieren zu wollen", sagte auch Sachsens Wissenschaftsminister Matthias Rößler (CDU).
Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) erklärte dagegen, es sei "nötig und richtig", das Thema der Spitzenuniversitäten zu forcieren. Wichtig sei aber auch "eine grundlegende Umstrukturierung" der Hochschulen. Dazu gehörten kürzere Studienzeiten, eine Neuregelung des Professorenstatus sowie die Frage von Studiengebühren. Kritischer äußerte sich sein Wissenschaftssenator Thomas Flierl. Der PDS-Politiker monierte, es sei "irrig zu glauben", dass sich die Defizite des Bildungs- und Ausbildungssystems allein mit "universitären Leuchttürmen" lösen ließen.
Unterdessen ließ Dieter Lenzen, Präsident der Freien Universität Berlin, Zahlen sprechen. Er hält zusätzliche Investitionen von jährlich 30 Milliarden Euro in das deutsche Bildungssystem von der Schule bis zur Universität für notwendig. Lenzen erklärte im Berliner Inforadio, fünf bis zehn deutsche Universitäten könnten ohne weiteres, wenn sie in die ökonomische Lage versetzt würden, innerhalb von drei bis fünf Jahren Leistungen wie die berühmten amerikanischen Elite-Unis erbringen. "Dann muss jetzt aber richtig durchgeatmet und gehandelt werden", sagte der FU-Professor.
Lenzen verwies darauf, dass beispielsweise die Columbia University in New York über ein Jahresbudget von über 2,4 Milliarden US-Dollar verfüge, die FU Berlin dagegen lediglich über 270 Millionen Euro. In Columbia sei die Zahl der Studierenden halb so groß wie in Berlin. "Das heißt, die haben etwa das 20- bis 25-Fache an Ausstattung. Da kann man natürlich ganz andere Effekte erzielen", so Lenzen.
Bayern und Baden-Württemberg: Super san's
"Wenn man Spitzenhochschulen will, muss man auch die, die da sind, finanzieren", sagte Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg. Der CDU-Politiker rechnete vor, dass eine Einführung von zehn Eliteuniversitäten wie es Bildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) vorgeschlagen hatte, 25 Milliarden Euro Mehrkosten pro Jahr verursachen würde.
Für den Fall, dass dem Wortgeklingel Taten folgen und Bund, Länder und Wirtschaft tatsächlich viel Geld für den Sprung in die Erstklassigkeit springen lassen sollten, bauen große und kleinere Universitäten schon einmal vor. Vorerst verzichten sie auf Klagen über drastische weitere Mittelkürzungen und präsentieren sich wie in Höchstform für den möglichen Geldregen. Und siehe da: In Deutschland gibt es reichlich Hochschulen, die sich heute schon für exzellent halten. Mindestens.
So kam die Landesrektorenkonferenz Baden-Württemberg gleich auf sieben Universitäten im Ländle mit dem "Zeug, Spitzenhochschule zu werden": Heidelberg, Stuttgart, Tübingen, Freiburg, Konstanz, Karlsruhe und Mannheim. Diese seien bereits jetzt bei der Einwerbung von Drittmitteln für die Forschung unter den "Top 12 in Deutschland", erklärte der Vorsitzende Dieter Fritsch. Bayern kürzt gerade trotz steigender Studentenzahlen 200 Stellen an den Hochschulen, hält seine Freistaat-Universitäten aber trotzdem für super, vor allem die in München.
Bei so viel süddeutschem Selbstbewusstsein wollen die Norddeutschen nicht nachstehen. So ließ Bremen jedes hanseatische Understatement fahren: Dort habe die Hochschule "hohe Qualitätsstandards in Forschung und Lehre" sowie "leistungsfähige und gut ausgestatte Professoren", sagte Walter Dörhage, Abteilungsleiter Wissenschaft im Bildungsressort.
Immerhin verfügt der kleine, tapfere Stadtstaat nicht nur über eine staatliche Universität, sondern pumpte trotz enormer Schuldenlast auch satte 230 Millionen Mark in eine International University (IUB) - und die ist noch jung und braucht mehr Geld.
Wohin man sich auch wendet - überall Top-Unis
Zugleich machen sich auch die Nachbarn in Hamburg Hoffnung, Standort einer nationalen Elite-Hochschule werden zu können. Die Technische Universität Darmstadt hat sich ebenfalls als Eliteuni-Kandidat ins Spiel gebracht. "Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, sehe ich keinen Grund, warum wir nicht dabei sein sollten", sagte TU-Kanzler Hanns Seidler und sprach sich dafür aus, bei der Förderung ein möglichst breites inhaltliches Spektrum abzudecken: "Auch wir als Techniker brauchen die Geisteswissenschaftler."
In Ostdeutschland meldeten sich mehrere Hochschulen zu Wort. Der Leipziger Uni-Kanzler Peter Gutjahr-Löser bezeichnete zwar das SPD-Vorhaben als "Schnapsidee", aber Kollegen aus Thüringen gaben sich weniger zögerlich. So sagte Wolfgang Bergsdorf, Präsident der Uni Erfurt, die Voraussetzungen für den Elitestatus stünden in der thüringischen Landeshauptstadt nicht schlecht. Auch der Rektor der TU Ilmenau betonte "den Anspruch, eine Elite-Universität zu sein", und SPD-Landeschef Christoph Matschie machte sich für Jena stark.
Mannheim oder Dresden, dazu Hochschulen mit einem speziellen Profil wie die Fernuni Hagen oder die private Universität Witten/Herdecke - mögliche Kandidaten gibt es zuhauf. In Berlin hat derweil der frühere Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin (SPD) die Humboldt-Universität als potenzielle Elite-Universität gesichtet. Wissenschaftssenator Thomas Flierl beurteilt den Vorschlag allerdings skeptisch. Eine drastische Reduzierung der Studentenzahl und die Einführung von Studiengebühren wären für ihn nicht akzeptabel, weil Berlin mehr und nicht weniger Studienplätze brauche. Wenn die Konsequenz wäre, dass an der Humboldt-Uni etwa statt 30.000 nur noch 10.000 Menschen studierten, lehne er dies ab, betonte Flierl.
Wolfsburg, auch bekannt als Golfsburg, lässt solche Sorgen nicht aufkommen. Denn dort gibt es noch gar keine Hochschule. Aber das soll sich ja ändern - mit der "Auto-Uni" in der VW-Stadt. Der CDU-Politiker Markus Karp gab prompt den Leitgolf und sieht "viele Standortvorteile": "Als Eliteuniversität würde die Auto-Uni eine zusätzliche Aufwertung erhalten." In Wolfsburg habe sich wie sonst nirgendwo in Deutschland "eine Kompetenz in Sachen Automobilbau und Mobilitätswirtschaft angesammelt", assistierte die Industrie- und Handelskammer.
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