ThemaAuslandsstudium AsienRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
10.06.2004
 

Studium in Afghanistan

Surfen auf Trümmern

Von Daniel Schalz

Kabul wurde im Krieg völlig zerstört. Zwischen Schuttbergen versuchen Berliner Studenten, der maroden Universität wieder auf die Beine zu helfen. Die Architekten und Informatiker mischten Mörtel, gaben Computerkurse und erlebten manche Überraschung - vor allem mit der Rolle der afghanischen Studentinnen und Studenten.

Die Universität von Kabul liegt zwischen zwei Bergen, in jener Gegend, die während des Krieges zwischen Taliban und US-Truppen am stärksten umkämpft war. Überall türmen sich Schutt und Trümmer auf, nur hin und wieder ist zwischen den Steinhaufen ein einstöckiges Haus zu sehen. Für Felix Borchers, 28, war die erste Begegnung mit Afghanistan ein Schock. "Da steht kein Stein mehr auf dem anderen", musste der Berliner Student feststellen, als er im März vergangenen Jahres das erste Mal ins Land kam. Borchers gehört zu einer Gruppe von Informatikstudenten der Technischen Universität (TU) Berlin, die an der Universität Kabul ein Rechenzentrum aufbauten.

Sport-Pause: Beim Aufbau einer Schule spielen afghanische Schülerinnen Basketball mit deutschen Studentinnen
Zur Großansicht
Morten Loes

Sport-Pause: Beim Aufbau einer Schule spielen afghanische Schülerinnen Basketball mit deutschen Studentinnen

"Ich wollte meinen Teil dazu beitragen, dass die Uni wieder den Anschluss an die Informationsgesellschaft findet", sagt der afghanische Dozent Nazir Peroz, der seit 25 Jahren in Berlin lebt und der Initiator des Projektes ist. Das Technische Hilfswerk (THW) renovierte einen Raum an der Universität und stattete ihn mit Elektrik aus. Eine echte Herausforderung, denn die Taliban hatten während ihrer Herrschaft im ganzen Land die Kupferleitungen herausgerissen, eingeschmolzen und nach Pakistan verkauft. "Einige der am Projekt beteiligten Afghanen wohnen in Gegenden, in denen es nur ein bis zwei Stunden am Tag Strom und Wasser gibt", erzählt Informatikstudent Tobias Wölk, 26.

Die Maus hin und her bewegen

Trotz aller Schwierigkeiten begannen im März 2003 die Schulungen für Dozenten, Tutoren und Studenten. Jeweils zwei bis drei TU-Studenten reisten über ein Jahr lang für jeweils zwei Monate nach Kabul, Felix Borchers gehörte zu den ersten. "Computer-Wissen war bei den Leuten faktisch nicht vorhanden", berichtet er vom mühevollen Beginn. "Wir hatten eigentlich gehofft, dass wir den Afghanen nicht noch zeigen müssen, wie man die Maus hin und her bewegt."

Zudem kann ein Großteil der Afghanen kein Englisch. Das Übersetzen in Dari, neben Paschtu eine der beiden verbreiteten Umgangssprachen, ließ die Computerkurse zu einer langwierigen Angelegenheit werden. Was die Begeisterung der Studenten nicht schmälerte: "Die haben uns die Bude eingerannt", sagt Borchers.

Dabei stehen für die rund 8000 Studenten nur 40 Rechner zur Verfügung. "Letztlich sind bislang nur 200 bis 300 Studenten in den Genuss des zweimonatigen Kurses gekommen", bedauert Borchers. Und zwar nach Frauen und Männern getrennt, denn gemeinsame Kurse waren für die Afghanen undenkbar. Vom anfänglichen Plan gemischter Kurse brachten die Einheimischen die Berliner schnell ab - was sich gerade für die Frauen als Glücksfall entpuppte: In gemischten Kursen hätten sie sich wohl kaum getraut zu reden.

Akademische Aufbauhilfe

So aber wurden sie im Laufe der Schulungen immer lebhafter, nach einiger Zeit legten viele sogar ihre Schleier ab. Die Frauen bewegten sich in der Universität viel freier als in der Stadt, so der Eindruck der Berliner Studenten. Der Präsident der Hochschule, Akbar Popal, sei weltoffen und westlich orientiert, was man auf dem Campus deutlich spüre. "Wenn die Studentinnen die Uni verlassen, setzen sie die blaue Burka wieder auf", erzählt Borchers.

Bau beendet: Die neue Schule ist fertig
Zur Großansicht
Selim Celicoglu

Bau beendet: Die neue Schule ist fertig

Das Engagement der Informatikstudenten ist nicht die einzige akademische Aufbauhilfe für Afghanistan. Universitäten wie Bonn, Karlsruhe, Kassel, Heidelberg, Erlangen oder Hohenheim laden regelmäßig afghanische Dozenten zur Weiterbildung nach Deutschland ein. Studenten und Professoren der Universität Bonn gründeten 2003 die Initiative "Ein Stuhl für Kabul", die Spenden für die afghanische Universität sammelt.

Der Lehrstuhl für Städtebau der Universität entwickelte Lösungen für die zerstörte Hauptstadt. Im Herbst vergangenen Jahres fand ein Dozentenaustausch mit dem Fachbereich "Deutsch als Fremdsprache" der Universität Essen statt. Und afghanische Medizinstudenten konnten im Sommer in Kabul an einem Fortbildungskurs in Kardiologie teilnehmen - geübt wurde an EKG-Geräten aus Deutschland.

Klassenzimmer auf Folterkellern

Afghanistan-Erfahrung sammelten auch 22 Berliner Architekturstudenten, die im Sommer 2003 erstmals nach Afghanistan flogen. Neben einer Begegnungsstätte für Studenten sollten zwei Gebäude für eine Mädchenschule gebaut werden. Die Sooria-Schule hatte während des Krieges als Militärquartier gedient, in ihren Kellern wurden Gefangene gefoltert und hingerichtet.

Unterricht in PC-Hardware: Hier kommt die Maus
Zur Großansicht
Felix Borchers

Unterricht in PC-Hardware: Hier kommt die Maus

"Da war alles platt", erinnert sich Rainer Mertes, Architektur-Professor an der TU und neben zwei Diplom-Ingenieurinnen Leiter des Projektes, an seinen ersten Eindruck vom Gelände. Zwischen Lehmhügeln standen nur noch einige Mauern, an einer hing noch eine Tafel. Von den sanitären Einrichtungen waren allein die Grundrisse erkennbar.

In der Zusammenarbeit mit den afghanischen Architekturstudenten gab es einige Überraschungen: "Während eines Abendseminars standen plötzlich alle Studentinnen schweigend auf und gingen", erinnert sich Mertes. Er hatte nicht eingeplant, dass sich afghanische Frauen nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr außerhalb des Hauses aufhalten dürfen.

Verschleiert auf dem Bau

Probleme warf auch die gemeinsame Arbeit auf den Baustellen des von TU, DAAD und dem Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit finanzierten Projektes auf. Die afghanischen Studenten erschienen im feinen Zwirn - und schauten erst einmal zu. Es entsprach nicht ihrem Selbstverständnis, mit anzupacken. Für die Frauen war es zunächst unvorstellbar, in Arbeitskleidung und vor den Augen aller Familienmitglieder und Bekannten Mörtel zu mischen und Steine zu schleppen.

"Besonders die Frauen in unserer Gruppe haben dann versucht, sie durch den behutsamen Aufbau von persönlichen Kontakten langsam zu integrieren", erzählt Mertes. Es entwickelten sich Freundschaften, einige der Berlinerinnen schliefen gar für eine Nacht in einem zum Wohnheim für Studentinnen umfunktionierten Mietshaus. "In den zehn Quadratmeter kleinen Zimmern standen jeweils vier Doppelstockbetten, Möbel gab es keine, und die Toilette war ein Loch im Boden", erzählt die Architektur-Studentin Charlotte Kellersmann, 29.

Doch den TU-Studenten, die schon aus Kabul zurückgekommen sind, bleiben nicht nur negative Erlebnisse in Erinnerung. "Allein für den Tagesausflug in den Hindukusch hat es sich gelohnt, zwei Monate hart zu arbeiten", sagt Felix Borchers. "Da saßen wir im Schatten der Maulbeerbäume und haben die erntefrischen Beeren gegessen."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Studium
alles zum Thema Auslandsstudium Asien

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP