Von Gregor Peter Schmitz, Cambridge
Der Mann von McKinsey hat die Lösung, natürlich. "Die deutsche Präsentation muss einfach positiver werden", sprudelt er beim Empfang im Harvard Faculty Club auf den deutschen Bildungsfunktionär ein. Der schaut noch etwas ratlos. Also legt der Unternehmensberater nach wie ein Powerpointer: Hat sich doch einiges getan am Bildungsstandort Deutschland. Muss betont werden. Highlighted. Kommuniziert. Eins, zwei, drei. "Brain drain" fast vorbei.
Aber ist es wirklich so einfach? An gutem Willen zur Kommunikation fehlt es ja nicht. 200 in den USA forschende deutsche Nachwuchswissenschaftler hat der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) zur Tagung nach Boston eingeladen, aus Deutschland sind Schwergewichte der Hochschulpolitik angereist wie Ernst Ludwig Winnacker, Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, oder Max Huber, beim DAAD zuständig für internationales Hochschulmarketing.
Frage- oder Ausrufezeichen
Es soll klar werden, dass die Bundesrepublik etwas tun will gegen den "brain drain", gegen die Abwanderung der besten Wissenschaftler, vor allem in die USA. Es wird zwei Tage lang diskutiert, für Podiumsdebatten werden deutsche Bildungsjournalisten eingeflogen, große Firmen wie Lufthansa oder McKinsey geben Geld. Aber eigentlich lässt sich die ganze Veranstaltung herunterbrechen auf einen Wortwechsel bei einer Diskussion am Samstagmorgen. Da wiederholt die Moderatorin das Motto: "Deutsche Hochschulen, fit für den internationalen Wettbewerb?" - was einen Teilnehmer zu der Frage provoziert, ob das nun mit Ausrufezeichen stehen soll oder mit Fragezeichen. Und Podium und andere Teilnehmer stürzen sich prompt begeistert auf diese Debatte.
Denn die Frage spiegelt ja den seltsamen Zwiespalt deutscher Bildungspolitik. Die an diesem Wochenende in Boston zusammengekommenen jungen Mediziner, Chemiker, Biologen, Geisteswissenschaftler forschen an Unis wie Harvard, Yale, Princeton oder Berkeley, sind selbst also fleischgewordener Beweis des Zwiespaltes. Denn einerseits kann man ihren USA-Aufenthalt als weiteren Beleg für "brain drain" bedauern, andererseits - wie der Vorsitzende der Hochschulrektorenkonferenz, Peter Gaethgens - darin auch einen Erfolg des deutschen Bildungssystems sehen. "Die reüssieren ja hier wegen ihrer erstklassigen deutschen Ausbildung."
Das Problem ist das Problem
Der Zwiespalt zieht sich auch durch die zweitägigen Reformdebatten. Hat sich schon genug getan in Uni-Deutschland? Plagt Deutsche gar einfach zuviel Problemorientierung, wie Johann-Dietrich Wörner, Präsident der TU Darmstadt, glaubt? "Das Wort Problem ist das häufigste Wort hier auf der Tagung", rüffelt er die jungen Wissenschaftler. Zu wenig informiert seien viele über neue Schritte in Deutschland, über die genauen Möglichkeiten der Juniorprofessor etwa.
In der Bostoner Spätsommeridylle sind Deutschlands Montagdemos und Extremisten-Wahlerfolge weit weg. Doch ein Hauch der Debatten um die Agenda 2010 schleicht sich auch in die "Workshops" zur internationalen Fitness des Humboldt'schen Geistes. Denn so schwer einsehbar die Sozialreformen für viele sind, weil vieles erhaltenswert erscheint, so reden sich auch beim Abendempfang ein deutscher Biologe, ein Chemiker und ein Mediziner erst in Rage über den klaren Reformbedarf in Deutschland (Studiendauer, Abbrecherquoten, Unterfinanzierung, Überfüllung) - um sich irgendwann in der Einschätzung wiederzutreffen, wie viel umfassender als selbst an manchen US-Tophochschulen ihre Ausbildung gewesen sei.
Als bei einer Podiumsdiskussion die Moderatorin eine Umfrage startet, wer glaube, in Deutschland sei alles so schlimm, wie es immer geschildert werde, gehen nur fünf junge Forscher-Finger hoch - von 200. Das "Ja, aber...." fällt in den Debatten immer wieder. Was sie nicht leichter macht.
"Wir heulen nicht bei Schwarzenegger"
Vor allem, weil ja doch jeder hier in Boston auch irgendwo weiß, dass das "Ja, aber...." nicht ewig alle Rückstände vertünchen hilft. Sie müssen ja nur zuhören, wie die Professoren der Medizinfakultät in Columbia über Monate hinweg in Einzelgesprächen und durch Wälzen von Bewerbungsmappen den neuen Jahrgang formen. Sie müssen ja bloß registrieren, mit welcher Energie der deutsche Physiker Eicke Weber, der seit 20 Jahren in Berkeley forscht, über Budgetplanung spricht. Ein Drittel des Etats der Staatsuni komme nur noch von der Regierung, sagt Weber, den Rest besorge man sich selber über Industrie und Sponsoren. "Wir sitzen nicht bei Schwarzenegger auf dem Sofa und heulen dem was vor."
Geld, mit dem man den Allerbesten traumhafte Ressorcen gewähren kann. Max Huber vom DAAD kann noch so lange aufzählen, wie viele Inder und Chinesen jetzt nach Deutschland kommen - er muss doch eingestehen, dass dies nicht die Besten sind. Und das gilt nicht nur für die Ausländer, auch bei den Deutschen gibt es trotz allem Erhaltenswerten am Heimatsystem gar die Crux der "doppelten Bestenauslese" - wie es eine "Talentstudie" des Bundesbildungsministeriums genannt hat.
Bewerbungsbrief von der Uni
Die besten Deutschen bekommen Stipendien für die USA, und wer dort wiederum brilliert, bekommt das attraktivste Bleibeangebot - mit dem deutsche Einrichtungen kaum konkurrieren können. Nach neuen Studien will fast jeder zweite im Ausland forschende Deutsche nicht zurück.
Ist das nicht genau das Problem? Eicke Weber, der erfolgreiche Berkeley-Physiker, nennt als Gründe für seinen Aufbruch nach Amerika nicht die größere Freiheit oder die Ressourcen dort, sondern erzählt eine Geschichte. Nach einem Forschungsaufenthalt als junger Wissenschaftler in Berkeley habe ihm die berühmte Uni einen sehr netten Brief nach Köln geschickt: Er solle sich doch bitte um eine Stelle bewerben. "Die bemühten sich richtig um mich." So ein Gefühl zu vermitteln, kostet nicht viel Geld.
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