Omar Sayami
Schüler in Kabul: "Große Freude, zur Schule zu gehen"
Nikpay - Jeden Winter haben die 600 Schüler im afghanischen Nikpay frei. Bei Minusgraden, Wind und Schnee will es ihnen niemand zumuten, stundenlang auf dem nackten Boden zu sitzen und ihren Lehrern zuzuhören. Im Sommer hingegen, bei über 45 Grad, schützen die Schüler nur dünne Strohmatten über ihrem Kopf vor Sonne und Gluthitze. Die einzige Grundschule im Ort hat weder Wände noch ein festes Dach - von Möbeln oder Lehrbüchern ganz zu schweigen.
Wie in Nikpay sieht es an den meisten der etwas mehr als 5000 Schulen Afghanistans aus. Über 20 Jahre Bürgerkrieg, der Einmarsch der Sowjetunion 1979 und die Schreckensherrschaft der radikalislamischen Taliban hatten verheerende Folgen: Rund 70 Prozent aller Schulen wurden zerstört, mehr als die Hälfte der afghanischen Männer und fast 90 Prozent der Frauen sind inzwischen Analphabeten.
Trotz milliardenschwerer Hilfszahlungen der internationalen Gemeinschaft steckt das Land weiter tief in der Bildungskrise. Zwar sind allein dank der deutschen Hilfsgelder von 80 Millionen Euro im Jahr mehr als 100 Schulen wieder instand gesetzt worden - für 100.000 Kinder.
Doch bei über fünfeinhalb Millionen Afghanen im Schulalter ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Von den rund 27 Millionen Einwohnern des Landes sind fast die Hälfte jünger als 15 Jahre. Der Großteil von ihnen muss immer noch auf die Schulbildung verzichten oder lernt unter freiem Himmel und bei Stadtlärm.
"Ein Land in der Stunde Null"
Daher beschloss Omar Sayami, 45, selbst aktiv zu werden. Im Herbst 2003 reiste der Art Director von SPIEGEL ONLINE zum ersten Mal seit Jahrzehnten ins Land seines Vaters, in dem er die ersten zwölf Jahre seiner Kindheit verbracht hatte. Er sah die Euphorie des Neuanfangs, aber auch die extreme Armut: Abertausende von Flüchtlingsfamilien, Kriegsverletzten und Straßenkindern. Dabei reifte in ihm der Wunsch zu helfen: "Afghanistan war ein Land in der Stunde Null, alles wurde gebraucht, man konnte sich irgendetwas aussuchen."
Omar Sayami
Mädchenklasse in Nikpay: Unterricht oft im Freien
Sayami entschied sich dafür, eine Schule zu bauen. Keine ganz neue Schule, das dauert zu lange in einem Land, in dem sich jeder höhere Provinzbeamte "Minister" nennt und wo Korruption weit verbreitet ist. Auch nicht in Kabul, der sicheren Hauptstadt, wo sich der Großteil der internationalen Truppen und Hilfsorganisationen niedergelassen hat. Sayami wollte eine Schule auf dem Land bauen, wo mehr als 80 Prozent aller Afghanen leben.
Die Provinzen trifft der Bildungsnotstand am schwersten. Zwar gibt es offiziell eine Schulpflicht in Afghanistan: Vom 7. bis zum 13. Lebensjahr müssen alle Kinder die kostenlose Grundschule besuchen, danach dürfen sie freiwillig auf der Mittel- oder Oberschule weitermachen.
Gewaltiger Wissenshunger trotz miserabler Bedingungen
Das Gesetz scheitert jedoch oft an der harten Realität. "Viele Kinder müssen ihren Eltern bei der Arbeit helfen", erklärt Sayami, "außerdem weiß kaum eine Schulbehörde, wie viele Kinder es in ihrem Bereich gibt und wie viele davon zur Schule gehen müssen."
Die Hauptopfer der Schulmisere sind die Mädchen. Während der Taliban-Herrschaft war Frauen jegliche Bildung verboten, erst seit Januar des vergangenen Jahres gewährt ihnen die neue afghanische Verfassung dieselben Rechte wie Männern. Inzwischen geht laut einer Umfrage der Unicef und des afghanischen Büros für Statistik ein gutes Drittel aller Mädchen zur Schule.
Doch die Zahl steigt nur langsam: Wo streng gläubige Eltern auf Geschlechtertrennung bestehen, fehlen Lehrerinnen. Andere Eltern haben Angst, ihre Tochter unbewacht kilometerweit durch eine fast menschenleere Gegend ziehen zu lassen.
Lernen im Schichtbetrieb
Im Sommer 2004 flog Sayami zum zweiten Mal nach Afghanistan. Einen Monat lang besuchte er die Provinz Kunduz im Norden des Landes. Hier leben vor allem Handwerker und Reisbauern, lediglich 80 der 280 staatlichen Schulen verfügen über ein festes Gebäude.
Omar Sayami
Nikpay-Schule: Nur Strohmatten schützen die Schüler vor Sonne und Wind
Und trotzdem sind alle überfüllt: "In vielen Schulen gibt es 50 bis 60 Schüler pro Klasse. Aber alle sind mit Begeisterung dabei. Es ist ganz anders als in Deutschland - egal ob im Freien oder drinnen, man sieht den Kindern die Freude an, zur Schule zu gehen", erzählt Sayami. Oft lernen die Kinder sogar im Schichtbetrieb, weil es nicht genug Platz für alle gibt.
Omar Sayami ließ sich erst von den Provinzpolitikern verschiedene Schulprojekte zeigen. Als er merkte, dass sie vor allem Schulen präsentierten, mit denen sie sich selbst profilieren wollten, suchte er auf eigene Faust weiter. Am Ende fiel seine Wahl auf die
Dorfschule in Nikpay. Für rund 25.000 Landbewohner ist sie die einzige Grundschule im Umkreis von 20 Kilometern.
Im Frühling soll es losgehen
Ihr will Sayami ein neues Schulgebäude spendieren, inklusive Sanitäranlagen, einem Trinkwasserbrunnen, Möbeln und Lernmitteln. In Afghanistan reichen dafür schon 40.000 bis 45.000 Euro. Im April soll es mit dem Bau des Gebäudes losgehen, nach Ende des afghanischen Winters. Dann könnten bereits im Sommer 1000 Kinder in den 14 neuen Klassenzimmern zusammen lernen. Für 300 Mädchen soll es sogar eine eigene Mittelstufe geben.
Das Geld will Sayami bis dahin mit Spenden zusammenbekommen - und notfalls auf eigene Kosten losbauen: "Im Frühling geht es los, egal wie viel Geld da ist. Notfalls muss ich das Projekt eben vorfinanzieren, aber ich möchte nicht, dass die Hälfte steht und dann gibt es einen Baustopp, weil das Geld alle ist."
Omar Sayami
Lehrerkollegium in Nikpay: Die meisten hatten seit 20 Jahren keine Weiterbildung
Wenn die Schule fertig ist, will sich Sayami weiteren Projekten in Afghanistan widmen - vielleicht eine neue Schule, vielleicht ein besserer Unterricht. Denn am Hindukusch fehlen nicht nur die Gebäude. Es gibt auch kaum fähige Lehrer, erklärt Sayami: "Der Unterricht läuft meist so ab, dass der Lehrer vorne etwas anschreibt und die Schüler es nachsprechen. Der Lerneffekt ist gering. Außerdem hatten viele Lehrer 20 Jahre lang keine Fortbildung, und die besten unter ihnen wurden von den Hilfsorganisationen abgeworben. Ich habe Professoren getroffen, die lieber Fahrer für die Uno waren, als in ihrem Beruf zu arbeiten."
Während ein afghanischer Lehrer rund 40 Dollar im Monat verdient, zahlen die Hilfsorganisationen ihren Mitarbeitern mehr als das Zehnfache.