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18.01.2005
 

Kinder in Gambia

"Wir haben unsere Identität verloren"

In Afrika lassen Hunger und Armut die Menschen verzweifeln. Hilfsorganisationen bekämpfen das Elend und schaffen ein Stück heile Welt in einer Umgebung des Grauens. Maximilian Popp und Philipp Wagner, Gewinner beim Schülerzeitungswettbewerb des SPIEGEL, besuchten ein SOS-Kinderdorf in Gambia.

David Beckham dribbelt wie selten zuvor. Aber der Beifall ist mäßig. Gelangweilt verfolgt Maimuna das Gekicke ihrer drei Brüder auf dem staubigen Bolzplatz des SOS-Kinderdorfes von Bakoteh, Gambia.

Das SOS-Kinderdorf in Bakotha, Gambia: Chancen auf ein besseres Leben
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Maximilian Popp / Philipp Wagner

Das SOS-Kinderdorf in Bakotha, Gambia: Chancen auf ein besseres Leben

Maimuna und Beckham, der eigentlich Essa heißt, sind Geschwister, seit sie drei sind. Essa kennt seine leiblichen Eltern nicht. Nach seiner Geburt wurde er ausgesetzt, von Mitarbeitern des Sozialamts gefunden und ins Kinderdorf gebracht. Maimunas Mutter starb, als sie drei war. Wo ihr Vater steckt, weiß sie nicht; sie hat ihn nie gesehen.

Mit Princess Cates haben beide eine neue Mutter bekommen. Die 49-Jährige arbeitet seit 13 Jahren für SOS. Princess hat acht Kinder. Sie wohnen gemeinsam in einem der zehn Häuser des Dorfes. Ob es schwierig sei, sich um acht Kinder gleichzeitig zu kümmern? Princess lacht. "Nichts, was man liebt, ist schwierig. Anstrengend manchmal, aber schwierig - nein."

Lamin Suno studiert in London Informatik. Er wuchs im SOS-Kinderdorf auf. Jedes Jahr kehrt er in den Semesterferien nach Bakoteh zurück und wohnt im Dorf. "Es ist wichtig, dass die Menschen hier verstehen, wie das Leben im Westen wirklich ist. In Europa zählen andere Werte. Bei uns stehen Gemeinschaft und Traditionen im Mittelpunkt. Im Westen Geld und Erfolg", sagt Lamin.

"Wirklich zu Hause fühle ich mich nur in Gambia"

Der 23-Jährige ist groß, muskulös, ein hervorragender Basketballspieler. Für seine Freunde aus der Schulzeit hat sich nichts dadurch geändert, dass Lamin in England studiert. Sie verbringen die Tage wie damals: vormittags am Basketballplatz, nachmittags am Strand, abends in einem der wenigen Nachtclubs am Rande der Stadt. Sie hören Reggae, schauen den Mädchen hinterher, drehen sich Joints. Alkohol trinkt hingegen kaum jemand. Gambia ist muslimisch geprägt, Alkohol daher verboten, genauso wie Schweinfleisch und Sex vor der Ehe. Im Gegensatz zu den arabischen Staaten werden in Gambia diese Verbote jedoch lax gehandhabt.

"Afrikanische Traditionen haben weitaus mehr Bedeutung als der Islam", sagt Lamin. Nach seinem Informatikstudium möchte er eine Weile in England bleiben und Geld verdienen, später jedoch auf alle Fälle nach Gambia zurückkehren. "Europa bietet dir bessere Chancen, und ich habe mich an das Leben dort gewöhnt. Aber wirklich zu Hause fühle ich mich nur in Gambia."

"Farbe bekennen gegen Armut" - Bilder aus einem Plakatwettbewerb für Studenten

Mohammed ist fünf Jahre älter als Lamin. Auch seine Eltern starben, als er ein Kind war. Er kam nicht in einem SOS-Dorf unter. Mohammed wuchs auf der Straße auf. Er besuchte nie eine Schule, kann weder lesen noch schreiben.

Sorgen um seine Zukunft macht er sich keine. Für ihn geht es nur darum, den nächsten Tag zu erleben. Mohammed hustet. Seit Jahren leidet er an Asthma. Der dichte Qualm von der nur wenige Meter von seiner Behausung entfernten Müllhalde hat seine Lunge vergiftet. Zugleich braucht Mohammed die Müllkippe, um zu überleben. Wie viele andere sucht er dort nach Essensresten. Kinder, nicht älter als fünf Jahre, stochern in den Abfallbergen, durchwühlen das Gemisch aus Kot, Autoreifen und Plastikfetzen. Sie schneiden sich dabei ihre Hände auf und bluten an den Füßen, wenn sie auf ein spitzes Stück Metall treten. Unüberschaubar groß ist die Müllhalde. Feuer lodern. Beißend stinkt der verbrannte Müll. Traver Bush kennt all das Elend. Der gebürtige Engländer arbeitet seit sieben Jahren für SOS in Gambia. Jedes Jahr bildet er 14 Jugendliche im "Technikzentrum" zu Mechanikern aus. "Ein Tropfen auf den heißen Stein", sagt Bush, "von den 14 Jungen, die hier lernen, werden später vielleicht sechs einen Job finden."

In den Slums der Hauptstadt

Bush ist sichtlich aufgeregt. Der Bleistift wandert von seiner linken in seine rechte Hand und zurück. "Das Schlimme ist, dass sich die Probleme von Tag zu Tag vergrößern. In 30 Jahren werden in Afrika fast doppelt so viele Menschen leben. Was das bedeutet, kann jetzt überhaupt noch niemand sagen."

Eine Vorstellung davon liefert der Slum am Hafen der Hauptstadt Banjul. Am Ufer des Gambia River, dessen schlammige Wassermassen bei Banjul in den Atlantik münden, leben die Ärmsten der Armen. Es riecht nach totem Fisch, Möwen kreischen. Alte Männer sitzen am Strand und warten. Sie warten auf die schmalen, hölzernen Ruderboote, die hinausgefahren sind, um im Ozean Fisch zu fangen. Ist die Ausbeute gering, hungern alle. Innerhalb weniger Quadratkilometer leben unzählige Menschen - angewiesen auf den Erfolg der Fischer.

Ob Coca Cola oder Levis - westliche Einflüsse verdrängen afrikanische Traditionen
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Maximilian Popp / Philipp Wagner

Ob Coca Cola oder Levis - westliche Einflüsse verdrängen afrikanische Traditionen

Wer hier lebt, muss jeden Tag damit rechnen zu sterben. Dicht aneinander gereiht stapeln sich rostiges Blech, aufgeweichte Kartonfetzen und morsche Holzpfähle. Die Menschen bauen sich daraus Behausungen, in denen sie Schutz vor Sonne und Regen suchen. Dazwischen Exkremente und Tierkadaver. Es fehlt an Hygiene. Dadurch breiten sich immer wieder Seuchen aus.

Hermann Boehler ist Österreicher. In seinem Büro ist es kalt, der Ventilator dröhnt. Seit 13 Jahren lebt er in Afrika. Zunächst arbeitete er in Tunesien, bis ihn SOS nach Gambia holte. "SOS kann die Probleme des Landes nicht lösen. Aber wir haben ein Modell geschaffen, das zeigt, dass sich westliche Einflüsse sehr wohl mit afrikanischen Traditionen verbinden lassen", so Boehler.

"Wir müssen lernen, wer wir sind"

"SOS gibt den Kindern die Chance, ihr Leben selbst zu gestalten. Wir hoffen, dass sie später dabei helfen, Gambia voranzubringen. Wir nennen das 'Nation Building'. Dazu braucht es Menschen, die bereit sind, sich für ihr Land einzusetzen."

Menschen wie Theodosia Kudadjie. Die 38-Jährige ist Herausgeberin des gambianischen "SOS-Magazine". Ihr Englisch ist beinahe akzentfrei. Haare und Kleidung sitzen. "Der Westen hat uns über Jahrhunderte das Gefühl gegeben, Menschen zweiter Klasse zu sein. Wir haben dabei unsere Identität verloren", sagt Theodosia Kudadjie.

"Ganz egal ob in Gambia, Nigeria oder Ghana - wir müssen lernen, wer wir sind. Viele meiner Landleute kopieren den Westen. Sie versuchen, sich wie Europäer zu kleiden, wie Europäer zu reden, wie Europäer zu essen", klagt die Journalistin. Das sei völlig falsch. "Wir müssen der Welt zeigen, wer wir sind. Wir müssen die Probleme, die wir haben, lösen. Nicht der Westen kann uns helfen, sondern nur wir selbst."


* Maximilian Popp, 18, und Philipp Wagner, 17, gehen in die 13. Klasse des Adalbert-Stifter-Gymnasiums in Passau. Ihre Schülerzeitung "Rückenwind" wurde beim Schülerzeitungswettbewerb 2003/2004 zum Gesamtsieger gekürt.

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