Von Bettina Musall
Wenn Sarah Strohschein lacht, und sie lacht gern, wird es hell und warm im Raum. Sie sieht gut aus, und ihr Leben ist genau da, wo sie es jetzt - mit 29 Jahren - haben will. Sarah geht es gut, richtig gut, und das strahlt aus ihr.
Wer hätte das vor fünf Jahren gedacht, als die Studentin kurz entschlossen die Hochschule schmiss? Schon im Gymnasium wusste Sarah, dass sie "in die Medien" wollte. "Voll motiviert" begann die Tochter eines Lehrers und einer Krankenschwester, Germanistik und Geschichte zu studieren - und nebenbei für die Oldenburger "Nordwest-Zeitung" zu schreiben.
Doch im dritten Jahr an der Hamburger Universität war nichts mehr übrig von ihrer Begeisterung. Die akademische Offenheit überforderte sie, ihr fehlten die verbindlichen Vorgaben."Keiner interessiert sich für dich", sagt Sarah. "Nach sechs Semestern kannte gerade mal eine Professorin meinen Namen."
Ein paar Monate jobbte sie in einer kleinen Werbeagentur, 20 Stunden die Woche. Es machte ihr Spaß, "endlich etwas Sinnvolles zu tun". Dann kam das Angebot, aus dem Job eine Ausbildung zur Werbekauffrau zu machen. Vater Strohschein war "nicht direkt begeistert", als seine Älteste erklärte, sie werde die Uni verlassen. Immerhin hatten die Eltern das Studium finanziert. Aber, sagt sie: "Ich wusste ja, was ich wollte."
Studium interruptum: Prominente Medienmenschen ohne Examen
Damit ist Sarah nicht allein. Jährlich mehr als 80.000 der rund zwei Millionen Studenten in Deutschland brechen vorzeitig die Hochschulausbildung ab - die Quote ist mehr als doppelt so hoch wie vor 30 Jahren. Von 100 Abiturienten, die ein Studium beginnen, verlassen 30 die Universität ohne Abschluss. Durchschnittlich sieben Semester drücken sich die Unzufriedenen in Hörsälen herum. Doch wer sich durchgerungen hat, das Studium gegen eine Berufsausbildung zu tauschen, steht nicht mehr automatisch als Versager da. Im Gegenteil.
"Eine hohe Motivation, ein gesundes Selbstbewusstsein und ein paar Semester Hochschulbildung auf der Habenseite" - so beurteilt Thomas Vielhauer vom Hochschulteam der Hamburger Arbeitsagentur diejenigen, "die den Mut haben, sich zu korrigieren". Abbrecher dieses Typs prüfen ernsthaft ihre Chancen, ehe sie ihren zweiten Bildungsweg einschlagen. Wer sich im Curriculum verlaufen hat, legt zwischen Uni-Beratung, Arbeitsagentur und Anzeigenmarkt oftmals einen Info-Marathon hin, der Zielstrebigkeit und Pragmatismus verheißt - Eigenschaften, die in vielen Firmen wieder höher bewertet werden als ein mühsam erkämpftes Diplom.
Rock- und Popstars ohne Diplom
"Sie sind über 25 Jahre? Dann werden Sie gesucht", wirbt eine Anzeige des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, in der "Studienabbrechern aller Fachrichtungen" eine "Ausbildung zum/r Biologisch-Technischen Assitenten/in" angeboten wird. Die Initiative "TeamArbeit für Deutschland" des Bundeswirtschaftsministeriums will Studienabbrechern laut Homepage "neue Wege" eröffnen. Und unter der Rubrik "TOP Jobangebote" der Internet-Seite studienabbrecher.com bieten honorige Firmen und Hochschulen Stipendien, Ausbildungsplätze und Traineeprogramme.
Wer sich aufrafft zum Gespräch mit den staatlichen Berufsberatern, wird gleich mit einem flotten PR-Euphemismus belohnt. Nicht Studienabbrecher nennt Arbeitsagent Vielhauer seine universitären Kunden: "Das sind Abiturienten mit Hochschulerfahrung." Auch das Hochschul-Informations-System (HIS), das regelmäßig nachprüft, was aus den Abgängern wird, bestätigt das steigende Interesse an der neu definierten Bewerbergruppe. "Ein halbes Jahr nach dem Ausstieg", sagt der Leipziger HIS-Forscher Ulrich Heublein, "haben drei Viertel der Ex-Studenten den Einstieg ins Berufsleben geschafft."
Tonnenschwer lastet der Druck
Und sind in bester Gesellschaft.
Das Who's who der Studienabbrecher verzeichnet Schriftsteller und Intellektuelle von Alice Schwarzer bis Feridun Zaimoglu. TV-Star Günther Jauch gehört ebenso dazu wie der Unternehmer Erich Sixt, und zur internationalen Elite der Aus- und Aufsteiger zählen Superprominente wie Steven Spielberg und Madonna.
Doch weil nur aus den wenigsten Studienabbrechern Millionäre werden, fällt es dem Durchschnittsstudenten schwer, sich von den üblichen Bildungsidealen zu verabschieden. Vor dem Schritt, das Studium sausen zu lassen, liegt meist tonnenschwer der Druck, einen akademischen Abschluss zu erlangen, den man auf seinem Lebensweg zwischen Elternhaus, Partygeschwätz und Bewerbungsgespräch vorweisen kann.
Im falschen Film: Schauspieler und Regisseure ohne Examen
"Nicht zu studieren stand nach dem Abitur gar nicht zur Debatte", sagt Michael Micko. An der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität hat er Geschichte und Englisch studiert. Nebenher jobbte er bei Ikea. Lehrer wollte er werden, "aus Neigung".
Aber morgens anstehen, wenn an der Massenuni die Seminare ausgelost werden? Ewig abhängig sein von Eltern und Jobs, um dann das Staatsexamen für die Arbeitslosigkeit abzulegen? Dagegen stand nach sechs Semestern das Angebot des Einrichtungskonzerns, als Studienabbrecher innerhalb von 18 Monaten seinen Einzelhandelskaufmann zu machen und anschließend fest angestellt zu werden. "Die Entscheidung, das Studium sausen zu lassen, war so einschneidend", sagt Micko, "dass ich sicher sein wollte, was mich hinterher erwartet." Am schwersten fiel es ihm, "sich einzugestehen, jahrelang in die falsche Richtung gelaufen zu sein". Und die Eltern zu überzeugen, dass aus dem Filius kein Staatsbeamter, sondern ein Angestellter im Möbelhaus wird. Heute, sechs Jahre später, ist Micko verantwortlich für die Systemplanung in der Ikea-Personalabteilung. Bei den flachen Hierarchien der Schweden sind die Chancen nach oben offen. Micko: "Bei uns gibt's auch Geschäftsführer ohne abgeschlossenes Hochschulstudium."
Lesen Sie im zweiten Teil:
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