ThemaStudienabbrecherRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Abbruch, Aufbruch, Durchbruch Es gibt ein Leben nach der Uni

2. Teil: Alles volkswirtschaftliche Blindgänger? Das späte Glück der Universaldilettanten - wie aus Secondhand-Azubis Firstclass-Mitarbeiter werden

Primär ist es die Handels- und Dienstleistungsbranche, die Hochschulflüchtlinge gern aufnimmt. Sogar bei den feinen Großbanken steuern aufmerksame Personalverantwortliche um. Unter den 4700 Bewerbern für einen Ausbildungsplatz, die Susanne Adam pro Jahr für die Region Nord der Dresdner Bank zu sichten hat, sind Studienabbrecher "gern gesehen".

Aber ist es nicht unverantwortlich, erst teure Studienplätze zu finanzieren, damit die Leute dann doch als Lehrling irgendwo unterkriechen? Wird da nicht Volksvermögen verschleudert?

Manager, Künstler, Denker ohne Studienabschluss


"Ganz und gar nicht", sagt Adam. Ein paar Jahre mehr Bildung und Lebensreife machten aus den Secondhand-Azubis in vielen Fällen Firstclass-Mitarbeiter. Während Abiturienten nach der Lehre oft studieren wollen, entfällt dieses Risiko bei den meisten Uni-Erfahrenen. Ehe sich ein akademischer Aussteiger noch mal an ein Studium bindet, muss sich das für dessen Laufbahn rechnen. "Die Investition in so einen Auszubildenden", sagt Adam, "zahlt sich für unser Unternehmen unmittelbar aus."

So wird die Universität zur Förderstufe für angehende Berufsschüler - nicht die schlechteste Option für all jene, die im akademischen Betrieb Ziel und Sinn aus dem Blick verloren haben. Doch allzu oft löst die Frage nach Abbrechern an den Universitäten noch Unverständnis oder Abwehr aus.

Die Frage nach dem individuellen Glück

Beratungsgespräche kreisen um die Vorgabe, wie das Examen doch noch zu packen ist, moniert HIS-Forscher Heublein. "Ich schrecke auch vor der Frage nach dem individuellen Glück nicht zurück", hält er dem entgegen. Denn darin liege meist der Schlüssel zu einer einigermaßen verlässlichen Wahl des Berufs- und Lebenswegs. Aber genau diese Frage, sagt der Hochschulforscher, "wird den Ratlosen nicht gestellt".

Statistik: Abbrecher nach Fächern
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

Statistik: Abbrecher nach Fächern

Stattdessen bestimmen Arbeitsmarktstatistiken und Abiturnoten den Kriterienkatalog, nach dem Suchende zu Studium oder Lehre, Fach oder Branche hingeleitet werden. Mit Tests und Auslesegesprächen wählen zwar etliche Universitäten ihre Studenten selbst aus, um die Abbrecherquoten zu senken. Die Universität Hamburg bietet ab 2006 sogar ein zweisemestriges Probestudium an. Aber noch immer gibt es bundesweit keine institutionalisierte Orientierungsphase, in der sich Studienanfänger darüber klar werden dürfen, was sie können, wovon sie träumen - und welches Fach zu ihnen passt.

"Ich wusste immer bloß, was mir wirklich Spaß macht", sagt Christoph Gottschalk. Der Sozialwissenschaftler hat einen Bildungsweg hinter sich, der in seiner Verbindung aus Freiheit und Geradlinigkeit außergewöhnlich ist. Gesucht hat er dabei vor allem praktische Erfahrung und soziale Kompetenz - Fertigkeiten, die im Curriculum fehlen.

Schon während der Schulzeit gründete der Sohn einer alleinerziehenden Krankengymnastin internationale Jugendforen, belegte Rhetorikseminare, organisierte Konferenzen und spielte als Bassist in einer Rockband. Nach dem Abitur besuchte der Europafreak das Tübinger Leibniz-Kolleg, das alljährlich 50 Abiturienten für ein einjähriges Studium generale auswählt. Gottschalk: "Ich wollte herausfinden, was nur oberflächliches Interesse ist, und welches Fach ich ernsthaft studieren will."

Berater des französischen Premiers

Er entschied sich für Politikwissenschaften. Neben dem Studium an der Berliner FU und in Frankreich arbeitete er für das Europäische Parlament in Brüssel, die Deutsche Oper Berlin, das ZDF, zahlreiche Stiftungen, war Präsident des Europäischen Jugendparlaments und persönlicher Referent der Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks - beste Voraussetzungen, um zum Langzeitstudenten zu werden. Das Studium unterbrach er vor anderthalb Jahren, um einen Job als Berater des französischen Premiers Jean-Pierre Raffarin anzutreten. Gottschalk ist 27 Jahre alt.

Ob er nach dem Ende der Pariser Legislaturperiode 2007 womöglich Journalist wird oder weiterstudiert, weiß er noch nicht. Was Berufssuchende lernen könnten von einer solchen Biografie? "Zufälle müssen sich ereignen können", sagt Gottschalk, "dafür muss man selbst sorgen." Was das Wichtigste für seinen Weg war? "Dass meine Mutter mich nie bevormundet, aber immer unterstützt hat."

Auch sie nahmen Reißaus: Schriftsteller mit Uni-Allergie


Gerade die sogenannten Soft Skills wie soziale Kompetenz und ein gesundes Selbstbewusstsein haben meist jene gemeinsam, die schließlich erfolgreich sind - mit oder ohne Umweg. Wer aber die eigenen Fähigkeiten mit den Lebensträumen nicht synchronisiert, kann durch den Studienabbruch nach wie vor in eine ausweglose Lage geraten.

Eine gewisse Mutlosigkeit ist Julia Wack schon ins Gesicht geschrieben. Dabei ist sie attraktiv, und die Männer in den Zeitarbeitsfirmen drücken ihr Visitenkarten in die Hand, ohne sie nach dem Lebenslauf zu fragen. Aber die abgebrochene Juristin ahnt schon, dass auch das wieder nicht das Richtige ist: "Ich sehe meine Zukunft nicht im Callcenter oder als Sekretärin."

Einfach raus aus dem pfälzischen Zuhause wollte sie nach dem Tod ihrer Mutter. Darum begann sie, Geschichte und Politik zu studieren. Dann nach einem Semester "doch lieber Jura, etwas mit Hand und Fuß". Kurz vor der Freischuss-Prüfung hatte sie Stress im Privaten, es folgte ein Fluchttrip nach Asien. Acht Jahre hat sie dort als Sprachlehrerin "richtig gut verdient". Dann quälte doch das Heimweh.

Man muss sich entscheiden können

"Universaldilettanten, zu denen gehöre ich wohl", sagt Julia. Im Berufsinformationszentrum der Münchner Arbeitsagentur hat man ihr abgeraten, das Studium fortzusetzen. "Juristen", sagt Berater Franz Riedmiller, "gibt es bekanntlich wie Sand am Meer." Als Teamassistentin könne Julia anfangen, aber die Beinah-Akademikerin will "auf keinen Fall für eine Bank oder Versicherung arbeiten".

UniSPIEGEL-Titel: "Wir haben abgebrochen" Also vielleicht doch wieder studieren. "Oder am liebsten Journalistin werden." Eines nur ist klar: Jetzt - mit 34 Jahren - ist Julia ganz und gar nicht da, wo sie gern wäre.

Auf dem Weg in die Berufswelt geht es im Kern oft darum, sich überhaupt entscheiden zu können, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Dann ist es fast egal, sagt Berater Riedmiller, was einer studiert, wann man aus- und umsteigt oder ob man promoviert. Dann kann eine wie Sarah Strohschein aus der Werbeagentur doch noch in den Journalismus finden.

Als feste freie Mitarbeiterin schreibt die Quereinsteigerin jetzt ganztags für die Online-Redaktion der ARD-"Tagesschau". Von zehn Tagen geht sie "mindestens an neun richtig glücklich ins Büro". Neben ihrem Traumjob hat sie mit ihrem Chef eine Sonderregelung getroffen: Sarah studiert wieder, Journalistik und Geschichte, diesmal mit Ziel Magister. "Das ist der pure Luxus", sagt sie. Und Vater Strohschein ist stolz.

Von Montag bis Freitag: Die "Woche der Abbrecher" bei SPIEGEL ONLINE - prominente Uni-Deserteure und ihre Karrieren.
Dienstag: Rock- und Popstars ohne Examen, von Madonna bis zu Herbert Grönemeyer
Mittwoch: Filmstars ohne Examen, von Brad Pitt bis zu Heike Makatsch
Donnerstag: Schriftsteller mit Uni-Allergie, von Bertolt Brecht bis Peter Handke
Freitag: Manager, Künstler, Denker ohne Examen - Bill Gates, Martin Luther und andere

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Studium
alles zum Thema Studienabbrecher

© UniSPIEGEL 1/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP