ThemaStudienabbrecherRSS

Alle Artikel und Hintergründe

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
24.03.2005
 

Studienabbrecher Feridun Zaimoglu

"Ich bin ein Lust-Hooligan"

Feridun Zaimoglu, 40, ging krumme Wege: Erst ließ der türkischstämmige Schriftsteller sein Medizin-, dann das Kunststudium sausen, jobbte als Tellerwäscher und Hilfarbeiter - "ich war ein melancholischer Idiot". Im UniSPIEGEL-Interview spricht er über die Wut, die ihn zum Bestsellerautor machte. Und zum Gastprofessor.

UniSPIEGEL:

Wieso haben Sie angefangen, Medizin zu studieren?

Kein lustiges Studentenleben: Schriftsteller Zaimoglu
Zur Großansicht
DPA

Kein lustiges Studentenleben: Schriftsteller Zaimoglu

Zaimoglu: Meine Mutter sagte, du wirst, mein Sohn, Arzt. Da gab es keine Widerrede. Wenn Sie in der Türkei bei der Brautschau sagen können: "Ich bin Arzt", dann fliegen Ihnen die Herzen der Mütter und der Töchter zu. Mediziner sind Götter in der Türkei. Mithalten kann nur der Manager oder der Jurist.

UniSPIEGEL: Und da haben Sie brav gemacht, was Mama Ihnen vorgeschrieben hat?

Zaimoglu: Das klingt viel zu negativ. Meine Mutter ist eine stolze Tschetschenin. Sie wollte, dass ich den Sippenruhm zum Glänzen bringe. Und sie hatte bewiesen, dass man aus armen Verhältnissen ausbrechen kann. Sie hat in den fünfziger Jahren, als die Mädchen bei uns bis zur Kussreife bewacht und dann verheiratet wurden, in der Türkei ein Wirtschaftsgymnasium absolviert. Und mein Vater brachte es vom BASF-Arbeiter zum Übersetzungsjournalisten. Meine schöne Schwester und ich wurden streng osmanisch erzogen. Wir siezen Vater und Mutter. Wir sind die ungeratenen deutschen Kinder unserer wohlgeratenen türkischen Vorzeigeeltern.

UniSPIEGEL: Ganz einfach ist es in Deutschland ja nicht, einen Studienplatz in Medizin zu bekommen.

Zaimoglu: Anfangs war ich eine Niete in der Schule. "Ali, was willste eigentlich?", hat mein Mathelehrer irgendwann gefragt. Ich war ein Schläfer. Dann ist der Schläfer aufgewacht. Ich wollte raus aus der Baracke, hab geochst wie ein Bekloppter. Keine Party, keine Fete, nix. Ich habe nur noch auf die Noten hingearbeitet. Und in meinem Abiturjahrgang als Bester abgeschlossen ...

UniSPIEGEL: ... und einen Medizin-Studienplatz in Kiel bekommen. Waren Sie da stolz auf sich?

Zaimoglu: Da war von Anfang an diese Unsicherheit: Hab ich das richtige Fach gewählt? Das wächst sich dann zur Angst aus. Was wird aus mir?

Studium interruptum - prominente Studienabbrecher


UniSPIEGEL: Kein lustiges Studentenleben?

Zaimoglu: Ich glaube, das hatte keiner von uns. Die Professoren haben uns aufgemuntert mit Bemerkungen wie: Nur die wenigsten von euch werden es schaffen. Ich habe viele Zusammenbrüche gesehen. In der Bibliothek saß jeder allein mit seiner Unsicherheit und Verzweiflung hinter einer Wagenburg aus Büchern. Und hat obendrein versucht, das zu verheimlichen. Wenn ich gefragt wurde: "Hast du gelernt?", hab ich "Nee" gesagt. Und in Wirklichkeit stundenlang gerackert. Das war Darwinismus. Ich wollte zu den wenigen gehören, die überleben.

UniSPIEGEL: Warum haben Sie nicht gleich aufgehört damit?

Zaimoglu: Das wollte ich meiner Familie nicht antun. Ich liebe meine Eltern heiß und innig. Das wäre eine schreckliche Enttäuschung gewesen.

UniSPIEGEL: Aber so ging es ja auch nicht weiter.

Zaimoglu: Ich habe angefangen, nebenbei Malerei zu studieren. Auf der einen Seite stand ich am Seziertisch, machte Physikum, erstes und zweites Staatsexamen. Andererseits lief ich in meinem Ledermantel wie ein SS-Mann herum, dazu Haare bis zum Hintern, und hielt mich für einen Künstler und Anarchisten.

UniSPIEGEL: Und davon haben Ihre Eltern nichts bemerkt?

Medizinstudium: Nicht Zaimoglus Fall
Zur Großansicht
Joker

Medizinstudium: Nicht Zaimoglus Fall

Zaimoglu: Doch, natürlich. Aber dass ich malte, fanden sie ganz toll: Unser feinsinniger Arzt-Sohn. Nach dem Prinzip Gottfried Benn: Arzt und Dichter. Das passte doch zu dem Bild vom Wunderkind.

UniSPIEGEL: Wann hat das Wunderkind die Notbremse gezogen?

Zaimoglu: Ich habe darauf verzichtet, auch noch zu promovieren. Die Geschichte schleppte sich fünf Jahre hin. Um Geld zu verdienen, war ich Abwäscher in der Großküche, Hilfsarbeiter für Landvermesser und ganz übel: für Gerichtsvollzieher. Nebenbei malte ich Hunderte von Bildern. An der Kunst hat mir die Schleimerei nicht gefallen, Leute überreden zu müssen, dass sie meine Bilder gut finden, man hat doch seinen Stolz. Nach Jahren des Malens, Jobbens und Studierens fand ich mich in einer Massenschlachtung, wo ich den Tieren für die Schächtung die Kehle durchgeschnitten habe. Ich entsprach voll dem Typus des Versagers, hatte keinen Plan. Ich war ein melancholischer Idiot.

UniSPIEGEL: Haben Sie viel gelesen?

Zaimoglu: Nur Krimis. Ich bin ein Lust-Hooligan. Darum hasste ich die Literatur. Walser und so, das hat mir die Lust am Lesen ausgetrieben. Darum hab ich auch nie geschrieben.

UniSPIEGEL: Irgendwann haben Sie angefangen.

Zaimoglu: Über die Wut. Eines Nachts saß ich mit meinen Freunden in einem Keller, und wir rappten uns in eine Art Rausch. Da hat Ali sich in seinem Chefsessel aufgerichtet und einen Wutmonolog rausgelassen, was uns denn noch alles passieren muss, damit wir aus diesem Dreck rauskommen und so. Zuhause hab ich meine Schreibmaschine hervorgeholt und das reingedroschen. Am nächsten Tag noch mal. Im Telefonbuch den Rotbuch Verlag gefunden und den ganzen Kram dahingeschickt. Ich konnte es nicht glauben, als die sagten, sie würden das drucken. Mittlerweile bin ich der deutscheste aller Autoren. Ich schreibe jeden Tag viereinhalb Seiten und halte mich exakt an den Abgabetermin.

UniSPIEGEL: Außerdem waren Sie an der Berliner FU Gastprofessor für Literatur.

Zaimoglu: Als der Brief mit dem Angebot kam, arbeitete ich wie immer in der Küche. Ich habe dröhnend gewiehert. Ein doppelter Studienabbrecher darf sich die Form der Vermittlung aussuchen! 12 Hauptseminarscheine habe ich schon verteilt. Es war berauschend.

UniSPIEGEL: Was ist das Besondere an einem Zaimoglu-Seminar?

Zaimoglu: Ich lade Leute ein, die über Bücher sprechen. Ganz unterschiedliche Leute, Autoren, Journalisten, Schauspieler und andere. Die Studenten schreiben Transkripte, Essays oder stellen Sprachvergleiche an. Und sie können diese Kontakte gleich für die Praxis nutzen, also etwa ein Redaktionspraktikum vereinbaren.

UniSPIEGEL: Sie sind also eher ein Jobagent als ein Wissensvermittler?

Zaimoglu: Wissen kann sich doch jeder Idiot aneignen. Das Bildungsbürgertum ist seit den siebziger Jahren unglaubwürdig. Da haben sich die, die es sich leisten konnten, von Bildung und Kultur verabschiedet. Bargeld lacht. Bohlen kracht. Bildung macht das Leben schwer.

UniSPIEGEL: Sagt der Vorzeigeintellektuelle. Der Teilzeitprofessor. Der Bestsellerautor.

Zaimoglu: Ich geh oft in Jugend- und Freizeithäuser und sage den Jugendlichen, auch den deutschen: Lernt erst mal die deutsche Sprache. Das ist der Türöffner für alles. Und dann sammelt Erfahrungen.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Studium
alles zum Thema Studienabbrecher

© UniSPIEGEL 1/2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP