Der Zyklon wirbelt 700 Kilometer vor der Ostküste der Insel La Réunion über den Indischen Ozean. Noch weiß man nicht, welche Richtung er letztlich einschlagen wird. Die Verwaltung hat Alarmstufe 1 auslösen lassen, den Alltag beeinträchtigt das noch nicht. Erst bei Stufe 2 wird die Bevölkerung aufgefordert, sich ausreichend mit Lebensmitteln einzudecken. Alarmstufe 3 schließlich bedeutet allgemeines Ausgehverbot, unter Strafe bei Zuwiderhandlung.
Es ist Februar, an der Universität von La Réunion hat das zweite Semester des Studienjahres begonnen. Vor dem internationalen Wohnheim begrüßt eine Percussion-Gruppe mit afrikanischen Rhythmen die Neuankömmlinge. Der Großteil von ihnen stammt von der Nordhalbkugel und ist an der blassen Haut auszumachen, die sich in wenigen Wochen in einen tiefen Urlaubsteint verwandeln wird.
Viele Engländer sind dabei, dazu eine große Gruppe aus Quebec. Und auch aus Deutschland sind wieder Studenten eingetroffen, zum zweiten Semester nur eine Hand voll, während es im September fast 30 waren.
Sprachgewirr auf dem Wohnheim-Flur
Es bestehen Erasmus-Partnerschaften mit mehreren deutschen Universitäten, viele Studenten bewerben sich zudem auf eigene Faust. Sie müssen dafür einen bürokratischen Hürdenlauf in Angriff nehmen, den sie am Ende meist nicht bereuen.
Die Neuen aus Dresden, Leipzig und Kiel teilen sich den Flur mit Mauritianern, Madagassen, Indern und anderen jungen Leuten vom ganzen Globus. Und sie schwitzen. Das Thermometer zeigt 33 Grad, die Luftfeuchtigkeit ist sehr hoch. Aufkommende Wolken bleiben an den hohen Bergen hängen und machen die Insel zum Treibhaus. Ananas, Litschi, Mango gedeihen ebenso wie viele andere Früchte in diesem Klima.
Zwischen Bibliothek und Hörsälen, die sämtlich mit Klimaanlagen ausgestattet sind, bewegen sich die Studenten im Schneckentempo. Doch vergeblich: Nach wenigen Schritten bilden sich auch so Schweißperlen, die bald als feine Rinnsäle den Körper herunterlaufen.
Anna, die Romanistik-Studentin aus Bamberg, ist seit September auf der Insel, im Dezember wurde es richtig heiß. Sie nimmt die hohen Temperaturen gerne in Kauf: "Man kann hier an einer französischen Universität studieren und lernt nebenbei die Kultur der Insel kennen. Und dann die Natur: Berge, Wasserfälle, der Vulkan und all das." Sabrina, die in Braunschweig Geoökologie studiert, ist vor allem von den afrikanischen Einflüssen und der Freundlichkeit der Kreolen begeistert.
Tatsächlich wirkt La Réunion manchmal wie ein Hort multikultureller Glückseligkeit: In der Hauptstadt St. Denis ruft der Muezzin zum Gebet, während wenige hundert Meter entfernt die katholische Messe beginnt. Zwei Straßen weiter befindet sich der Hindu-Tempel. Im Gegensatz zur Nachbarinsel Mauritius schotten sich die einzelnen Gruppen nicht gegeneinander ab. Die omnipräsenten Berichte von Rassismus und Terror bleiben hier Nachrichten aus der Ferne. Tropenkrankheiten gibt es nicht.
Auch von der Tsunami-Flutwelle Ende Dezember blieb die Insel weitgehend verschont. Lediglich ein paar Sportboote kenterten im Hafen. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Polizei bereits die Strände evakuiert.
Allerdings wird La Réunion auch stark von Europa subventioniert. Die hohe Arbeitslosenquote von rund 35 Prozent verschlingt französische Sozialausgaben, Paris lässt sich seinen Stützpunkt im Indischen Ozean einiges kosten. Von der Europäischen Union fließen zusätzliche Gelder.
Ehrgeizige Pläne an der Universität
Die Austauschstudenten profitieren von den Geldern aus dem fernen Europa. Die Krankenhäuser sind gut ausgestattet, das Straßennetz ist gut ausgebaut - und dann ist da ja auch noch die Universität. Dort hat man ehrgeizige Pläne. "Die Universität von La Réunion öffnet sich der Welt", so heißt der Marketing-Slogan, der das Ziel vorgibt.
Die Anzahl der auswärtigen Studenten soll weiter gesteigert werden. Um das zu erreichen, wird ständig am Betreuungsangebot gefeilt. Ein Büro sorgt sich um die Studienberatung, nebenan kann man sich für den Surfkurs einschreiben. Dort sitzt Robin, Biologiestudent aus Freiburg, im Schatten einer Palme und schaut aufs Meer. Gleich hat er noch eine Vorlesung. Dann geht er zur Abendmensa, die mit einheimischen Fisch- und Fleischgerichten aufwartet, Meerblick inklusive.
Morgen ist Sonnabend, die Zyklonwarnung wurde inzwischen aufgehoben. Es ist heiß, und Klausuren werden erst wieder Ende Mai geschrieben. Robin wird Taucherbrille und ein französisches Buch einpacken und zum Strand fahren. Schließlich ist Februar, Sommer.
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