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07.03.2005
 

US-Studenten als Politikberater

"Das einzig Gute an Bushs Wiederwahl sind wir"

Von Tobias Kuhlmann

Sie sind jung, sie sind schlau und sie möchten das ganze Land mit ihren Ideen beglücken. Studenten der amerikanischen Top-Universitäten Stanford und Yale haben eine Denkfabrik für Politik gegründet - als Gegengewicht zur konservativen Übermacht unter Präsident George W. Bush.

Studenten verstehen das eigene Land nicht mehr: Flagge auf dem Campus von Stanford
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Tobias Kuhlmann

Studenten verstehen das eigene Land nicht mehr: Flagge auf dem Campus von Stanford

Der Sekt, mit dem die Gründer auf dem Stanford-Campus anstoßen, schmeckt nach Gummibärchen und enthält keinen Alkohol. Ein Großteil der selbsternannten Retter Amerikas hat noch nicht das Alter für legalen Alkoholgenuss erreicht. Doch ernst genommen werden möchten sie dennoch.

"Wir sind schlau, und wir wissen es. Unsere Einfälle werden die Welt verändern", ruft der 20-jährige Quinn Wilhelmi auf der Gründungsfeier der "Roosevelt Institution" ins Mikrofon und erntet begeisterten Beifall. An Mangel an Selbstbewusstein wird das ambitionierte Projekt der Elite-Studenten nicht scheitern. Sie haben sich viel vorgenommen: Mit dem kürzlich gegründeten Think Tank wollen die Studenten Politikern und den Medien politische Analysen und Konzepte anbieten und so die Debatte in den USA beeinflussen.

"Hier in Stanford mit all seinen begabten Studenten gibt es innovative, kluge und mutige Ideen im Übermaß. Wir müssen sie nur noch der Welt vorstellen, und dazu brauchen wir die Roosevelt Institution", sagt Kai Stinchcombe, 22-jähriger Doktorand in internationaler Politik und Gründungspräsident der studentischen Denkfabrik.

Leiden nach der Wahl

Wie so viele seiner Kommilitonen verstand Stinchcombe im vergangenen November die Welt oder vielmehr sein Land nicht mehr, als Präsident George W. Bush wiedergewählt wurde. Als damaliger Vorsitzender der Stanford-Demokraten litt er besonders stark. In Stanford sind ebenso wie in Yale, Harvard und an vielen anderen Universitäten bekennende Konservative eher selten.

Selbstbewusste Gründer: "Wir sind schlau, und wir wissen es"
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The Stanford Daily

Selbstbewusste Gründer: "Wir sind schlau, und wir wissen es"

Die College-Republikaner existierten in Stanford drei Jahre lang als studentische Organisation überhaupt nicht, ihr Pendant in Yale hat deutlich weniger Mitglieder als die demokratische Konkurrenz - und doch, so musste Stinchcombe einsehen, unterstützte die Mehrheit der Wähler die Politik von George W. Bush.

Zwei Tage übte er sich in Selbstmitleid, dann setzte er sich mit seinem besten Kumpel Wilhelmi und ein paar Freunden zusammen: Nicht zu resignieren, darum ging es nach dem Wahlschock, erzählt Stinchcombe: "Mir ist klar geworden, dass wir politisch mehr machen müssen als nur ein paar Wähler werben." Als er sich die Publikationen des konservativen Think Tanks auf dem Campus, der bekannten Hoover Institution, näher anschaute, fand er: "Das können wir als Studenten auch, vielleicht sogar noch besser."

Die etablierte konservative Denkfabrik hat großen Einfluss und war über die Konkurrenz aus dem eigenen Haus nicht uneingeschränkt erfreut. Die Campus-Zeitung von Stanford zitiert einen Professor, der die Initiative der Studierenden begrüßt, jedoch einschränkt: "Sie sind Studenten und haben neben der Politik-Forschung noch andere Verpflichtungen."

Gute Startvoraussetzungen

Das studentische Projekt ist in Amerika neu, obwohl es einige Gruppen gibt, die sich selbst als Think Tanks bezeichnen. Doch viel mehr als lose Diskussionskreise sind sie meist nicht. Ungezählte E-Mails wurden verschickt, von einem Wohnheimzimmer zum nächsten, über den Campus und schließlich auch quer durch das Land. Dabei stießen die Initiatoren auf Studenten in Yale, die fast gleichzeitig, mit der Arbeit an einem ähnlichen Konzept begonnen hatten. Der Rumpf der gemeinnützigen Roosevelt Institution stand wenig später, die Gruppen schlossen sich zusammen.

Netzwerken wie die Großen: Bei der Gründungsfeier
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Tobias Kuhlmann

Netzwerken wie die Großen: Bei der Gründungsfeier

Gerade erst seit wenigen Jahren wahlberechtigt, zeugt es von ziemlichem Ehrgeiz der Studenten, als Politikberater aufzutreten. Schließlich tragen die Forscher in den renommierten Think Tanks Doktoren- oder Professorentitel und können jahrelange Praxiserfahrung aus Politik und Wirtschaft vorweisen.

Die jungen Gründer wissen deshalb, dass viele ihre Pläne nicht ernst nehmen. Sie machen sich Mut mit den Erfolgsgeschichten anderer Stanford-Studenten, etwa der beiden angehenden Informatiker Sergey Brin und Larry Page. Erst wenige Jahre ist es her, dass die Erfinder der Google-Suchmaschine als junge Doktoranden auf dem Campus ihre ersten Pläne entwarfen und dafür von manch einem belächelt wurden. Warum sollten nicht auch aufstrebende Politikwissenschaftler, Ökonomen und Umweltwissenschaftler mit der Roosevelt Institution ähnlich hochgesteckte Ziele verwirklichen?

Am liebsten bis nach Washington

Die Gründungsfeier zeugte jedenfalls von einer gewissen Professionalität. Schon jetzt forschen viele der selbst ernannten Vordenker in ambitionierten Projekten mit und graben sich für ihre Haus- und Abschlussarbeiten tief in komplexe Themen ein. Wie an amerikanischen Top-Institutionen üblich, erleichtern ihnen Professoren und Absolventen den Zugang zu den Mächtigen im Lande.

Stanford: "Kluge und mutige Ideen im Übermaß"
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Tobias Kuhlmann

Stanford: "Kluge und mutige Ideen im Übermaß"

Die Forschung der Mitglieder soll veröffentlicht werden und zu den Einflussreichen gelangen. Natürlich träumen die Studenten vor allem von Wirkung in Washington. Aber sie sind doch realistisch darüber, dass wohl allenfalls ein kleiner Teil ihrer Vorschläge dort Gehör finden wird. Erfolgversprechender ist die Arbeit auf regionaler und lokaler Ebene, wo die Entscheider keine großen Stäbe haben und ein Forschungspapier ihnen Erkenntnisse bieten, die sie woanders nicht gewinnen können.

Die Gründer aus Stanford präsentieren jedenfalls eine ganze Liste von Unis, deren Studenten gerade lokale Unterorganisationen aufbauen. Auch wenn nicht alle Universitäten auf der Liste zu den ganz großen Namen zählen - mit einem System strenger Auswahl und zentraler Qualitätskontrolle vor einer Publikation wollen die Studierenden die Roosevelt Institution zu einer Marke machen - zu einer Marke, die den konservativen Mainstream der etablierten amerikanischen Think Tanks herausfordert.

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