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09.05.2005
 

Interview zu Nazi-Professoren

"Die Ehemaligen wurden gebraucht"

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Personal an Deutschlands Universitäten keinewegs komplett ausgetauscht. Im UniSPIEGEL-Interview erklärt der Berliner Historiker Michael Grüttner, warum selbst begeisterte Nationalsozialisten in Amt und Würden zurückkehren konnten.

Nationalsozialistische Studenten verbrennen Bücher, Mai 1933
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DER SPIEGEL

Nationalsozialistische Studenten verbrennen Bücher, Mai 1933

UniSPIEGEL:

Sie haben in einem kürzlich veröffentlichten Lexikon* die Biografien von über 500 Wissenschaftlern und Bildungsfunktionären zusammengetragen, die im "Dritten Reich" Karriere machten. Wie erging es der NS-Akademikerelite nach Kriegsende?

Grüttner: Es gab keine wirkliche Stunde null an Deutschlands Universitäten. Zwar haben die Alliierten unmittelbar nach Kriegsende die Universitäten sehr rigoros von belasteten Hochschullehrern gesäubert. In der amerikanischen und der sowjetischen Besatzungszone wurde zunächst über die Hälfte des Lehrkörpers entlassen. Die meisten der sogenannten Ehemaligen kehrten aber in den westlichen Besatzungszonen nach und nach wieder in Amt und Würden zurück.

UniSPIEGEL: Um dort weiterhin braunes Gedankengut zu streuen?

Grüttner: Nein. Während und nach der Entnazifizierung waren die Professoren genau wie die anderen Deutschen darauf bedacht, sich vom Nationalsozialismus zu distanzieren. Selbst ehemalige Parteimitglieder stellten sich gern als heimliche Gegner des Regimes dar. Wer seine Ansichten nicht änderte, schwieg zumindest und äußerte sich nicht politisch.

UniSPIEGEL: Und das reichte aus, um einen Lehrstuhl zurückzuerhalten?

Michael Grüttner, 52, ist Geschichtsprofessor an der TU Berlin
MARCO-URBAN.DE

Michael Grüttner, 52, ist Geschichtsprofessor an der TU Berlin

Grüttner: Einige intellektuelle Aushängeschilder des "Dritten Reiches" wie der Staatsrechtler Carl Schmitt waren nicht mehr tragbar. Sie bildeten aber die Ausnahme. Lothar Kreuz beispielsweise, der letzte Rektor der Berliner Universität und als Standartenführer Inhaber eines hohen SS-Ranges, wurde zunächst entlassen, kehrte aber 1952 auf eine Professur für Orthopädie zurück. 1953 wurde er Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallheilkunde, 1958 erhielt er sogar das Große Bundesverdienstkreuz. Wer vor 1945 niemanden denunziert hatte und außerdem als fähiger Wissenschaftler galt, hatte gute Chancen auf Rehabilitierung, auch wenn er ein glühender Anhänger des Regimes gewesen war.

UniSPIEGEL: Hätten die Alliierten und die deutschen Nachkriegspolitiker das Personal der Universitäten nicht komplett austauschen müssen?

Grüttner: Spätestens seit Beginn des Kalten Krieges hatten auch die Alliierten kein Interesse, die Universitäten durch eine radikale Entnazifizierung lahm zu legen. Die Ehemaligen wurden gebraucht. In der einen oder anderen Weise waren ja fast alle Wissenschaftler belastet. Bei Kriegsende gehörten rund 60 bis 70 Prozent der Hochschullehrer der Partei oder einer anderen NS-Organisation an. Selbst manche Kritiker und Gegner des Regimes hatten Schriften verfasst, auf die sie nach 1945 nicht stolz sein konnten.

UniSPIEGEL: Im Ausland standen geflohene Gegner des Nationalsozialismus bereit.


Grüttner: In einigen Fächern haben zurückgekehrte Emigranten durchaus eine Rolle gespielt, etwa die Köpfe des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, in der Soziologie. Im Regelfall waren aber diejenigen Emigranten, die in der Zwischenzeit gute Stellen an amerikanischen Universitäten erhalten hatten, an einer Rückkehr nach Deutschland nicht interessiert. Außerdem setzten die Hochschulen anfängliche Beschlüsse, vertriebene Kollegen wieder aufzunehmen, eher zögerlich und lustlos um. Die Rückkehrer wurden von ihren Kollegen nicht selten als Teil der Besatzungsmacht angesehen. Emigranten wie Hannah Arendt waren auf ihren Deutschlandbesuchen enttäuscht darüber, dass auch unter Wissenschaftlern kein wirkliches Bewusstsein für das Ausmaß der nationalsozialistischen Verbrechen existierte, sondern das Selbstmitleid überwog.

UniSPIEGEL: Welche Fächer und Fakultäten waren besonders belastet?

Grüttner: Würde man eine Nazifizierungsskala der einzelnen Fächer aufstellen, stünde wahrscheinlich die Medizin als besonders stark belastet ganz oben. Am anderen Ende lägen die katholischen Theologen.

Die Mehrheit der Studenten war nationalistisch eingestellt: Adolf Hitler bei einer Rede
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DPA

Die Mehrheit der Studenten war nationalistisch eingestellt: Adolf Hitler bei einer Rede

UniSPIEGEL: Warum die Medizin?

Grüttner: Die Zahl der ehemaligen Parteimitglieder und vor allem die der SS-Mitglieder, die ja viel aussagekräftiger ist, war an medizinischen Fakultäten besonders hoch, ebenso der Anteil von ehemaligen NS-Aktivisten. Manche Mediziner waren außerdem direkt beteiligt an nationalsozialistischen Verbrechen, etwa an der Euthanasiepolitik oder an Menschenversuchen mit KZ-Insassen. Präparate von NS-Opfern wurden an den medizinischen Fakultäten lange Zeit weiterverwendet - ohne ein Bewusstsein dafür, dass dieses Lehrmaterial aus Verbrechen entstanden war.

UniSPIEGEL: Wie sind die deutschen Studenten nach Kriegsende ihren belasteten Lehrmeistern begegnet?

Grüttner: Ein Großteil der Studenten, die 1945 an die Universitäten kamen, waren ehemalige Soldaten. Sie waren mehrheitlich nicht nationalsozialistisch, aber doch vielfach nationalistisch eingestellt. Die eigenen Hochschullehrer etwa bei der Besatzungsmacht anzuschwärzen galt als nicht akzeptabel. Belastende Schriften, die noch häufig in den Bibliotheken schlummerten, wurden erst im Umfeld der Studentenbewegung von 1968 wieder ausgegraben und republiziert, sehr zum Unwillen ihrer Verfasser. Die meisten Fächer haben erst in den achtziger Jahren angefangen, ihre Vergangenheit aufzuarbeiten. Da hatten die Professoren, die vor 1945 gelehrt hatten, bereits die Emeritierungsgrenze erreicht oder waren verstorben.

UniSPIEGEL: Welche Folgen hatte der Nationalsozialismus für den Wissenschaftsstandort Deutschland?

Grüttner: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts galten die deutschen Universitäten als die besten der Welt, davon konnte nach 1945 keine Rede mehr sein. Nach 1933 musste fast ein Fünftel des Lehrkörpers die Universitäten verlassen, allein 24 Nobelpreisträger verließen Deutschland und Österreich. Diese Verluste beschleunigten Deutschlands Niedergang als Wissenschaftsnation. Die Führungsposition ging an die Vereinigten Staaten verloren.

INTERVIEW: JAN FRIEDMANN


* Michael Grüttner: "Biographisches Lexikon zur nationalsozialistischen Wissenschaftspolitik". Synchron Wissenschaftsverlag der Autoren, Heidelberg; 216 Seiten; 34,80 Euro.

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