Von Henryk Hielscher
Der Hörsaal war voll, die Menge begeistert. Einen leibhaftigen Grimme-Preisträger hatte die Universität Dortmund bei der Suche nach prominenten Ex-Studenten ausfindig gemacht. Friedrich Küppersbusch, Kultmoderator des früheren ARD-Satire-Magazins "Zak" und Produzent von Sendungen wie "Maischberger", durfte vor vier Jahren die Festrede zum 25. Geburtstag des Instituts für Journalistik halten. Der Titel seiner Laudatio indes ließ die versammelte Professorenschaft zusammenzucken: "Journalismus - der unstudierbare Beruf".
Der Vorzeigejournalist wusste, wovon er sprach. Insgesamt knapp neun Jahre war Küppersbusch an der Hochschule eingeschrieben, sein Studium hat er nicht zu Ende geführt - noch nicht. Wie für viele Kollegen aus der Medienbranche, von Günther Jauch über Anke Engelke bis zu Kai Pflaume, gilt auch für Küppersbusch das schöne Motto: Der Weg ist das Ziel, mag er auch noch so lang und wirr sein.
Der von Friedrich Küppersbusch begann Anfang der achtziger Jahre bei einem Termin im Kreiswehrersatzamt. Statt mit einem flotten Schützenpanzer die Prärie zu plätten, wollte Küppersbusch partout lieber Rollstühle schieben. Nur leider nahm ihm das dort keiner ab. Der Musterungsarzt erklärte den jungen Mann kurzerhand für wehrpflichttauglich, der ersten Prüfkommission missfiel sein Kurzhaarschnitt, die zweite Kommission fasste ihren Eindruck mit den Worten "Der hört sich gern reden" zusammen, senkte die Daumen und wollte den Pazifisten zum Bund verfrachten. Doch Küppersbusch ging vor Gericht.
Um den Vorwurf rhetorisch ummäntelter Drückebergerei diesmal von vornherein zu vermeiden, trat er schon mal ohne offizielle Anerkennung als Kriegsdienstverweigerer eine Zivildienststelle an und pflegte, wie er selbst sagt, einen "Querschnittsgelähmten, der ohne Zivis nicht aus der Reha-Klinik durfte". Soviel Einsatz überzeugte zwar den Richter, der ihn nun ganz offiziell zum Verweigerer ernannte, brachte aber ein weiteres Problem mit sich.
Bis zur Verhandlung waren bereits 15 Monate Zivildienst verstrichen. Just in diesem Moment befand die Bundesregierung, dass es an der Zeit war, den Ersatzdienst auf stramme 22 Monate hochzuschrauben. Und da der Dienst ohne amtliches Siegel begonnen hatte, sollte Küppersbusch nach behördlichem Willen noch mal komplett zurück auf Anfang. "Das wären im Ergebnis 37 Monate Dienst geworden, damit wäre ich vermutlich Rekordhalter bis heute. Und dem habe ich mich entzogen."
Erhebliche Fallhöhe zwischen Job und Diplom
Ein angebrochenes Journalistik-Studium in Dortmund machte es möglich. Gleich nach dem Abitur hatte sich Küppersbusch hier eingeschrieben, weil er "auf dem freien Markt wenig Chancen auf ein Volontariat sah, das der Dortmunder Studiengang hingegen allen Studierenden garantierte".
Eine Prüfungsordnung wies jetzt seine zwei Semester Schnupperstudium bereits als "fortgeschrittenes Stadium" aus. Küppersbusch immatrikulierte sich wieder und bat den Bund, ihn erst nach dem Diplom - in voraussichtlich zwei Jahren - einzuberufen. Und der Bund spielte mit.
Das Studium brachte aber noch weitere Vorteile. Neben soliden Kenntnissen in Medienrecht, Wirtschaftswissenschaften und Kommunikationstheorien, auf die Küppersbusch "mal mehr, mal minder" zurückgreift, ebnete ihm die Uni den Weg in den Journalismus. "Ich bekam mit 21 Jahren und ohne Hochschulabschluss ein Volontariat beim WDR", sagt er, "da wäre ich sonst chancenlos gewesen." Und weil sich Volontär und Fernsehsender so gut verstanden, blieb Küppersbusch gleich da.
Eigentlich hoffen die Dortmunder Uni-Granden zwar, dass ihre Studenten nach dem Abstecher in die Praxis zurück zur Hochschule streben, um sich dort mit ihrer Diplomarbeit zu vergnügen. Doch nicht nur Küppersbusch wurde von der Praxis dahingerafft, gleich seine komplette Studenten-WG erwischte es. Aus einem einfachen Grund: "Die Fallhöhe zwischen dem konkreten Jobangebot, mit dem man beim Volontariatsgeber beworfen wird, und der Aussicht auf eine künstlerisch ansprechenden Diplomurkunde, wenn man wieder an die Uni zurückkehrt, ist erheblich und finanziell schmerzlich", sagt Küppersbusch. Aber "geil" wäre es dennoch gewesen, "das Hauptstudium neben dem Job abends machen zu können".
Gefahrlos exmatrikuliert nach der Ausmusterung
Doch davon wollte die Uni nichts wissen. Und so arbeitete Küppersbusch beim WDR, blieb offiziell aber weiter als Student immatrikuliert, um dem Zivildienst zu entgehen. So ging es zwei, dann vier, schließlich sechs Jahre. Immer wieder fand sich irgendeine Prüfungsordnung, an der die Herren vom Zivildienstamt nicht vorbei kamen, schließlich stand Küppersbusch immer kurz vor dem Abschluss.
Mit 28 war auch das vorbei. Als behördlich geouteter Scheinstudent sollte Küppersbusch nun endlich zur zweiten Runde Rollstuhlschieben einrücken. Er ging zur Nachmusterung, der Arzt bemerkte einen angeborenen Sehfehler, der bei der ersten Musterung übersehen worden war - und binnen Minuten wurde Küppersbusch ausgemustert.
Doch die Uni lässt den Erfolgsmenschen offenbar nicht los. Als sich einer seiner Professoren vor einiger Zeit durch einen Wühltisch grabbelte und dabei auf ein Werk seines Schützlings stieß, habe ihn der Akademiker empört angeraunzt: "Zu doof, 80 Seiten Diplomarbeit zu schreiben, aber Bücher raushauen." Küppersbusch musste ihm versprechen, sein nächstes Manuskript vor Veröffentlichung erst als Diplomarbeit vorzulegen: "Da ich das Studium bis auf die Diplomarbeit abgeschlossen habe, wäre das ein hübsches Abstaubertor."
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