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31.05.2005
 

Die dunkle Seite von Cambridge

Saison der Selbstmörder

Von Benedikt Mandl, Cambridge

Kurz nach dem Examen sperren die Colleges in Cambridge ihre Aussichtstürme - um die Studenten vor sich selbst zu schützen. Denn im Frühsommer fordern Leistungsdruck und Vereinsamung ihren tragischen Tribut: Stets am "Suicide Sunday" nehmen sich Studenten das Leben.

Geschlossen: Wegen steigender Selbstmordgefahr werden im Sommer manche Türme für Besucher gesperrt
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Benedikt Mandl

Geschlossen: Wegen steigender Selbstmordgefahr werden im Sommer manche Türme für Besucher gesperrt

Champagnerkorken knallen, Gartenpartys locken Gäste in hellen Sommeranzügen an, die Touristen sammeln sich und staunen: Cambridge blüht, Cambridge feiert, Cambridge lebt vom Exzess. Jedes Jahr im Frühsommer, wenn das letzte Trimester geendet hat, widmen sich Tausende Studierende dem Müßiggang. Oberflächlich betrachtet - denn hinter den altehrwürdigen Mauern grassieren Angst und Depression.

Studenten des St. John's College erhalten gewöhnlich den Schlüssel für den Turm ihrer Kapelle von den Portiers. Wer aber im Frühsommer die atemberaubende Kulisse der mittelalterlichen Collegelandschaft aus der Vogelperspektive genießen will, wird enttäuscht: "Leider geschlossen", heißt es. Aus Sicherheitsgründen. Diese Maßnahme gilt vor allem dem Schutz derer, denen ganz und gar nicht nach Feiern zu Mute ist.

Jedes Jahr am Freitag nach Ende des Studienjahres werden die Ergebnisse der Abschlussprüfungen veröffentlicht. "Suicide Sunday" wird der Sonntag nach der Bekanntgabe der Noten genannt. An diesem Tag versuchen fast jedes Jahr mehrere Studenten, sich das Leben zu nehmen.

Hohe Rate von seelischen Leiden

Der "University Counselling Service" (UCS) soll angehenden Akademikern mit psychischen Problemen helfen. Im letzten Jahr wurde bekannt, wie dringend die Beratungsstelle gebraucht wird: Von den rund 17.500 Studenten in Cambridge haben etwa 1000 beim UCS innerhalb eines Jahres Hilfe gesucht. "Etwa 50 Studierende, die von uns betreut werden, gelten zu jeder Zeit als akut suizidgefährdet", berichtete das UCS in der Studentenzeitung "Varsity". Der Anteil von Studenten mit seelischen Leiden ist doppelt so hoch wie an anderen britischen Universitäten.

Melancholie mit Tradition: Seufzerbrücke in Cambridge
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Benedikt Mandl

Melancholie mit Tradition: Seufzerbrücke in Cambridge

Den Hauptgrund für psychische Probleme sieht Mark Phippen, Direktor des UCS, im enormen Leistungsdruck, der auf den Studenten lastet. Die drei Trimester zu je acht Wochen sind vollgepackt mit Prüfungen und Abgabeterminen. Stress ist unvermeidlich, und wenn dann noch die erhofften guten Noten ausbleiben, geraten viele aus dem Gleichgewicht.

Doch auch die elitäre Zusammensetzung der Studentenschaft in Cambridge birgt Risiken: Viele von ihnen könnten nicht damit umgehen, plötzlich nicht mehr der klügste Kopf in einem Kurs, sondern nur noch Durchschnitt zu sein. Viele reagieren verunsichert und quälen sich mit Selbstzweifeln und Minderwertigkeitsgefühlen.

Melancholie mit Tradition

Wie so vieles hat auch die Melancholie eine lange Tradition in Cambridge: Vor 200 Jahren studierte der schwermütige Lord Byron am Trintiy College und zelebrierte seinen Weltschmerz bei nächtlichen Spaziergängen. Die Klage des exzentrischen Adligen fand ein europaweites Echo in Kunst und Literatur: Lord Byron fand seine künstlerische Erfüllung, sein Leben blieb dennoch von Sehnsucht, Melancholie und stiller Verzweiflung gekennzeichnet.

Der Turm von St. John's College vor dem Nachthimmel
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Benedikt Mandl

Der Turm von St. John's College vor dem Nachthimmel

Doch die Sinnsuche führen Byrons Kommilitonen auch heute noch fort. "In Cambridge treffe ich so viele Menschen, die ihr Leben einfach nicht genießen. Sie sind völlig sinnentleert, wissen nicht, warum und wofür sie eigentlich leben", sagt Ben, ein walisischer Biologiedoktorand. Er hatte sich mit seinen Zweifeln an eine christliche Studentengruppierung gewandt, brach schließlich sein Studium ab und verließ Cambridge.

Die Präsenz religiöser Gruppen ist deutlicher ausgeprägt als etwa an deutschen Universitäten: Verschiedene christliche Organisationen, jüdische Seelsorger, muslimische Vereine spiegeln eine manchmal verzweifelte Suche nach Stabilität und Sicherheit. Nach außen hin verkaufen sich "Cantabrigians" gern als selbstsicher, erfolgreich und weltgewandt. Doch viele können sich in diesem Bild ganz und gar nicht entdecken.

Furcht der Überflieger vor dem Absturz

Nach Expertenschätzungen leiden bis zu zwei Drittel aller Hochbegabten unter Depressionen. Das klösterlich-fürsorgliche Collegesystem verlockt zudem dazu, vor den Bedrohungen der Realität zu fliehen. Das lockt neben akademischen Überfliegern viele junge Menschen mit Selbstzweifeln, Depressionen und psychischen Krankheiten an die Cam.

Mehrere Telefonhilfsdienste, Gesundheitseinrichtungen und geschultes Personal haben sich dem Kampf gegen die Schatten auf der Seele verschrieben. Sie seien stetig überlastet, beklagen die Helfer. Alkohol- und Drogenmissbrauch steigen seit Jahren stetig an, auch Essstörungen und andere Akte von Autoaggression werden häufiger. Dabei haben viele Hilfsorganisationen schon jetzt ihre Kapazitätsgrenze erreicht. Das UCS kostet die Universität jährlich 390.000 Pfund, mit steigender Tendenz.

"Hilfe für Studierende mit mentalen Problemen ist eine Aufgabe, die die Universität sehr ernst nimmt", sagt Mark Phippen. "Auch dank des Collegesystems können wir eine bessere und umfassendere Unterstützung anbieten als irgendeine andere Universität in Grossbritannien."

Neben akuter Verzweiflung durch Leistungsdruck, Liebeskummer oder Versagensängste ist es eine allgemeine Sinnentleertheit, die an Cambridge verstört, die man eigentlich nicht erwarten würde und trotzdem immer wieder findet. Unter den Erfolgreichsten der Erfolgreichen grassiert eine schleichende Verzweiflung. Seelische Leiden werden in dem leistungsorientierten Umfeld oft kaschiert und sind doch weit verbreitet.

So rüstet sich Cambridge im dritten Trimester, dem schwierigsten, nicht nur für die Feste, sondern auch für den anderen, den dunklen Höhepunkt des Jahres, den Sonntag der Selbstmörder.


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