Von Georg Etscheit
Virginia Prechtl setzt sich ächzend auf die Gartenbank vor ihrem kleinen Haus in München-Pasing. Die 79-jährige, zuckerkranke Rentnerin atmet schwer. Ihr rechter Arm hängt in einer Bandage. Vor drei Monaten war sie schwer gestürzt, hatte sich einen Bruch zugezogen, der immer noch nicht ganz verheilt ist. "Ohne Hilfe geht es jetzt nicht mehr", sagt Frau Prechtl. "Wie gut, dass ich den Burschi um mich habe." Der Burschi kommt gerade aus der Haustür und kredenzt der alten Frau ein Glas Mineralwasser. "Für meine Mama", sagt er in gebrochenem Deutsch und grinst.
"Burschi" heißt eigentlich Habib und stammt aus Benin. Der 26 Jahre alte, dunkelhäutige Student wohnt zusammen mit seinem zwei Jahre älteren Bruder Pascal bei Frau Prechtl. Habib kam vor fünf Monaten nach Deutschland und will Maschinenbau studieren. Pascal lebt schon länger in München, büffelt Politologie an der Ludwig-Maximilians-Universität.
Zu zweit teilen sich die Brüder zwanzig Quadratmeter Wohnfläche. Zahlen brauchen sie Virginia Prechtl nichts dafür. Sie müssen ihr nur beim täglichen Leben zur Hand gehen: Rasen mähen, Einkaufen fahren, im Winter Schnee schippen. "Eine harte Arbeit, da muss man immer so früh aufstehen", sagt Habib, der Schnee bis dato nur aus dem Fernsehen kannte.
Eine Stunde Arbeit pro Quadratmeter
Den Kontakt zwischen Frau Prechtl und den Brüdern aus Benin hat das Münchner Studentenwerk hergestellt. Seit dem Wintersemester 1996/97 läuft hier das Projekt "Wohnen gegen Hilfe". Alte Menschen können Studenten gratis oder gegen eine Nebenkostenbeteiligung nicht genutzten Wohnraum zur Verfügung stellen und auf diese Weise die studentische Wohnungsnot lindern.
Im Gegenzug verpflichten sich die jungen Leute, ihren Wohnungsgebern beim täglichen Leben behilflich zu sein. Als Faustregel gilt: Pro Quadratmeter Wohnfläche des überlassenen Zimmers wird eine Stunde Arbeit fällig. Habib führt dazu ein kleines Notizbuch, in das er alle Dienste einträgt. 20 Stunden im Monat müssen er und sein älterer Bruder ableisten.
"Das Programm ist ein großer Erfolg", sagt Gisela Frangenheim vom Seniorentreff München-Neuhausen, der Anlaufstelle für "Wohnen gegen Hilfe". 170 Wohnverhältnisse hat sie seit Start des Programms vermittelt. Mit 25 bis 30 angebotenen Zimmern pro Jahr könnte die Auswahl zwar größer sein. Doch die Idee spreche sich langsam herum.
Vertrauen ist wichtig
Potential gebe es noch genug, meint Frangenheim. In München leben viele alte Menschen in Wohnungen, die nach dem Auszug der Kinder und dem Tod des Lebenspartners oft viel zu groß seien. "In eine kleinere Wohnung umziehen wollen die wenigsten, weil sie damit auch das soziale Umfeld verlieren." Warum sich also nicht einen jungen Menschen ins Haus holen? "Ich bin froh, wieder jemand im Haus zu haben", sagt etwa Frau Prechtl.
Generationen übergreifende Wohngemeinschaften gibt es nicht nur in München, sondern auch in Frankfurt am Main und Freiburg im Breisgau. In Köln und Münster sind entsprechende Initiativen im Aufbau. Nicolas Paefgen vom Institut für Sozialarbeit organisiert in Frankfurt die "Wohnpartnerschaften", sieht sich potentielle Vermieter und Mieter an, führt ausführliche Vorgespräche, klärt ab, ob die künftigen Partner zusammen passen. "Wichtig für die älteren Leute ist, dass sie jemanden bekommen, zu dem sie Vertrauen haben. Wir wollen ja keine dauernde Fluktuation."
Frangenheim hat die Erfahrung gemacht, dass vor allem ausländische Studenten, unter ihnen viele Osteuropäer, bei den älteren Menschen einziehen. "Die geben sich gerne einmal mit einem kleinen Zimmer zufrieden. Außerdem sind sie das Leben in einer Großfamilie gewöhnt." Wenn sich deutsche Studenten beim Projekt "Wohnen gegen Hilfe" bewerben, dann sind das oft ehemalige Zivildienstleistende oder Leute, die eine Ausbildung zum Kranken- oder Altenpfleger hinter sich haben. Paefgen stellt aber klar: "Hilfe bedeutet bei uns nie Pflege. Dafür sind die professionellen Pflegedienste zuständig."
"Mein zweites Zuhause gefunden"
Kommt es zu Konflikten zwischen den älteren Menschen und ihren jungen Hausgenossen, greifen die Projektleiter vermittelnd ein. "Manchmal hat ein Bewerber den Mund vielleicht etwas zu voll genommen und kann wegen anstehender Prüfungen die Hilfe zeitlich nicht leisten", sagt Nicole Krause vom Freiburger Projekt "Wohnen für Hilfe". Ein heikles Thema sei auch die gemeinsame Küchennutzung, berichtet Paefgen. "Die meisten Probleme lassen sich aber durch ein klärendes Gespräch lösen."
Wichtig sei, sich nicht von den alten Leuten abzuschotten. "Auch wenn es anfangs nicht immer offen ausgesprochen wird: Für viele Vermieter ist die Kommunikation am wichtigsten", sagt Paefgen. "Die wollen abends mal einen Plausch halten und blühen dann oft regelrecht auf."
Zuweilen entstehen aus den Wohnpartnerschaften länger dauernde Freundschaften. Die Medizinstudentin Nurilja Atbaeva aus Kirgistan wohnt schon seit drei Jahren bei einer vermögenden alten Dame in München-Bogenhausen. Ihr bescheidenes Souterrain-Zimmer benutzt sie fast nur noch zum Schlafen. Sie hat längst einen Schlüssel zum großzügigen Appartement ihrer Vermieterin, wo sich die beiden oft Stunden lang unterhalten. "Nurilja ist für mich wie eine Tochter", sagt die alte Dame. Die gibt das Kompliment zurück: "Ich habe hier mein zweites Zuhause gefunden."
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