Von Benedikt Mandl
Ein paar adrett gekleidete junge Christen demonstrieren der Welt mit breitem Lächeln, wie gut ihnen Jesus tut. Einige Tische weiter werben Studentenverbindungen quasi für das Komplementärprogramm von Bier und Cheerleadern. Es ist früh im Semester, der Lehrveranstaltungsbetrieb hat gerade begonnen, und die Spätsommersonne leuchtet den Veranstaltern freundlich: Die Vereine und Clubs an einer kleinen Universität im mittleren Westen der USA präsentieren sich auf dem Campus den Studenten.
Mittendrin sind Delegierte der US-Armee in Uniform. Sie werben für das Programm des "Reserve Officer Training Corps". Das ROTC ist an vielen Universitäten in den USA permanent vertreten, um neue Soldaten für Army, Air Force und Navy zu rekrutieren und auszubilden. Die ROTC-Studenten müssen auf dem Campus uniformiert auftreten und an Lehrveranstaltungen teilnehmen, von Wehrsportartigem über Problemlösung und Ethik bis zum Führungstraining. Spezialtrainings machen sie zudem etwa zu Kampfpiloten, Funktechnikern oder Pionieren.
Armee braucht mehr Rekruten
Ansonsten studieren die so genannten Kadetten aber auch ganz normale Fächer wie Biologie oder Literatur, meist auf Kosten der Armee - in der sie im Gegenzug dann nach der Graduierung einige Jahre lang dienen. So können sich auch viele Amerikaner aus niedrigeren Sozialschichten ein Studium an den teuren Hochschulen leisten, eine Aufstiegschance, die ihnen sonst verwehrt bliebe. Das ROTC ist dabei so erfolgreich, dass etwa 75 Prozent aller Offiziere über diesen Weg zu der US Army kamen.
Doch das ROTC ist nur ein Rädchen im gewaltigen Rekrutierungsgetriebe der US-Militärs. Und in diesem Getriebe knirscht es seit geraumer Zeit. Zwar sind die Stipendien, die Krankenversicherung und ein sicherer Arbeitsplatz begehrt wie eh und je. Doch dass im Irak fast täglich US-Soldaten sterben, macht den Dienst an der Waffe für junge Amerikaner zusehends unattraktiv. So verfehlte die Armee im Februar zum ersten Mal seit dem Jahr 2000 ihr Rekrutierungsziel von 7050 Mann - und zwar um satte 27 Prozent.
Deshalb intensiviert das Pentagon schon seit geraumer Zeit seine Rekrutierungsbemühungen. Jüngster Streich in diesem Bestreben ist die Erstellung einer Datenbank, die mit Informationen von High-School-Schülern ab 16 Jahren und aller amerikanischen Studenten gefüllt wird. Sozialversicherungsnummern, E-Mail-Adressen, Geburtsdaten, Durchschnittsnoten, Hauptfächer und ethnische Informationen sollen schon bald auf Knopfdruck abrufbar sein.
Militär selbst 16-Jährigen auf der Spur
Mit dieser Datenbank sollen Rekrutierbeauftragte künftig potentielle Soldaten effizienter ausfindig machen können, berichtet die "Washington Post". Den Auftrag dafür erhielt an das private Unternehmen BeNow Incorporated im US Staat Massachusetts, das auf Datenanalyse für Marketingzwecke spezialisiert ist.
Datenschützer reagierten besorgt. Sie stoßen sich vor allem an der Auftragsvergabe an ein Privatunternehmen. Damit, so ihr Argument, umgehe das Pentagon Gesetze, die das Sammeln und die Verwaltung von Daten durch Regierungsbehörden reglementieren.
Seit dem Erlass des "No Child Left Behind Acts" 2002 sind Schulen in den USA verpflichtet, Daten wie Namen, Adressen und Telefonnummern von Schülern an Rekrutierungsbehörden des Militärs zu geben, um Bundesmittel zu erhalten. Zahlreiche Schulen verweigern die Herausgabe der Daten. Dennoch kann das Militär schon heute auf einen beachtlichen Datenschatz zurückgreifen. Die neue Datenbank soll zudem durch Informationen von privaten Datenhändlern und von Führerscheinbehörden der Bundesstaaten ergänzt werden.
Sicherheitsbedenken von Bürgerrechtlern
"Jeder hat die Möglichkeit, seine Daten in der Datenbank unterdrücken zu lassen", erklärte Pentagon-Sprecherin Ellen Krenke der "Washington Post". Dann werde man auch nicht vom Militär kontaktiert. Um die Datensicherheit müssten sich Bürgerrechtlern keine Sorgen machen: "Das Militär ist sich der umfassenden Sicherheitsvorkehrungen bewusst, die für den Schutz persönlicher Informationen unerlässlich sind", so Krenke.
In welcher Form die Datenbank verfügbar gemacht werden soll, war auch bei BeNow nicht zu erfahren. Die wenig professionelle Website des Unternehmens beinhaltet keine Informationen zum Datenschutz; Vertreter von BeNow waren für SPIEGEL ONLINE weder telefonisch noch per E-Mail erreichbar.
Auf dem Campus sind die Militärs teils willkommen, teils ausgesprochen unbeliebt. So verbannte die New York University unlängst die Werber der Armee und berief sich dabei auf Diskriminierungsgesetze: Der Armee stünden nicht dieselben Rechte wie anderen Unternehmen zu, weil sie die Aufnahme von Homosexuellen verweigert. Die Universitäten Harvard und Columbia dagegen, die das ROTC einst in der Hitze des Widerstandes gegen den Vietnamkrieges vom Campus verbannt hatten, überlegen nun, das Corps wieder zuzulassen.
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