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24.08.2005
 

Bildungsmisere in Afghanistan

Schenk mir eine Schule

Von Carola Padtberg

Endlich hat Bildung in Char Gul Tepa ein Dach über dem Kopf: Bisher mussten über 1000 Kinder in sengender Hitze im Freien lernen, jetzt entsteht im afghanischen Dorf eine Schule. Doch SPIEGEL ONLINE-Mitarbeiter Omar Sayami braucht weitere Unterstützung.

Afghanische Schüler: Endlich ein Dach über dem Kopf
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Omar Sayami

Afghanische Schüler: Endlich ein Dach über dem Kopf

Mit großen Augen verfolgen die Kinder der Mittelschule von Char Gul Tepa, was auf ihrem Schulplatz vorgeht. Eigentlich haben sie hitzefrei, denn bei 50 Grad im Schatten mag man es ihnen nicht zumuten, im Freien Rechnen und Schreiben zu lernen. Doch heute trotzen Hunderte Kinder und alle 17 Lehrer den sengenden Temperaturen. Es ist ein besonderer Tag in Char Gul Tepa: Heute legt ein Fremder den Grundstein für eine neue Schule.

In dem kleinen Dorf am Hindukusch im nördlichen Afghanistan, das nur über eine Sandpiste erreicht werden kann, wird nicht oft ein neues Gebäude gebaut. Noch nie gab es hier ein richtiges Schulhaus mit Mauern, Dach und Toiletten für die 1400 Kinder zwischen 5 und 13 Jahren. Bisher setzten sich die Schüler einfach auf den Lehmboden unter ein notdürftiges Dach aus Strohmatten.

Lieder zur Grundsteinlegung

Diesen Winter aber sollen die Schüler nicht mehr im Schnee hocken müssen. Das Fundament der neuen Schule wartet bereits auf Stein und Mörtel, bis Dezember soll das neue Gebäude stehen, und die Grundsteinlegung wird in einem Festakt zelebriert: In der einen Ecke des Platzes kauern die Jungs, daneben, strikt getrennt, sitzen die Mädchen.



Zur Feier des Tages haben die Kinder Beiträge einstudiert: Sechs junge Mädchen in schwarzen Gewändern und weißen Kopftüchern tragen Lieder vor, ein 13-Jähriger singt die Schulhymne, ein anderer liest ein Gedicht. Dafür hat der Schuldirektor die Lautsprecheranlage aus dem Turm der Koranschule abbauen lassen und mitsamt einem Rednerpult auf dem Schulplatz errichtet.

Viele Dorfbewohner und Bauern sind gekommen, auch der Distriktsgouverneur und der Bürgermeister haben sich in Schale geworfen. Journalisten und ein Fernsehteam drängeln sich um einen Fremden aus Deutschland: SPIEGEL ONLINE-Mitarbeiter Omar Sayami, 45. Ihm hat Char Gul Tepa das neue Schulhaus zu verdanken.

Seit einem Jahr sammelt Sayami Spenden für sein Projekt "Schulen für Afghanistan". Er lebte selbst bis zu seinem zwölften Lebensjahr in Afghanistan. Jahrzehnte später reiste der Art Director von SPIEGEL ONLINE in das zerstörte Land seines Vaters, um sein privates Hilfsprojekt zu realisieren - und fand das Dorf Char Gul Tepa, im Distrikt Qalay-i-Zal, dicht an der tadschikischen Grenze.

Dort baut er nun gemeinsam mit der Dorfbevölkerung, afghanischen Ingenieuren und Handwerkern ein Haus der Bildung. "Mir geht es nicht darum, dem Staat ein Gebäude zu schenken", sagt Sayami. "Ich möchte den Leuten zeigen, wie sie sich selbst helfen können."

Lernen im Schichtbetrieb

Auf dem Dorfplatz halten die Schüler während der Zeremonie handgeschriebene Schilder hoch, die sie selbst kaum entziffern können. Auf ihnen steht: "Wir begrüßen den Spender" und "Danke für eine neue Schule". Stundenlang werden Reden auf dem Schulplatz gehalten, jeder Beteiligte soll etwas sagen. "Wir freuen uns über die Ausländer, die uns nach diesem fürchterlichen Krieg helfen, Ordnung in unser Land zu bringen", sagt der Abgeordnete des Ältestenrats aller afghanischen Provinzen. Feierlich setzen Sayami und der Gouverneur Wackersteine in die Fundamentgräben.

Schulgebäude in Char Gul Tepa: Die ersten Mauern stehen schon
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Omar Sayami

Schulgebäude in Char Gul Tepa: Die ersten Mauern stehen schon

Dass in Char Gul Tepa mehr als 1000 Schüler im Freien unterrichtet werden, ist keine Ausnahme in Afghanistan. Nach 20 Jahren Bürgerkrieg und Schreckensherrschaft durch die Taliban waren rund 70 Prozent aller Schulen zerstört. Musik, Sport, Bilder und Fernsehen waren verboten, Universitäten wurden geschlossen. Männer mussten Bärte tragen und Frauen die Burka. Nur mit dieser Ganzkörperverschleierung und mit männlicher Begleitung durften sie das Haus verlassen. Kein Mädchen durfte zur Schule gehen. "Zu Beginn der siebziger Jahre liefen an großen Universitäten Frauen in Miniröcken herum", erzählt Sayami. Heute verlässt kaum ein Mädchen über 13 Jahren noch das Haus. Und 90 Prozent der afghanischen Frauen sind Analphabeten.

Nur jedes dritte Mädchen geht zur Schule

Erst seit Januar 2003 gewährt die neue afghanische Verfassung Frauen dieselben Rechte wie Männern. Inzwischen geht nach Angaben von Unicef und des afghanischen Büros für Statistik ein gutes Drittel aller Mädchen zur Schule. Aber ihre Zahl steigt nur langsam: Zu viele Lehrerinnen werden gebraucht, um die Kinder dem Glauben gemäß nach Geschlechtern getrennt zu unterrichten.

Afghanistan eine Schule zu schenken, ist kein leichtes Unterfangen. Korruption, Planlosigkeit und eine träge Bürokratie stehen Hilfsprojekten entgegen. Privatleute wie Sayami müssen hartnäckig bleiben, um Pläne umzusetzen. Obwohl Sayami schon 2004 ein Bauplatz für eine neue Schule in einem Dorf zugesagt war, baute eine japanische Hilfsorganisation auf dem Grundstück.

Der nächste Stolperstein: Die Bundeswehr hatte Sayami die Bauaufsicht über das Projekt versprochen. Doch als das Einsatzteam wechselte, gab es in der CIMIC-Truppe keinen Bauingenieur mehr, der das hätte übernehmen können. Nun wacht ein deutscher Architekt ehrenamtlich über den Bau - neben seiner Arbeit für eine internationale Organisation.

Auf Spendengelder angewiesen

Auch Geld wird noch gebraucht. Der Schulbau inklusive Sanitäranlagen und einem Trinkwasserbrunnen ist mit 76.000 Dollar veranschlagt. Erst ein Viertel des Betrags ist bisher durch Spenden zusammengekommen. Doch Sayami wollte sein Hilfsprojekt nicht weiter aufschieben, zu dringend wird die Schule gebraucht. "Ich habe nun privat einen Kredit aufgenommen und den Bau vorfinanziert", sagt Sayami. Auf keinen Fall soll das Projekt wegen fehlender Spenden im Sand verlaufen und eine Bauruine in Char Gul Tepa entstehen.

Mit dem Gebäude allein ist es zudem nicht getan. Nächster Schritt gegen die Bildungsmisere muss die Schulung der Lehrer sein. "Die Englischlehrer können kaum einen Satz formulieren", erklärt Sayami. Nur wenige Lehrer konnten in den vergangenen 20 Jahren unterrichten oder gar eine Fortbildung besuchen.

17 Erwachsene unterrichten nun im Schichtdienst die 1400 Kinder der Region. In Char Gul Tepa gibt jeder Lehrer einfach das weiter, was ihm das Leben beigebracht hat. Für 40 Dollar im Monat.

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Konto: 982 037 202
BLZ: 200 100 20

BIC/SWIFT: PBNKDEFF
IBAN: DE29 2001 0020 0982 0372 02 Der Verein ist durch Bescheinigung des Finanzamtes Bad Segeberg unter der Registrierungsnummer VR 4640 KI als gemeinnützig anerkannt. Entsprechende Spendenbescheinigungen dürfen ausgestellt werden. Bei Fragen zum Fortgang des Projekts wenden Sie sich bitte an info@initiative-afghanistan.de


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