Von Carola Padtberg
Mit großen Augen verfolgen die Kinder der Mittelschule von Char Gul Tepa, was auf ihrem Schulplatz vorgeht. Eigentlich haben sie hitzefrei, denn bei 50 Grad im Schatten mag man es ihnen nicht zumuten, im Freien Rechnen und Schreiben zu lernen. Doch heute trotzen Hunderte Kinder und alle 17 Lehrer den sengenden Temperaturen. Es ist ein besonderer Tag in Char Gul Tepa: Heute legt ein Fremder den Grundstein für eine neue Schule.
In dem kleinen Dorf am Hindukusch im nördlichen Afghanistan, das nur über eine Sandpiste erreicht werden kann, wird nicht oft ein neues Gebäude gebaut. Noch nie gab es hier ein richtiges Schulhaus mit Mauern, Dach und Toiletten für die 1400 Kinder zwischen 5 und 13 Jahren. Bisher setzten sich die Schüler einfach auf den Lehmboden unter ein notdürftiges Dach aus Strohmatten.
Lieder zur Grundsteinlegung
Diesen Winter aber sollen die Schüler nicht mehr im Schnee hocken müssen. Das Fundament der neuen Schule wartet bereits auf Stein und Mörtel, bis Dezember soll das neue Gebäude stehen, und die Grundsteinlegung wird in einem Festakt zelebriert: In der einen Ecke des Platzes kauern die Jungs, daneben, strikt getrennt, sitzen die Mädchen.
Zur Feier des Tages haben die Kinder Beiträge einstudiert: Sechs junge Mädchen in schwarzen Gewändern und weißen Kopftüchern tragen Lieder vor, ein 13-Jähriger singt die Schulhymne, ein anderer liest ein Gedicht. Dafür hat der Schuldirektor die Lautsprecheranlage aus dem Turm der Koranschule abbauen lassen und mitsamt einem Rednerpult auf dem Schulplatz errichtet.
Viele Dorfbewohner und Bauern sind gekommen, auch der Distriktsgouverneur und der Bürgermeister haben sich in Schale geworfen. Journalisten und ein Fernsehteam drängeln sich um einen Fremden aus Deutschland: SPIEGEL ONLINE-Mitarbeiter Omar Sayami, 45. Ihm hat Char Gul Tepa das neue Schulhaus zu verdanken.
Seit einem Jahr sammelt Sayami Spenden für sein Projekt "Schulen für Afghanistan". Er lebte selbst bis zu seinem zwölften Lebensjahr in Afghanistan. Jahrzehnte später reiste der Art Director von SPIEGEL ONLINE in das zerstörte Land seines Vaters, um sein privates Hilfsprojekt zu realisieren - und fand das Dorf Char Gul Tepa, im Distrikt Qalay-i-Zal, dicht an der tadschikischen Grenze.
Dort baut er nun gemeinsam mit der Dorfbevölkerung, afghanischen Ingenieuren und Handwerkern ein Haus der Bildung. "Mir geht es nicht darum, dem Staat ein Gebäude zu schenken", sagt Sayami. "Ich möchte den Leuten zeigen, wie sie sich selbst helfen können."
Lernen im Schichtbetrieb
Auf dem Dorfplatz halten die Schüler während der Zeremonie handgeschriebene Schilder hoch, die sie selbst kaum entziffern können. Auf ihnen steht: "Wir begrüßen den Spender" und "Danke für eine neue Schule". Stundenlang werden Reden auf dem Schulplatz gehalten, jeder Beteiligte soll etwas sagen. "Wir freuen uns über die Ausländer, die uns nach diesem fürchterlichen Krieg helfen, Ordnung in unser Land zu bringen", sagt der Abgeordnete des Ältestenrats aller afghanischen Provinzen. Feierlich setzen Sayami und der Gouverneur Wackersteine in die Fundamentgräben.
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