Von Jens Radü
Sun Zhongxins Fachgebiet ist die Geschlechterforschung. Aber richtig hellhörig werden die Studenten in seinen Vorlesungen, wenn er zum Kapitel "Homosexualität" kommt. "Ich habe schnell gemerkt, wie interessiert die Studenten an dem Thema sind", berichtet Sun in der chinesischen Zeitung "Shanghai Daily".
Also zog der Professor die Konsequenzen und bietet im kommenden Semester einen eigenen Kurs zum Thema "Homosexualität und Schwulen-Kultur" an der renommierten Fudan-Universität in Shanghai an. Das Seminar ist schon jetzt überlaufen: Für die 100 Plätze haben sich bereits mehrere hundert Studenten beworben.
Mit dem Seminar will Sun vor allem Ignoranz und Vorurteile über Homosexualität abbauen - neue Töne in der Volksrepublik. Sie fügen sich in die zaghafte sexuelle Revolution ein, die seit den neunziger Jahren in China um sich greift. Vor allem die Universitäten galten jedoch noch lange als die Bastion sexueller Prüderie.
Kein Sex vor dem Examen
Bis vor wenigen Monaten durften Studentinnen und Studenten vor ihrem Abschluss nicht heiraten, geschweige denn Sex haben. Wer sich vor dem Diplom beim Liebesspiel erwischen ließ, dem drohte die Exmatrikulation. Und zum Welt-Aids-Tag im letzten Dezember stoppte die sittenstrenge Universität Peking die Verteilung kostenloser Kondome auf dem Campus.
Seit geraumer Zeit rebellieren die Studenten gegen prüde Genossen und verknöcherte Sexualmoral. Das Eheverbot ist zwar schon gefallen, Homosexualität ist gesellschaftlich jedoch noch immer ein Tabu. Dabei war gleichgeschlechtliche Liebe in den Zeiten der großen chinesischen Dynastien vor 1911 weit verbreitet. "Homosexuelle Beziehungen neben der Ehe waren ganz normal", sagte Mechthild Leutner, Sinologin an der FU Berlin, SPIEGEL ONLINE. Das spiegelt sich auch in der breiten Palette von Namen wider, die einst die alte chinesische Sprache für Homosexualität fand: Gleichgeschlechtliche Liebe wurde als "die Leidenschaft des abgeschnittenen Ärmels" oder "geteilter Pfirsich" bezeichnet.
"Solange die Fortpflanzung und das Bestehen der Familie sichergestellt waren, akzeptierte die Gesellschaft Zweitfrauen oder eben auch homosexuelle Beziehungen problemlos", erklärt Leutner. In der heutigen kommunistischen Gesellschaft Chinas trauen sich jedoch nur die wenigsten Schwulen und Lesben, zu ihrer Liebe zu stehen.
Über 90 Prozent der homosexuellen Chinesen leben in heterosexuellen Ehen, um ihre Neigung zu verstecken. Der Druck kommt von Freunden, von Nachbarn, von Berufskollegen. Experten können nur schätzen, dass etwa sieben Prozent der 1,3 Milliarden Chinesen homosexuell sind. Offiziell jedoch haben sich die starren Gesetze der Kommunistischen Partei in den vergangenen Jahren aufgeweicht.
Seit 1997 ist Analverkehr zwischen Männern nicht mehr strafbar, seit 2001 gilt Homosexualität nicht mehr als Geisteskrankheit. Zuvor waren Homosexuelle als Symbolfiguren des dekadenten Westens nach der kommunistischen Revolution 1949 rücksichtslos verfolgt worden.
Aufklärungskampf gegen Aids
Doch inzwischen haben die ersten Knospen der Schwulen-Szene der Kommunistischen Partei sogar einen ihrer Grundbegriffe geraubt: "Tongzhi" (Genosse) avancierte als Anrede zum Modewort in Schwulenkreisen. Shanghai und Peking sind die Zentren der Bewegung im verstädterten Osten des Landes. Das Seminar an der Fudan-Universität ist nun ein Beleg dafür, dass die sexuelle Revolution auch in der Hochschulbildung angekommen ist.
In dem Kurs wird auch Gao Yanning vom Institut für Volksgesundheit einige Vorlesungen halten. Der Mediziner hatte bereits vor zwei Jahren ein Seminar über Aids und Homosexualität angeboten. Der Titel: "Homosexuelle Gesundheit, Gesellschaft und Wissenschaft". Schon damals beschritt der Wissenschaftler völlig neue Wege in der Lehre.
So gehörte auch eine Feldstudie in einer Schwulenbar zum Studienprogramm, in Gastvorträgen dozierten Professoren aus verschiedenen Fachbereichen über Homosexualität. Qin Shide von der Qingdao-Universität berichtete damals etwa über sein persönliches Coming-out. Sein zweistündiger Vortrag über die Gefahr von Aids, die erogenen Zonen des Mannes und Selbstbefriedigung ließ einigen Studenten die Schamesröte ins Gesicht steigen.
Doch die Aufklärung über Aids ist eines der dringendsten Probleme in der Volksrepublik. Bei der Welt-Aids-Konferenz in Bangkok warnten Experten, allein in China könne die Zahl der Infizierten bis 2010 auf zehn Millionen steigen. Die Pandemie trägt das ihrige zu den Vorurteilen gegen Homosexuelle bei. "Wir werden den Studenten ein gerechtes Urteil über Homosexuelle vermitteln und damit hoffentlich mit den Diskriminierungen aufräumen", sagt deshalb Gao, der im Uni-Kurs gegen die weit verbreitete Ignoranz in der chinesischen Gesellschaft ankämpfen will.
Bei der theoretischen Vorbereitung des Seminars betreten die Akademiker jedoch Neuland. Material zur Homosexualität ist in China rar, ein kursbegleitendes Fachbuch gibt es nicht. Noch nicht.
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