Von Silvia Liebermann
Julia beugt ihren Kopf nach vorne, und der tätowierte Mann berührt mit seiner Nasenspitze die ihre. Der "Hongi" stehe für den Austausch des Lebensatems, erklärt der Mann. Anschließend verfallen er und sein Begleiter in lange Monologe auf Maori, der Sprache der polynesischen Ureinwohner Neuseelands. Die Studenten verstehen kein Wort. Später lernen sie, dass sie gerade eine "Mihimihi"-Begrüssung miterlebt haben, die weniger formell als das "Powhiri" sei. Dabei begrüßten die Maori nicht nur die Studenten, sondern auch die Erde, das Haus und zahlreiche Vorfahren.
Seit dem Frühjahr macht die Berlinerin Julia Hartmann, 25, einen Masterstudiengang in Umweltmanagement an der University of Auckland. Anders als in Deutschland sei der Umgang mit den Professoren hier sehr locker, erzählt sie. Networking und gemeinsame Aktivitäten werden groß geschrieben, ab und zu lädt einer der Dozenten die Studenten zu sich nach Hause ein. So fand das Treffen mit den beiden Vertretern des lokalen Maori-Stammes auf dem Bauernhof ihres Professors statt. Die Studenten sollten dort ein Tourismusprojekt planen. Vor solchen Planungen werden im südpazifischen Inselstaat meist die jeweiligen Maori-Repräsentanten konsultiert.
Doch auch wenn der Umgang an neuseeländischen Hochschulen locker ist - das Studium ist es nicht. Im Gegenteil. Der Uni-Alltag entpuppt sich für die meisten Ausländer als wesentlich arbeitsaufwendiger als erwartet. Irgendwann klagen fast alle darüber, dass sie nur noch über ihren Büchern sitzen und am Wochenende gar nicht mehr rauskommen. Besonders die Seminararbeiten seien sehr anspruchsvoll, erzählt Julia. Anfangs bedeutete das Umdenken auf Englisch für sie eine zusätzliche Schwierigkeit, "aber mittlerweile fällt mir das gar nicht mehr auf".
Kräftige Rabatte für Deutsche
Deutsch spricht Julia in der Uni trotzdem viel. "Eigentlich zu viel", sagt sie. Kein Wunder, ein Viertel ihrer Kommilitonen kommt aus Deutschland. "Damit hatte ich nicht gerechnet, als ich nach fast 30 Stunden Flug am anderen Ende der Welt landete", erzählt sie lachend. Der Grund für die hohe Zahl Deutscher an neuseeländischen Hochschulen ist ein Regierungsabkommen. Demnach zahlen deutsche Studenten in Master- oder Aufbaustudiengängen nur die einheimischen Studiengebühren anstatt der hohen "International Fees".
Auch für Julia war dieses Abkommen ein Grund dafür, ihren Masters in Neuseeland zu machen. Sie muss für ein Studienjahr knapp 3000 Euro überweisen, die meisten anderen Ausländer viermal so viel - und auch in Ländern wie Australien oder den USA sind die Gebühren wesentlich höher. Die Regelung gilt allerdings nur für Aufbaustudiengänge. Deutsche Bachelor-Studenten zahlen je nach Studienrichtung zwischen 9000 und 20.000 Euro pro Jahr.
Um richtig ins Kiwi-Leben einzutauchen, zog Julia zusammen mit sechs Neuseeländern in ein großes altes Holzhaus. Gleich am ersten Wochenende nahmen sie ihre Mitbewohner zum Rugby-Spiel mit ins Stadion, am zweiten ging's zum Ausflug des Uni-Kajakclubs. "Etwa 150 Leute zelteten auf einem großen Feld, grillten und machten Musik", erzählt sie. "So hatte ich mir Neuseeland vorgestellt."
Auch die Juristin Imke Sagemüller, die in Auckland einen Masters of Laws (LL.M) erwirbt, schwärmt von der unkomplizierten Lebensart der "Kiwis", wie sich die Neuseeländer nennen. Immer wieder wurden sie und ihr Freund während ihrer Tour auf der Südinsel von Einheimischen eingeladen, im Garten zu zelten.
Die Uni hilft, wo sie kann
Diese Hilfsbereitschaft macht sich auch an der Uni bemerkbar. "Die Professoren unterstützen die Studenten durch intensive Betreuung", erzählt Imke. Die Angebote der Hochschulen sind zahlreich - von Englisch- und Methodikkursen bis zu Hilfen bei der Jobsuche und Recherche. Zu den Computerräumen haben die Studenten rund um die Uhr Zugang. Neuseelands Universitäten sehen sich als Serviceunternehmen und werben um die zahlenden Studenten wie um Kunden.
Für Imke, spezialisiert auf Internationales Umweltrecht, war Neuseelands Ruf als Vorreiter im Umweltbereich ein wichtiger Grund für ihr Studium dort. Allerdings ist das Land längst nicht mehr so "clean and green", wie es sich als Reiseziel vermarktet. "Natürlich sind die Landschaften traumhaft", erzählt Imke. "Doch in vielen Bereichen fehlt es an Umweltbewusstsein."
Dass der Inselstaat so grün und naturbelassen wirkt, liege hauptsächlich an seiner geringen Einwohnerzahl von nur vier Millionen, vermutet sie. Tatsächlich kämpft das Land mit erheblichen Umweltproblemen - aufgrund intensiver Landwirtschaft, Abholzung und eingeführter Tierarten. Die größte Stadt Auckland leidet unter verstopften Straßen und Luftverschmutzung. "Das öffentliche Verkehrssystem ist eine Katastrophe", beklagt Imke.
"Der beste Sommer meines Lebens"
Für den Geographiestudenten Timo Munk geht sein Jahr in Neuseeland gerade zu Ende. "Ich wollte weit weg. So weit, dass ich nicht die Chance habe, zwischendurch nach Hause zu fliegen, falls ich Heimweh bekomme", begründet er seine Entscheidung für einen Aufenthalt am anderen Ende der Welt. Zeit für Heimweh hatte der 24-Jährige allerdings kaum. Zahlreiche Nachtschichten im Computerraum musste er einlegen, um das Pensum an Hausarbeiten zu bewältigen. Dafür genoss er im Sommer drei Monate Semesterferien. Mit 15 Freunden in vier Autos erkundete Timo die Nationalparks der Südinsel: "Es war der beste Sommer meines Lebens."
Seiner Leidenschaft für Fußball blieb der Münchner auch bei den Rugby-begeisterten Kiwis treu und suchte sich einen Fußballverein. Zu Hause kickt er in einer Freizeitliga, für neuseeländische Standards war er fast schon ein Profi. In Auckland spielte Timo in der dritten Liga, einmal trat seine Mannschaft sogar gegen den neuseeländischen Vizemeister an.
Auch für Rugby konnte sich der 24-Jährige begeistern und fieberte im rappelvollen Pub mit, als Neuseelands All Blacks gegen Australiens Wallabies spielten. Zum Abschied versorgte er sich mit einem Vorrat an Fan-T-Shirts der All Blacks. Und für 2007 haben er und seine internationalen Freunde, die er in Neuseeland gewonnen hat, bereits ein Wiedersehen beim Rugby World Cup in Paris geplant.
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