Von Gregor Peter Schmitz, Cambridge
Wenn Harvardpräsident Larry Summers seine Studenten ins Leben entlässt, steht er auf den Stufen der Memorial Church. Das ist Harvards Kapelle, gebaut als Erinnerung an Studenten und Professoren, die in den Weltkriegen fielen. Bei dieser Absolventenfeier war die Nation wieder im Krieg. Doch alles ist anders. Nicht einmal der Gegner steht fest, und ob es je einen Sieg und Erinnerungstafeln geben wird, ist noch viel weniger klar.
Die "Class of 2005" an amerikanischen Universitäten ist geprägt durch gleich zwei nationale Traumata. Während sich die Flugzeuge ins World Trade Center bohrten, suchten die Studenten gerade ihre ersten Kurse aus. Und während sie nun Jobs suchen, starrt Amerika in New Orleans erschrocken in die hässlichen Fratzen der heimischen Dämonen - Armut, Ungleichheit, Rassismus. Im Rückblick müssen die Studenten erkennen, wie viele ihrer persönlichen Lernballons außerhalb des grünen Efeu-Campus zerplatzten.
Auf den Terror reagierten die meisten Harvard-Studenten mit Wissensdurst, in neuen Kursen über den Mittleren Osten, über die Macht von Religion oder Islamismus. Sie paukten die Bedeutung interkultureller Kommunikation, doch verschleuderte die Bush-Regierung diese "soft power" so leichtfertig, dass die "New York Times" zum Jahrestag des 11. September nur fragen konnte: "Sollten wir nicht aufhören, den Terroristen in die Hände zu spielen?"
Daheim sind alle Amerika-Experten geworden
Lange vor New Orleans hörten die Studenten in überfüllten Vorlesungen von Soziologen wie Robert Putnam, dass wachsende soziale Ungleichheit und der dramatische Rückgang von Gemeinsinn die USA zu zerreißen drohen - und das Weiße Haus senkte die Steuern für Superreiche. Auf dem Campus debattierte man über nationale Opfer nach 9/11; derweil wurde das Sterben im "War on Terror" von Bush "outsourced": Das erledigen arme Farmersöhne aus Wyoming oder junge Schwarze aus den Ghettos.
Der Krieg im Irak hat unter Studenten kaum Befürworter. In der Abschlusszeitung des Harvard-Jahrgangs findet sich nicht mehr als ein schmaler Text zum Einfluss der Terroranschläge auf ihre Lebensplanung. Tom Wolfe wirft Amerikas Elitestudenten in seinem jüngsten Roman vor, sie seien zu beschäftigt mit Kopulieren und Saufen, um übers Wohl der Nation zu sinnieren. Das ist genauso plump und falsch wie der Vorwurf, die reichen Harvardkids kümmerten sich nicht um soziale Probleme. Dieser Jahrgang war ausgesprochen politisch, im Wahlkampf 2004 deutlich pro Kerry. Und das soziale Engagement auf dem Campus ist beeindruckend.
Aber die Studenten aus dem ultraliberalen Harvard glauben nicht, dass sie auch Gehör finden. Denn das ist schwierig geworden für Amerikas Akademiker, im betäubenden 24/7-BREAKING NEWS-Gekreisch der Kabelsender. Und auch in der intellektuellen Einöde in der Mitte des Landes. Doch in der Geschichte Amerikas haben Intellektuelle den Schmelztiegel USA immer wieder über ihre Debatten zusammengehalten. Dafür werden auch diesmal die lebendige Kolumnen- und Magazinlandschaft, die klugen Think Tanks, die Rolle der Professoren als öffentliche Intellektuelle sorgen.
Ihre Debatten drehen sich leidenschaftlich um die Schwächen des eigenen Modells. Sie sind kraftvoll, weil noch die ätzendste Selbstkritik immer Liebe fürs großartige Experiment "Vereinigte Staaten" atmet. Sie werden die Balance wiederherstellen und das Land dabei mitnehmen. Nach Bush werden die Amerikaner einen Präsidenten wählen, dem Gesellschaftsbildung wieder wichtiger ist als Spaltung und Ideologie.
Die Amerikaner brauchen keinen deutschen Rat
Penetranten Rat von außen brauchen die Amerikaner dafür nicht. In den Jahren meiner "Class of 2005" sind daheim urplötzlich alle Amerikaexperten geworden. Es ist das einzige Land, das jeder immer schon erobert habt, oft ohne es betreten zu haben. Deutsche Stammtische wie Prosecco-Ründchen glauben die Debatten über amerikanische Missstände (ob Ungleichheit, Hochwasserschutz oder Rassenunruhen) für die Amerikaner führen zu müssen, weil die dafür zu ignorant seien.
"Ja, aber..." Als ignoriere etwa manche soziale Schieflage des amerikanischen Bildungssystems, wer auch deren Spitzenleistungen wahrnimmt (in Deutschland ist es übersichtlicher: Das System ist marode und sozial ungerecht). Solche Einfalt atmet eine Respektlosigkeit gegenüber einer anderen Kultur, die gerade umgekehrt immer unterstellt wird.
Bequemes Bush-Bashing
Denn Amerika ist eine fremde Kultur, so vertraut es auch wirkt. Eine Trias aus tiefer Religiosität, Individualismus, Optimismus. Gerade letzterer hat natürlich eine Kehrseite, in New Orleans gerade zu besichtigen. Es rächt sich, dass so viele Amerikaner im optimistischen Glauben an den "American Dream" soziale Ungleichheit akzeptieren oder Steuern ablehnen, um das "big beast" Staat auszuhungern (sie werden ja selbst einmal reich sein, so die Hoffnung). Aber zugleich hat dieser Optimismus etwas unheimlich Ermutigendes.
Seine neidisch machende Strahlkraft mag einer der Gründe sein, warum der deutsche Anti-Amerikanismus so aus dem Ruder gelaufen ist. Das hing auch mit katastrophalen Fehlern einer verbohrten Bush-Regierung zusammen. Aber wir Deutschen im Jahr um Jahr trüberen Land, in dem gar der Kanzler kein Vertrauen mehr hat (und wo nicht einmal im Wahlkampf eine vernünftige Debatte in Gang kommt, welche Vision diese Nation eigentlich hat), scheinen uns nur noch richtig sicher zu fühlen, wenn wir keifen können, was alles falsch läuft bei "den Amerikanern" und "ihrem" Mr. Bush.
Wir lachen und schimpfen (zu Recht) über Stoiber, der alle Ostdeutschen dumme Kälber nennt. Doch "die Amerikaner", das ist die traurige Lehre dieser Jahre seit dem 11. September 2001, darf jeder Deutsche so abwatschen. Um die muss man sich dabei keine Sorgen machen. Um uns schon. Denn je schriller das Gekeife ausfällt, desto mehr klingen wir wie Edmund: verdammt frustriert.
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