Von Viktor Funk und Marc Röhlig
Es war keine erfreuliche Meldung, die ein Vertreter der Stadt St. Petersburg Anfang November verkündete: Aus der Kulturmetropole an der Newa flüchten ausländische Studenten. "Nach dem Mord an einem vietnamesischen Studenten im vergangenen Jahr haben viele ausländische Hochschüler die Stadt verlassen", sagte der für Auslandsstudenten zuständige Beamte. Von ehemals 15.000 sind insgesamt 1500 Studenten abgereist. Und der Exodus dürfte sich fortsetzen. Nach weiteren Übergriffen in diesem Herbst erwarten Petersburger Behörden weitere Studienabbrüche.
Erst am vergangenen Freitag wurden in St. Petersburg fünf afrikanische Studenten in eine Schlägerei mit russischen Skinheads verwickelt. Die Polizei nahm alle Streitenden fest. Nach wenigen Stunden kamen die russischen Jugendlichen frei, die Afrikaner indes mussten sitzen. Tags zuvor, am 10. November, wurde ebenfalls in St. Petersburg ein chinesischer Student Opfer rassistischer Gewalt. Mit Stichwunden in Brust und Gesäß musste er ins Krankenhaus.
Die Vorfälle in St. Petersburg sind lediglich Beispiele für ein landesweites Problem. So wurde am 20. Oktober ein malaiischer Hochschüler in Kursk zusammengeschlagen. Die blutigste Tat der letzten beiden Monate ereignete sich am 11. Oktober in Woronesch, einer Millionenstadt 500 Kilometer südlich von Moskau: Ein 18-jähriger Peruaner geriet in die Fänge ausländerfeindlicher Schläger. 15 Skinheads prügelten mit Baseballschlägern und Eisenstangen auf ihn ein. Wenig später war der Studienanfänger tot. Besonders tragisch: Zuvor hatte er mit dem Gedanken gespielt, sein Auslandsstudium abzubrechen und zurück nach Peru zu reisen - die Atmosphäre in Russland war ihm zu rau.
"Rossija Russkim" - Russland den Russen
Die zunehmende Brutalität kennt auch Roman Schell: "Es kommt manchmal vor, dass Skinheads die Wohnblocks der Ausländer blockieren und sie nicht herauslassen", berichtet der 22-Jährige SPIEGEL ONLINE. Schell hat vier Jahre lang in Woronesch studiert und erst vor kurzem das Studium beendet. Die Überfälle und Schlägereien interessierten die Sicherheitsorgane vor Ort nicht weiter, sagt er. In den vergangenen acht Jahren seien acht ausländische Studenten getötet worden. Roman Schell hatte versucht, für seine Kommilitonen einzutreten und mit der Miliz zu sprechen. "Die will davon aber nichts wissen. Die Milizionäre sagen, dass seien doch nur Neger."
Insgesamt wurden im letzten Jahr laut "Le Monde diplomatique" in Russland 40 fremdenfeindlich motivierte Morde gezählt. Immer brutaler setzen Skinheads ihr Motto "Russland den Russen" durch. In Vereinigungen wie "Russische Faust" oder "Skinlegion" ziehen die Banden durch die Großstädte und schlagen zu, wenn ihnen Haut- oder Haarfarbe nicht gefällt.
Seit Anfang der Neunziger schnellt die Zahl junger Rechtsextremer in die Höhe. Zunächst war es nur eine Handvoll Skinheads, nach zehn Jahre waren es bereits 10.000 Zugehörige. Inzwischen sollen über 50.000 Skinheads in russischen Städten unterwegs sein, wie "Le Monde diplomatique" berichtet.
Für den alltäglichen Rassismus gibt es viele Gründe. In der Sowjetunion war das Problem unterdrückt worden - offiziell existierte es nicht. Nach dem Zusammenbruch des Staates breiteten sich rechtsextreme Ideen stark aus, weil keine Staatsidee dagegen antrat. Das moderne Russland hat unter Präsident Wladimir Putin dagegen wieder deutlich nationale Positionen eingenommen. Dadurch fühlen sich die Rechten in ihren Handlungen bestätigt.
"Wer wird morgen ermordet?"
Für den Vielvölkerstaat ist nationaler Rassismus grundsätzlich eine Gefahr. Doch es sind vor allem die ausländischen Studenten, die die Konflikte anprangern und sich dagegen wehren. Proteste gegen mordende rechtsextreme Banden und ohnmächtige Behörden ebben nicht ab.
Im September marschierten 100 Studenten aus Afrika und Asien durch St. Petersburgs Innenstadt - im Gedenken an einen ermordeten Kommilitonen aus dem Kongo. Im Oktober kamen über 1000 Demonstranten in Woronesch zusammen, um an den ermordeten Peruaner zu erinnern. Und Anfang November liefen erneut 300 afrikanische Studenten lärmend durch St. Petersburg. Auf Plakaten verkündeten sie die Bilanz der rassistischen Raserei: "Vorgestern ein arabischer Student, gestern ein vietnamesischer und heute ein afrikanischer. Wer wird morgen ermordet?"
Die Petersburger Stadtregierung will nun ausländische Studenten in ihrem ersten Jahr in eine "Adaptierungs-Schule" stecken. Die Gouverneurin Walentina Matwijenko fand blumige Worte für die Studenten-Kasernierung: "Sporthalle, Konzertsaal und Freizeitangebote" sollen da geboten werden und eigene Bars und Cafés "extra für ausländische Studenten" eingerichtet werden. Das ist für viele Studenten keine Lösung - sie brechen ihr Studium ab.
Barry Abdoulaui hingegen will in Russland bleiben und zu Ende studieren. Der Afrikaner hat zwar Verständnis für seine Bekannten, die das Land verlassen. "Doch das ist genau das, was die Skinheads wollen. Deswegen müssen wir uns wehren", sagt Abdoulaui, Präsident der Vereinigung afrikanischer Studenten in Russland.
Originelle Lösung: Gar keine Ausländer
Der 26-Jährige stammt aus Guinea und studiert an der Moskauer Universität der Völkerfreundschaft internationale Beziehungen. "Unser Universitätsdirektor tut alles für unsere Sicherheit an der Uni", sagt er. Doch auch wenn die Studenten ruhig lernen können, auf den Straßen Moskaus sieht ihr Alltag anders aus. Manchmal trauen sie sich einfach nicht aus dem Haus. "Wenn es ein Fußballspiel gibt, dann ist es für uns faktisch unmöglich, mit der Metro zu fahren", erzählt Abdoulaui. Russische Skinheads seien besonders bei Fußballspielen aggressiv.
Auch Holger Finken kennt die Gefahr. Der Leiter der Abteilung Russische Förderation des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) weiß von Orten, "wo man nachts nach 24 Uhr nicht mehr spazieren gehen sollte". Gleichwohl beschwichtigt Finken: Rechtsextreme Gewalt sei zwar in Russland ein Problem, aber keines, das "man überbewerten darf". "Angriffe auf deutsche Studenten sind mir nicht bekannt", so Finken.
Afrikaner, Südamerikaner und Asiaten indes sind für die marodierenden rechten Banden leichter zu erkennen. Die peruanische Botschaft hat, nach der Ermordung des Studenten in Woronesch, ihren Landsleuten sofort empfohlen, kein Studium mehr in Russland aufzunehmen. So weit will der DAAD nicht gehen und lieber "die Entwicklung weiter beobachten".
Und vielleicht wird das Problem auch anders gelöst. Das russische Bildungsministerium, berichtet Finken, arbeite an Maßnahmen gegen die Übergriffe. Aber derzeit überlegen die Behörden offenbar frei nach dem Motto: wo kein Student, da auch kein Toter. So hörte Finken von "einer Idee" für die Stadt Woronesch - das Bildungsministerium wolle einfach "die Fakultät für Auslandsstudenten schließen".
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