Von Merlind Theile
So politisiert wie zu Dutschkes Zeiten, als bis zu 66 Prozent der FU-Immatrikulierten an der Wahl zum Studentenparlament (Stupa) teilnahmen, sind die Studenten heute längst nicht mehr: An den meisten deutschen Unis dümpelt die Beteiligung an der Stupa-Wahl Jahr für Jahr im einstelligen Prozentbereich.
Der Soziologe Tino Bargel, der die studentische Mitwirkung am Hochschulbetrieb seit Jahren erforscht, erkennt in dieser geringen Partizipation ein Grundproblem der heutigen Studierenden: Der umkämpfte Arbeitsmarkt verlange immer kürzere Studienzeiten sowie etliche Zusatzqualifikationen, die außerhalb der Unis erworben werden müssen. Dazu kommt die schnöde Erwerbsarbeit, der laut Bargel zwei Drittel der Studenten auch während des Semesters nachgehen. Die Folge: "Die Hochschule ist für sie nicht mehr der Lebensmittelpunkt", so der Soziologe. Seit den achtziger Jahren schwinde die Bindung der Nachwuchsakademiker an ihre Alma Mater zusehends.
Die damit einhergehende Teilnahmslosigkeit der meisten Studenten an der Hochschulpolitik stört inzwischen sogar Professoren. "Die Uni wird heute nur noch als Durchlauferhitzer wahrgenommen", klagt etwa der Politikwissenschaftler Herfried Münkler von der Berliner Humboldt-Universität (HU). Von den Asten erwartet der Professor keine Abhilfe: "Die Mitglieder der Studentenvertretungen sind Berufsrepräsentanten, die Projekte verfolgen, die mit der langfristigen Aufstellung der Hochschule wenig zu tun haben", sagt Münkler. "Es findet keine nachhaltige Unterstützung jener Belange statt, die die Studenten wirklich etwas angehen."
Auch der Hamburger Uni-Präsident Jürgen Lüthje vermisst bei den Studierendenvertretern diesen Einsatz. Wie überall ist an seiner Hochschule die Einführung von Studiengebühren derzeit das Topthema - aber der Asta, für Lüthje eigentlich ein "wichtiger Ansprechpartner für alle anstehenden Reformen", verhalte sich dabei nicht sehr konstruktiv. Ein nach wie vor bestehendes Gesprächsangebot der Universitätsleitung zur Verwendung der Gebühren, die die Hamburger Hochschule in einem Fonds selbst verwalten soll, sei im Sande verlaufen. Der Asta lehnt Gebühren eben grundsätzlich ab. Punkt.
Nur Service ist den Asten zu wenig
Statt eines "problem- und projektorientierten Arbeitens" beobachtet Lüthje bei den Hamburger Repräsentanten seit einigen Jahren einen Hang zu allgemeinpolitischen Aussagen und eine "Entfernung der Vertretung von der Studentenschaft". Themen wie die Studienfinanzierung oder die soziale Situation der Studenten blieben, so Lüthje, in der Hansestadt außen vor.
Allerdings bewältigen Studentenvertreter vielerorts zahlreiche soziale Aufgaben: Sie betreuen ausländische Studenten, helfen Kommilitonen bei der Wohnungssuche, geben ihnen Rechtsberatung und erleichtern ihnen damit das Leben an der Hochschule.
"Die Bedeutung von Service nimmt immer mehr zu", sagt etwa Juso-Mitglied Christian Berg, der dem Asta-Bundesverband "Freier Zusammenschluss der StudentInnenschaften" (fzs) vorsteht. Aber das reicht ihm nicht. " Die Vorstellung vom Studenten als Kunden widerspricht unserem Bildungsideal." Die Hochschule dürfe nicht bloß Berufsanfänger produzieren - es sei schließlich "keine linke Utopie, an der Uni ein kritisches Bewusstsein und demokratische Strukturen zu fördern", allgemeinpolitisches Mandat für den Asta inklusive. Den Vorwurf, die Stupas und ihre Delegierten seien nicht ausreichend legitimiert, kennt Berg, und auch er findet, dass die Erhöhung der Wahlbeteiligung ein wichtiges Ziel sei.
Doch wie soll dieses Ziel überhaupt erreicht werden?
Die kürzlich abgelöste Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD) versuchte mit dem neuen Hochschulrahmengesetz, die verfassten Studierendenschaften bundesweit einzuführen und deren politische Aufgaben zu erweiteren - man erhoffte sich davon auch eine insgesamt stärkere Mobilisierung der Studenten. Ob dieser Plan aufgegangen wäre, bleibt allerdings offen: Im Januar kippte das Bundesverfassungsgericht das rot-grüne Paragrafenwerk mit der Begründung, der Bund greife mit dem geplanten Gesetz zu stark in die Bildungskompetenzen der Länder ein.
Diese können nun gewohnt eigenmächtig Mobilisierungsmethoden an ihren Studenten ausprobieren. In Hessen etwa koppelte man im neuen Hochschulgesetz den Haushalt der Asten kurzerhand an den Urnengang zum Stupa. Seit diesem Jahr erhalten die Studierendenvertretungen den vollen Beitragsbatzen der Immatrikulierten nur, wenn sich mindestens 25 Prozent der Studenten an der Wahl beteiligen. Wenn die Quote dagegen unter 10 Prozent sinkt, bleibt dem Asta nur ein Viertel des bisherigen Etats.
Studentenvertreter schimpfen über "Erpressung"
Obwohl die finanzielle Daumenschraube an zahlreichen hessischen Unis jeweils weit mehr als 25 Prozent der Studenten zur Stimmabgabe trieb, wird das hessische Modell von Studentenvertretern aller Couleur heftig kritisiert. Für "völlig inakzeptabel" hält es fzs-Chef Berg, denn "die Asten werden dadurch erpresst". Selbst Dorlies Last, die Bundesvorsitzende des RCDS, die Studiengebühren befürwortet und das gegenwärtige System der studentischen Mitbestimmung für unzeitgemäß hält, schimpft über Hessens Vorstoß: "Damit wird de facto die Wahlpflicht eingeführt", sagt Last.
Ihr Verband fordert stattdessen die Einführung einer "Studentenkonferenz": eine Vernetzung der Studenten in der akademischen Selbstverwaltung.
"Viele Studenten wissen gar nicht, dass die Uni ein demokratisches Gebilde ist und dass auch im Senat Studenten sitzen", sagt Last, "dabei werden hier die wichtigen Entscheidungen getroffen." Würden sich diese Studenten zusammenschließen, so das Kalkül, ergäbe das eine viel geeignetere Vertretung der studentischen Interessen als im bisherigen System der Stupas und Asten.
Das allgemeinpolitische Mandat habe in den Gremien der verfassten Studierendenschaft jedenfalls weder jetzt noch in Zukunft etwas zu suchen, so Last: "Wenn ich als Student politisch aktiv sein will, kann ich mich einer Partei anschließen - und wenn ich auf die Straße gehen will, kann ich das auch ohne Asta tun."
Sollen sie es nun wahrnehmen oder nicht? Die Untersuchungen des Soziologen Bargel zeigen, dass das allgemeinpolitische Mandat auch unter den Studenten stark umstritten ist - Befürworter und Gegner halten sich in etwa die Waage. Als völlig unpolitisch und teilnahmslos stuft Bargel die Studentenschaft nicht ein, nur fühle sie sich anderen Gruppen als den Asten stärker zugehörig: den Fachschaften. Auch die Beurteilung ihrer Beratung und Interessenvertretung falle meist besser aus. "Die Fachschaften sind die wichtigste Plattform für Zugehörigkeiten und Aktivitäten und für viele Studenten die einzige Instanz der Integration", sagt Bargel. Allerdings habe er den "Eindruck, dass selbst die Asten häufig die Zusammenarbeit mit den verschiedenen Fachschaften an ihrer Hochschule vernachlässigen."
Mehr Nähe zu den Fachschaften, mehr Service oder doch mehr Politik? Noch ist offen, wie die Asten ihre Legitimationsprobleme und die Kluft zu ihren Wählern überwinden wollen. Derzeit kümmert man sich vor allem um die ganz konkreten Probleme. Der fzs erarbeitet aus gegebenem Anlass eine 100seitige Publikation. Arbeitstitel des praktischen Leitfadens: "Handbuch zu den Finanzen der Studierendenschaften".
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