Montag, 23. November 2009

UniSPIEGEL



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21.04.2006
 

Junge Mediziner

PJ unter Palmen

Von Antonia Götsch

Kein Lohn, schlechte Ausbildung, miese Stimmung im Krankenhaus - nichts wie weg. Studenten im Praktischen Jahr sind ein deutscher Exportschlager. Sie nehmen schon während der Ausbildung Reißaus, doktern lieber in Strandnähe oder gut bezahlt in der Schweiz.

"30 Grad, toller Strand..." Lynns Worte schicken Fernweh und Ferienstimmung durch den Telefonhörer. Sie erzählt von einer Bootstour und von Delfinen, die ganz nah ans Boot heran geschwommen sind. Klingt nach Urlaub, ist aber Arbeit, jedenfalls ein bisschen. Lynn Kohl, 26, studiert in München Humanmedizin und absolviert einen Teil ihres Praktischen Jahres auf Martinique. "Man muss das PJ ja eh machen, da habe ich mir gedacht: Warum jeden Morgen in ein deutsches Krankenhaus gehen, wenn ich hier vor der Arbeit im Meer schwimmen kann."

Seit zwei Monaten lebt Lynn auf der Karibik-Insel. "Natürlich muss ich jeden Tag ins Krankenhaus, aber wenn nichts los ist, schickt mich der Chefarzt schon mal nach Hause und sagt 'Mädchen, ab an den Strand'." Auch wenn Besuch aus Deutschland kommt, gibt ihr der Chef ein paar Tage frei. "Er hat Verständnis dafür, wenn ich meiner Familie oder Freunden die Insel zeigen will." Eine Pflichtübung unter Palmen.

Nach dem theorielastigen Studium sollen Medizinstudenten in Krankenhäusern den Umgang mit Patienten lernen: Sie absolvieren dreimal vier Monate in den Bereichen Inneres, Chirurgie und einem Wahlfach. Doch ob das PJ zur Ausbildung taugt, ist in Deutschland heftig umstritten. "Die PJler sind billige Arbeitskräfte. Sie sind voll in den Klinikbetrieb eingebunden und bekommen trotzdem keine Vergütung - ganz anders als Lehrer oder Juristen", sagt Patrick Weinmann, Studentensprecher des Marburger Bundes. "Wenigstens eine Aufwandsentschädigung wäre angemessen."

Als Hakenhalter ausgenutzt

Die Bezeichnung "Hakenhalter" ist unter Medizinern schon ein geflügeltes Wort geworden, weil die PJler besonders bei Operationen oft zum Offenhalten der Bauchdecke eingesetzt werden. Ein Drittel fühlt sich laut einer Umfrage des Medizinerportals "Via Medici Online" in deutschen Kliniken "unzureichend betreut". 65 Prozent der 735 Befragten erklärten, sie seien während des Chirurgie-Tertials - so heißen die Vier-Monats-Blöcke - "als billige Arbeitskraft" missbraucht worden: "Haken und Maul halten".

Immerhin ist die schlecht bezahlte Ausbildungsetappe AiP (Arzt im Praktikum) inzwischen abgeschafft, das Murren der Medizinstudenten über das PJ aber geblieben. "Natürlich kann man im PJ noch keine Patienten operieren", sagt Philipp Schindler, der gerade einen Flug nach Südamerika gebucht hat. Jeweils vier Monate will er nach Mexiko und nach Argentinien. Die Adressen hat er von einem Kommilitonen bekommen, Insiderinformationen inklusive: "Die Dienstzeiten in dem Krankenhaus in Argentinien sollen total locker sein. Da kann ich viel herumreisen." In Mexiko hingegen will Schindler hauptsächlich lernen. "Die Anästhesie-Station hat einen guten Ruf."

Rund 6000 bis 8000 Medizin-Studenten durchlaufen jedes Jahr ihre Praxisstationen. "Gut die Hälfte der PJler geht zumindest für ein Tertial ins Ausland", schätzt Patrick Weinmann. Deutsche Krankenhäuser hätten wenig zu bieten. In der Fremde locken dagegen - je nach Reiseziel - Sonne, Lohn, eine gute Ausbildung und Zusatzqualifikationen.

Sonne, Lohn und gute Ausbildung

Lynn Kohl will vor dem Berufsalltag ihre Französisch-Kenntnisse auffrischen. In ihrer Gastklinik auf Martinique darf sie Kanülen legen, innere Organe punktieren und bei der Visite Patienten vorstellen. "Das ist in Deutschland nicht selbstverständlich", betont Weinmann. Ob sich die Praxisstation als guter Ausbildungs- oder eher als Ausbeuterplatz erweise, hänge vor allem vom guten Willen der Stationsärzte ab.

"Besonders in den großen Uni-Kliniken geht man als PJler einfach unter", berichtet Anne Spieler, die momentan fürs dritte und letzte Staatsexamen lernt. "In Göttingen, wo ich vier Monate Station gemacht habe, kennen die Ärzte nicht mal deinen Namen." Die Vorgesetzten waren zu beschäftigt, um ihr knifflige Operationstechniken und Krankheitsbilder zu erklären.

WO GEHT'S DENN HIER INS AUSLAND

Das Praktische Jahr kann ausschließlich an Universitätskrankenhäusern oder Kliniken, die an eine Uni des Landes angeschlossen sind, absolviert werden. Um die Bewerbung muss sich jeder selbst kümmern. Gute Adressen gibt es nicht nur vom Kommilitonen, sondern auch im "World Directory of Medical Schools" von der Weltgesundheitsorganisation. Viele Dekanate haben auch schon Kontakt zu Kliniken im Ausland und helfen einen Platz zu finden. Wer der Verwaltung nicht traut: Im Internet gibt es Erfahrungsberichte wie Sand am Meer, zum Beispiel beim Deutschen Famulantenaustausch oder Via Medici Online. Schweizer Krankenhäuser sind auf der Site Doktor CH gelistet.
In Frankreich und Kanada hat die Medizinstudentin ganz andere Erfahrungen gemacht. "In Kanada wird unter den Bewerbern sorgfältig ausgewählt, man erwartet dann auch Engagement. Dafür haben mir die Ärzte alles erklärt, zusätzlich gab es auch noch kostenlose Fortbildungen." In Frankreich hatte Anne Spieler sogar eigene Patienten, die sie eigenständig betreute und untersuchte. "Das wäre in Deutschland nie in Frage gekommen. Ich bin froh, dass ich mich fürs Ausland entschieden habe. Auch wenn ich draufgezahlt habe."

Denn auch in Kanada und Frankreich gibt es meist keine Vergütung für deutsche PJler, ebenso auf Martinique. Lynn hat vor ihrem Abflug viel gejobbt, ihre Eltern haben Geld für den Flug dazu geschossen. "Ich wollte schon immer mal in die Karibik. Dieser Traum ist mir die Extra-Ausgaben wert. Schließlich hat man zum letzten Mal die Freiheit auszuwählen."

Schon der Nachwuchs wandert aus

Das beliebteste Mediziner-Exil ist nicht so sonnig, dafür gleich um die Ecke - die Schweiz. Dort zahlen Spitäler den Studenten bis zu 900 Euro. "Ein schlagendes Argument" für die Münchner Studentin Gesa Geller, 27. Sie hat ihre zehn Semester Medizin vor allem über Bafög und Gelegenheitsjobs finanziert. Nun wird das Geld knapp, denn vor PJ-Beginn hat Gesa ihre Doktorarbeit geschrieben und fürs zweite Staatsexamen gelernt. "Da bleibt keine Zeit zum Jobben. Wenn meine Bewerbung für die Schweiz nicht klappt, weiß ich nicht, wie ich nach fünf Jahren Studium auch noch das PJ finanzieren soll."

Gesa Geller muss auf Nachrückerglück hoffen, denn die Schweiz wird von deutschen PJlern schier überrannt: "Entweder man bewirbt sich zwei Jahre vorher oder kurz vor knapp, in der Hoffnung, dass andere Bewerber kurzfristig abspringen."

"Die Schweizer punkten nicht nur mit der Vergütung, die Studenten fühlen sich dort auch besser behandelt", fasst Redakteurin Ulrike Rostan die Ergebnisse der "Via Medici Online"-Umfrage zusammen. Jedes siebte Tertial deutscher Medizin-Studenten werde bereits in der Schweiz absolviert. "Natürlich müssen die Studenten dort auch im OP assistieren und Haken halten. Aber 'Bitte und Danke' gehören viel selbstverständlicher dazu." Die Schweizer Kollegen nähmen sich Zeit für Erklärungen, die PJler fühlten sich besser ins Stationsteam integriert.

"Kein Wunder, dass viele gleich da bleiben", sagt Rostan. Der Schweizer Ärzteverband hat bereits 2000 deutsche Ärzte registriert. Gut qualifizierter Nachwuchs wird immer gesucht. "Gute Bezahlung, supergeile Pisten vor der Haustür, was will man mehr?", fragt Studentin Gesa Geller. "Und bei all den Ski-Unfällen im Winter wird man bestimmt nicht so schnell arbeitslos."

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