Von Roman Heflik
Morgens gegen neun beginnt für die Soziologiestudentin Carolin Sobiech der Weg durch den Dschungel. Sie geht am Notrufschalter für den Wachdienst vorbei, sperrt die Haustür auf, tippt den vierstelligen Code in die Alarmanlage und wartet, bis das rote Licht am Bewegungsmelder ausgeht. Bevor sie die Gittertür in der zwei Meter hohen, von Stahldornen gekrönten Mauer öffnet, stellt die 25-Jährige ihr Handy auf lautlos, damit niemand merken kann, dass sie eines bei sich trägt. Sie winkt sich ein klappriges Minibus-Taxi heran, in das sich schon Dutzende Leute hineingequetscht haben. Das Handy stellt sie erst wieder um, als sie am Ziel ihrer Fahrt angekommen ist - dem Eingang zur Johannesburger Witwatersrand University.
Unter den Blicken der Sicherheitsbeamten zieht Carolin ihre Karte durch ein Lesegerät und passiert die gläserne Sicherheitsschleuse, die den "Wits"-Campus vom Rest der Dreieinhalb-Millionen-Metropole Johannesburg abschottet. "Daran muss man sich erst mal gewöhnen", sagt die junge Frau aus Hannover und lächelt entschuldigend. Es geht einen verwinkelten Korridor entlang und zwischen mächtigen griechischen Säulen hindurch. Plötzlich gleißt grelles Sonnenlicht. Zu Füßen einer Freitreppe öffnet sich ein Forum, umgeben von alten, wuchtigen Uni-Gebäuden. Hinter dem Platz liegt eine makellose Rasenfläche, an deren Rändern die fliederfarbenen Blüten der Jacaranda-Bäume leuchten. In der Ferne schimmert das Blau des Universitätsschwimmbeckens.
Tatsächlich, das Studieren in Johannesburg ist gewöhnungsbedürftig. Es gleicht dem Leben in einer Burg: Rund um den idyllischen Campus der Witwatersrand University zieht sich ein massiver Stahlzaun, vor den Toren stehen Wächter, an vielen Gebäuden sind Überwachungskameras installiert. Das Wohnheim der Universität im nahegelegenen Stadtteil Braamfontein darf nur betreten, wessen Fingerabdruck vom Scanner am Haupteingang akzeptiert wurde.
Seit Jahrzehnten ist die ehemalige Goldgräberstadt für eine der höchsten Kriminalitätsraten weltweit berüchtigt: Für die Zeit von April 2004 bis März 2005 erfasst die Statistik für die Gauteng-Provinz, in der Johannesburg liegt, 3611 Morde, 11 923 Vergewaltigungen und 55.139 schwere Raube. Zum Vergleich: 2004 wurden für die gesamte Bundesrepublik, die etwa zehnmal so viele Einwohner wie Gauteng zählt, 2480 Fälle von Mord und Totschlag einschließlich Versuche registriert. Und trotzdem kommen immer wieder deutsche Studenten nach "Joburg".
Keine Gefahrensucher
Nein, eine Gefahrensucherin sei sie nicht, sagt Carolin Sobiech. Schließlich respektiere sie fast alle der üblichen Vorsichtsregeln. "Aber wenn man sich in Johannesburg ständig Gedanken machen würde, dürfte man gar nicht mehr auf die Straße gehen." Dennoch habe die Stadt sie allmählich verändert, erzählt die junge Frau: "Man fängt automatisch an, die Leute auf der Straße abzuchecken: Sieht der da aus wie ein 'mugger', ein Straßenräuber? Oder trägt er eine Einkaufstüte und ist vielleicht bloß auf dem Weg nach Hause?" Das sei in den ersten Wochen anstrengend gewesen. Wie eingesperrt habe sie sich gefühlt. Doch dann setzte sich bei ihr der Entdeckerdrang durch. Heute ist sie sicher, dass ein Studium in Johannesburg alle Ängste der ersten Wochen wert ist.
Wer hier sein Studium aufnimmt, merkt schnell: Das eigentliche Lernen findet nicht im Seminarraum statt. Wie im Fall von Peter Falk, der in Köln BWL studierte und nun an der renommierten Wits Business School seinen Master of Business Administration macht. Fast 10.000 Kommilitonen hatte Peter an seiner Fakultät in Köln, doch keiner von ihnen wollte mit ihm nach Johannesburg kommen. Von Freunden und Verwandten hagelte es Warnungen. "Meine Mutter hat mich nur gefragt: 'Junge, willst du nicht lieber nach Finnland?'" Der Blondschopf grinst. Er ist froh, dass er bei seinem Entschluss geblieben ist. Denn sein Aufenthalt in Johannesburg ist mehr als eines dieser studentischen Auslandsjahre, die sich später nett im Lebenslauf machen. Für Peter ist die Zeit in "Joburg" in erster Linie ein großes Abenteuer.
"Ich war am Anfang schon sehr von all den Geschichten über die Stadt eingeschüchtert", berichtet der 24-Jährige, der hier seit Juni lebt. "Hinter jeder Ecke habe ich Räuber gesehen, und den Taxifahrern am Flughafen habe ich auch nicht getraut." Aufgeatmet habe er erst wieder, als er in seinem Wohnheim im Stadtteil Parktown ankam: Ringsum Zäune, Wächter, Schranken - alles, um ihn vor der wilden Stadt da draußen zu beschützen.
Harte soziale Realität
Doch Peters freiwilliges Leben im Käfig dauerte nur ein paar Stunden. Noch am ersten Abend nahm ihn ein einheimischer Kommilitone auf ein Bier mit nach Hillbrow. Das einst noble Amüsierviertel gilt heute als absolute "No go"-Zone, die fest in der Hand von nigerianischen Banden ist. Reiseführer warnen vor einem Besuch der Gegend, in die sich sogar die Polizei nicht gern hineinwagt. Peter fuhr trotzdem mit. "Es war gar nicht so schlimm", erinnert er sich. "Hillbrow hat Flair, auch wenn an der Ecke etwa zehn Drogendealer herumstanden, während wir unser Bier getrunken haben." Peter hatte die erste Scheu vor Südafrika verloren.
Auch mit seinem Studium arrangierte er sich schnell. Zwar ist die Wits Business School eine der angesehensten Wirtschaftsfakultäten ganz Afrikas, doch sei dieser Anspruch etwas übertrieben, findet Peter. "Das Studium hier ist zwar arbeitsintensiv, aber irgendwann merkte ich, dass man die Hausarbeiten notfalls auch runterschmieren kann und immer noch ganz gute Noten bekommt." So sei die Freizeit nie zu kurz gekommen. Lohnend sei vor allem das Unterrichtsangebot, zu dem auch spezielle Seminare wie "Storytelling in Unternehmen", Verhandlungsführung oder "Interkulturelles Management" gehören. "Und mit deutschem Uni-Wissen kommt man absolut zurecht", versichert Peter.
Carolin Sobiech kennt Hillbrow ebenfalls, sie hat sogar dort gearbeitet: Für eine Nichtregierungsorganisation kümmerte sie sich vier Monate lang um die Reintegration von Prostituierten. "Erschreckend" sei die Arbeit manchmal gewesen, sagt sie, "aber genau so etwas wollte ich machen. Nur im Hörsaal sitzen, das kann ich auch in Deutschland." Und noch ein Punkt sprach aus ihrer Sicht für Johannesburg: die Wissenschaft. Denn als Forschungsschwerpunkt hat sie sich das Thema Aids im soziologischen und historischen Kontext ausgesucht. Experten schätzen, dass in der Region um Johannesburg etwa jeder Dritte mit dem HI-Virus infiziert ist.
Kaum jemand kann sich den gesellschaftlichen Problemen und Kontrasten Südafrikas entziehen. Carolin kann sich noch gut an eine Exkursion erinnern, die sie in eine Geburtsklinik im Armenviertel Alexandra führte. "Das war unglaublich." Geburtsvorbereitungskurse habe es keine gegeben, Ärzte schon gar nicht. "Und nach der Geburt haben die Frauen vier Stunden Zeit, dann müssen sie nach Hause gehen." Auf dem Heimweg sei ihre Gruppe dann durch das benachbarte Sandton gefahren, erzählt sie und schüttelt den Kopf. Der Stadtteil im Norden gilt als wohlhabendste Gemeinde in ganz Afrika. Nur die Superreichen können sich die vornehmen Anwesen leisten, die sich hinter hohen Mauern verbergen. Nirgendwo scheint die Dichte an Mercedes- und BMW-Limousinen höher zu sein als in Sandton. In Alexandra nebenan können die meisten kaum den Bus bezahlen.
Immer noch Berührungsängste
Ein Land, viele verschiedene Welten - so mancher deutsche Student gewöhnt sich hier nur langsam an die Unterschiede zwischen Arm und Reich, zwischen Schwarz und Weiß. Und an das Gefühl, plötzlich wegen seiner Hautfarbe zu einer reichen Minderheit gezählt zu werden.
Diese Strategie führte Peter sogar bis nach Soweto. Normalerweise meiden Weiße die riesige Township vor den Toren Johannesburgs. Der Kölner dagegen wurde auf eine Party dorthin mitgenommen. Auch eine Schlafgelegenheit organisierten seine Gastgeber für den exotischen Gast. "Da habe ich dann in einer dieser typischen Wellblechhütten genächtigt", erinnert er sich. Etwas frierend, dafür aber um eine Erfahrung reicher sei er am nächsten Morgen aufgewacht. Wenn man ihn heute fragt, was ihn an Südafrika und Johannesburg am meisten beeindruckt, antwortet der Deutsche ohne Zögern: "die Gastfreundschaft und die Lebensfreude der Menschen".
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