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11.05.2006
 

Pikante Absage für Promotion

Professor lehnt syrische Studentin ab

Von Jan Friedmann

Eine scharf formulierte E-Mail eines Professors an eine ausländische Studentin sorgt für Furore an der TU Dresden. Der Wirtschaftswissenschaftler wies sie als Doktorandin glatt zurück, nur weil sie aus Syrien kommt - und wegen der "feindseligen Haltung Ihres Landes".

Ein Stipendium des syrischen Hochschulministeriums konnte Rola Ibrahim bereits vorweisen, einen Sprachintensivkurs in Leipzig ebenfalls. Im Februar fragte die  Wirtschaftsstudentin aus Syrien bei Professor Hermann Locarek-Junge an, ob die Möglichkeit bestehe, "einen Weiterbildungsplatz an Ihrer Universität zur Promotion im Arbeitsgebiet Finanzwirtschaft" zu erhalten.

Der Dresdner Professor für Finanzwirtschaft und Finanzdienstleistungen beschied die Anfrage mit einer ungewöhnlich begründeten Absage. Angesichts "der feindseligen Haltung" des Landes Syrien "gegenüber westlichen Ländern (speziell Israel) und westlichen Institutionen" sowie der "Unterstützung des internationalen Terrorismus" durch Syrien lehne er "jegliche Unterstützung syrischer Staatsbürger derzeit strikt ab".

Es sei zwar schade, so führt Locarek-Junge weiter aus, "dass Sie damit unter dieser Politik Ihres Landes leiden, aber Sie speziell - wer sonst - sind aufgefordert, diese meine Kritikpunkte betreffende Situation baldmöglichst zu ändern".

Ein Lehrender, der seine Wut über die Haltung der syrischen Machthaber an einer Studentin auslässt und eine neutrale Anfrage mit einer scharf formulierten Ablehnung beantwortet - die fragwürdige E-Mail rief erst Gaststudenten an der TU und Ausländervertreter auf den Plan, dann die Presse. Unter anderem die "Dresdner Neueste Nachrichten" berichteten über den Fall.

Diskriminierend, aber nicht ausländerfeindlich?

Der Deutsch-Syrische Verband trug die Sache Marita Schieferdecker-Adolph, der Ausländerbeauftragen der Stadt Dresden, vor. Sie bat die Universität um eine Stellungnahme und suchte das Gespräch mit dem Professor. Ihre Auffassung: Locarek-Junge habe nicht das Recht, "in seiner Funktion als Professor seine private politische Meinung in dieser Form zu äußern", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Die Ausländerbeaufragte ordnet die E-Mail zwar nicht als ausländerfeindlich ein. Doch erfülle das Vorgehen "den Tatbestand der Diskriminierung und der Menschenrechtsverletzung". Es wäre die Aufgabe des Professors gewesen, "Frau Ibrahim während ihres Studiums das nötige Rüstzeug zu geben, um nach ihrer Rückkehr in ihr Heimatland für Demokratie und Menschenrechte eintreten zu können".

Auch die TU Dresden distanziert sich ausdrücklich von dem Schreiben ihres Hochschullehrers. Sie wertet laut Pressesprecher Mathias Bäumel das Schreiben als "möglicherweise unbedacht geäußerte, private politische Meinung, die nicht dem Standpunkt der TU Dresden" entspreche. Die TU wehre sich dagegen, "wenn Hochschullehrer ihre dienstlichen Aktivitäten in Lehre und Forschung für die Durchsetzung privater politischer Ideen missbrauchen sollten".

Schaden für die TU Dresden

Auch der Dekan der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, Wolfgang Uhr, distanzierte sich in einer E-Mail an Professoren von seinem Studiendekan. Durch das Vorgehen sei "nicht nur die Fakultät, sondern nun wohl auch die Universität beschädigt worden".

Locarek-Junge wollte bislang nicht zu den Vorgängen Stellung beziehen. An seinem Lehrstuhl heißt es auf Anfrage, er sei zu keiner Auskunft bereit. In mehreren Schreiben an den Dekan weist er den Vorwurf der Ausländerfeindlichkeit zurück, bekräftigt aber seine Aussage. Seine Begründung: "Wenn ein Staat Terrorismus betreibt oder aktiv fördert, dann sollten seine Bürger auch wissen, wie andere Personen dies aufnehmen und empfinden, damit sie daran etwas ändern können."

Seine Meinungsfreude am falschen Ort wird für den streitbaren Professor wohl keine dienstrechtlichen Folgen haben. Das Sächsische Wissenschaftsministerium hat nach Angaben von Pressesprecherin Angelika-Maria Wahrheit Gebrauch von der Möglichkeit gemacht, ein "dienstliches Fehlverhalten" festzustellen, ohne weitere Sanktionen zu verhängen. Locarek-Junge habe sich entschuldigt.

Auch die TU Dresden betrachtet nach einer Gesprächsrunde mit deutschen und syrischen Studenten Missverständnisse als ausgeräumt. Ausländische Studenten seien in der Vergangenheit stets gut aufgenommen und betreut worden, dies werde auch in Zukunft so sein.

Ob diese Gastfreundschaft auch der syrischen Studentin Rola Ibrahim zugute kommen, ist ungewiss: Derzeit wird noch geprüft, ob ein anderer Dresdener Wirtschaftsprofessor sie als Doktorandin betreuen wird.

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