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14.07.2006
 

Hochschule für Migranten

Bildung statt Bentley

Von Merlind Theile

Kinder von Einwanderern sind im deutschen Bildungssystem fast chancenlos. Erman Tanyildiz fuchst das gewaltig. Deshalb hat der deutschtürkische Millionär in Berlin seinen Traum von einer Hochschule verwirklicht, an der vor allem Migrantenkinder studieren sollen.

Die Geschichte der OTA Hochschule in Berlin begann mit einem Segelunfall. Als Erman Tanyildiz, ein türkischstämmiger Deutscher, 1992 mit seiner Yacht beinahe verunglückte, dämmerte ihm, dass er mit seinem Geld noch etwas anderes anfangen könnte, als etwa seine Finca auf Ibiza zu bewirtschaften und einen fliederfarbenen Bentley zu fahren. "Für mich war der Unfall ein Anlass, über mein Leben nachzudenken", sagt der 57-jährige Unternehmer heute. "Ich besaß genug, und ich hatte Erfahrung. Das wollte ich zum Wohl der Allgemeinheit einsetzen."

Studenten der OTA Hochschule: "Zieh mir das mal auf den Stick"
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Jens Roetzsch

Studenten der OTA Hochschule: "Zieh mir das mal auf den Stick"

Der Segelunfall als Initialzündung gehört zum Gründungsmythos seiner Hochschule, wenngleich bis zur Eröffnung der OTA noch zehn Jahre vergingen. Tanyildiz, der 1970 aus der Türkei zum Maschinenbau- und Wirtschaftsingenieurstudium nach Berlin gekommen und danach unter anderem durch seine "Gesellschaft für berufliche Bildung" reich geworden war, rief zunächst eine Stiftung ins Leben. Mit deren Kapital finanzierte er vor allem humanitäre Projekte und Angebote für Lern- und Körperbehinderte. Dann brachte Gerhard Schröder den findigen Selfmade-Millionär auf eine neue Idee.

Als der damalige Bundeskanzler im Frühjahr 2000 Green Cards für IT-Kräfte auslobte, um hochqualifizierte Absolventen aus dem Ausland nach Deutschland zu locken, ärgerte sich Erman Tanyildiz. "Das stand in einem absurden Kontrast zu den in Deutschland lebenden Ausländern", sagt er. "Während hochbegabte Migrantenkinder am deutschen System scheitern, versucht die Regierung, das Bildungsproblem über Import zu lösen." Der Anstoß zur Gründung einer Hochschule, die besonders Migrantenkinder akademischen Weihen zuführt, war gegeben - obwohl auch Tanyildiz weiß, dass er mit diesem Projekt eigentlich am falschen Ende anpackt.

Schlechte Statistiken für Einwandererkinder

In Deutschland straucheln die meisten Einwandererkinder schließlich nicht erst vor den Toren der Universität, sondern schon in der Schule: Knapp 20 Prozent der ausländischen Schulabgänger in Deutschland haben laut Statistischem Bundesamt gar keinen Abschluss, gut 40 Prozent schaffen gerade mal die Hauptschule. Das Abitur erlangen nur 10 Prozent - unter den deutschen Schulabgängern hat dagegen jeder vierte die allgemeine Hochschulreife in der Tasche.

Wenn Erman Tanyildiz auf diese Themen zu sprechen kommt, kann sich der gemütliche Mann mit dem runden Gesicht zwischen zwei Zigarillozügen in Rage reden. "Das System muss durchlässiger werden", fordert er. "Heute wird im zehnten Lebensjahr eines Menschen entschieden, was aus ihm wird - und das ist dann die Chancengleichheit in Deutschland."

Tanyildiz selbst hatte das Glück, bereits in seiner Heimatstadt Istanbul eine deutschsprachige Schule besucht zu haben. Sein Studium an der TU Berlin schaffte er anschließend mit links. Mit der aufs Büffeln angelegten Lehre und den praxisfernen Professoren war der türkischstämmige Student allerdings eher unzufrieden - vielleicht das wichtigste Motiv für die Gründung einer eigenen Hochschule. "Ich verwirkliche hier meinen Traum davon, wie ich selbst gern studiert hätte", sagt Tanyildiz.

Hochschulgründer Tanyildiz: Akademische Weihen für Migrantenkinder
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Hochschulgründer Tanyildiz: Akademische Weihen für Migrantenkinder

Die OTA, deren Name sich aus den Anfangsbuchstaben seines eigenen Nachnamens und den Initialen eines früheren Mitgesellschafters zusammensetzt, nahm im Herbst 2002 die ersten Studenten auf. Die jeweils dreijährigen, straff durchgeplanten Bachelor-Studiengänge Business Administration (BUS) und Informations- und Kommunikationsmanagement (IKM) sollen die Ab- solventen mit akademischem Basiswissen und viel Praxisnähe für den globalisierten Arbeitsmarkt fit machen - versierte Power-Point-Präsentationen inklusive. Zeitgemäß soll die Ausbildung der derzeit rund hundert Studenten sein, und so heißen die Ausbildungsabschnitte auch nicht Semester, sondern "Terms", nach angelsächsischem Vorbild.

Alles wirkt modern, auch die Räume der Hochschule, die seit vergangenem Jahr auf zwei Hochhausetagen am wuseligen Ernst-Reuter-Platz im Berliner Westen residiert - die beiden OTA-Stockwerke sehen eher nach Bürofluren als nach Unigängen aus. Als Türöffner benutzen die Studenten Chipkarten, und auch ihre Seminarmitschriften sind längst dem Computerzeitalter angepasst. "Die OTA ist eine Laptop-Uni", sagt der 23-jährige Student Julius Hassemer. "Hier fragt man nicht: Kann ich mal dein Skript abschreiben?, sondern sagt: Zieh mir das mal auf den Stick. Oder: Kannst du das mal ins Board laden?"

300 Euro Gebühren pro Monat

Julius' Kommilitonin Dana Meron, 23, kann inzwischen sogar schneller tippen als mit der Hand schreiben. "In meinem Studienpraktikum in einer Marketing-Abteilung hatte ich Kollegen, die kaum Office-Anwendungen beherrschten", erzählt sie, "dabei muss das doch heute jeder können!"

Neben dem technischen Know-how, das ihr die OTA vermittelt, schätzt Dana das interdisziplinäre Lernen, die Nähe zu ihren Professoren und die kleinen Kurse - in ihrem Jahrgang studieren nur 25 Teilnehmer das Fach IKM. Vor der OTA hatte die Tochter israelischer Einwanderer ein Semester lang Volkswirtschaftslehre an der Uni in Frankfurt belegt. "Im Hörsaal saßen 600 Leute, vorn an der Tafel laberte ein Dozent, und alles war anonym", sagt sie, "so wollte ich nicht studieren."

Stattdessen fing Dana im Herbst 2003 lieber an der gebührenpflichtigen OTA an. 300 Euro sind jeden Monat fällig, und das ist bereits ein ermäßigter Satz, weil die Hochschule ihren zweiten Jahrgang noch subventionierte. Kommende Studenten müssen monatlich 700 Euro berappen und wie ihre Vorgänger zudem einen eigenen Laptop stellen - wohl auch aufgrund dieser Kosten bekam die OTA zum Studienbeginn im März dieses Jahres nicht genügend Interessenten zusammen. Der nächste Jahrgang beginnt nun erst wieder im Herbst.

"Ich kann die OTA besuchen, weil meine Eltern sie bezahlen. Insofern sind wir hier natürlich eine Elite", sagt Julius Hassemer ohne Dünkel. Sein Kommilitone Ümit Usta, Sohn türkischstämmiger Arbeiter aus Hessen, finanziert seine Ausbildung über einen Studentenkredit. Selbst für bedürftige Migrantenkinder, eine der ursprünglichen Zielgruppen, kann die Stiftung, die hinter der OTA steht, derzeit noch keine Stipendien stellen. "Die nötigen Mittel haben wir erst, wenn die Hochschule von den Studentengeldern getragen wird", sagt Gründer Tanyildiz.

Rita Süssmuth als Präsidentin

Dass die OTA dieses Ziel in naher Zukunft erreicht, steht nicht nur für ihn, sondern auch für Rita Süssmuth außer Frage - seit vergangenem September ist sie die neue Präsidentin der kleinen Privat-FH. "Wer sich das Studium nicht leisten kann, wird die Möglichkeit erhalten, sich um ein Stipendium zu bewerben", sagt die 69-jährige CDU-Politikerin, die mit ihrem neuen Amt "den engagierten deutschtürkischen Gründer der OTA unterstützen" möchte. Auch ihr geht es darum, die Chancen "von Migranten zu erhöhen, einen qualifizierten Abschluss zu erwerben".

Der umtriebige Hochschulgründer Tanyildiz, der sich nach der Übergabe des Präsidentenamtes an Rita Süssmuth aus dem Tagesgeschäft seiner OTA zurückgezogen hat, kümmert sich schon um die nächsten Projekte: Er plant eine zweite Einheit der Hochschule in Istanbul und möchte in Deutschland Migranten aus dem kaufmännischen Bereich mit Lehrgängen zur Fachoberschulreife führen. "Bildung ist die beste Hilfe für einen Menschen, weil die niemand wegnehmen kann", sagt er, "alles andere ist vergänglich."

Mit Elan versucht Tanyildiz, all das zu ändern, was ihn am deutschen Bildungssystem stört. Aus seiner Sicht fangen die Fehler bereits bei der Kinderbetreuung an. "Es ist ein Unding, dass in Deutschland Kindergartenplätze viel Geld kosten, während die Uni noch umsonst ist", sagt er. Nicht ausgeschlossen, dass Erman Tanyildiz eines Tages auch noch Kindergärten gründet - und zwar gebührenfreie.

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