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23.06.2006
 

Studenten in Weißrussland

Verhaftet, eingesperrt, exmatrikuliert

Von Antonia Götsch

Kein Vorwand ist Diktator Lukaschenkos Schergen zu fadenscheinig, um rebellierende Studenten zu unterdrücken. Von der Demo geht es schnell direkt in Weißrusslands Knast. Sergej und Antos wurden aus der Uni geworfen und machen trotzdem weiter Opposition - von Polen aus.

Der Wasserkocher steht auf dem abgewetzten Teppichboden, Teebeutel lagern auf dem Fensterbrett. Sergej und Antos hatten noch keine Zeit, ihr Zimmer im Studentenwohnheim am Stadtrand von Warschau richtig einzurichten. Doch die weiß-rote Fahne haben sie gleich am ersten Tag aufgehängt, direkt vors Fenster, damit sie jeder sieht. Seit Weißrusslands Präsident Alexander Lukaschenko die Flagge vor zwölf Jahren verbannt hat, ist sie Symbol der Opposition.

Sergej und Antos, beide 20 Jahre alt, waren Ende März bei den Protesten gegen die Wahlfälschungen Lukaschenkos auf dem Oktoberplatz in Minsk dabei. Sie wurden verhaftet, saßen 14 und 22 Tage im Gefängnis. Als sie nach Hause kamen, lagen die Briefe von ihren Minsker Universitäten schon im Postkasten. "Offiziell wurde ich exmatrikuliert, weil ich die Examina im Februar nicht bestanden habe", berichtet Sergej. Auch Antos hat einen solchen Schrieb erhalten. "Wir wurden zwar erst nach den Demonstrationen im März ausgeschlossen, aber die Uni hat den Brief einfach auf den 19. Februar zurück datiert: Examen nicht bestanden." Wiederholung der Prüfungen ausgeschlossen.

Etliche Länder haben der weißrussischen Opposition Studienplätze für die Exmatrikulierten versprochen, Polen sicherte sogar 300 Stipendien zu. Zehn Studenten sind bereits in Warschau eingetroffen. Sie sollen Polnisch lernen und im Oktober an der Uni anfangen. Weitere Details wollen die Mitglieder der Fakultät für weißrussische Sprache und Literatur, die die Betreuung der Studenten organisieren, vorerst nicht preisgeben. Sie befürchten Probleme bei der Ausreise weiterer Stipendiaten.

"Wir machen von Polen aus weiter"

Das 14 Quadratmeter kleine Zweibettzimmer im Wohnheim, möbliert mit braunen Pressspanbetten und abgewetzten Schreibtischen, ist für Antos und Sergej "fast schon Luxus". Immerhin gebe es hier ein eigenes Klo und keine Kakerlaken. "Wir sind ja auch nicht zum Vergnügen hier", betont Antos. Jeden Tag sitzt er mehrere Stunden im Internetcafé. Er trifft sich im Chat mit anderen Oppositionellen, schreibt Mails und checkt die einschlägigen Websites. "Wir machen von Polen aus weiter, helfen unseren Freunden bei der Organisation und vermitteln Kontakte", erklärt er. Antos zählt zu den führenden Köpfen der verbotenen Jugendorganisation Zubr. Sergej war in seiner Heimatstadt Baranowice in der "Jungen Front" aktiv, der Jugendorganisation der Milinkewitsch-Partei BNF.

Was genau sie "organisieren", wollen die 20-Jährigen nicht verraten. "Auch der Geheimdienst liest im Internet", sagt Sergej. Aber ein Beispiel gibt er dann doch - Flashmobs seien momentan eine große Sache in Minsk, spontane Menschenaufläufe, die den anderen zeigen sollen: Es gibt sie immer noch, die Gegner Lukaschenkos. "Wenn 30 Jugendliche eine der verbliebenen Oppositionszeitungen aus der Tasche holen und darin lesen, dann ist das ein Zeichen." Eine Provokation, die man von jedem Ort aus organisieren kann.

Die junge Opposition nutzt den virtuellen Raum. In allen größeren Städten gibt es Internetcafés, in denen hohe Stellwände die Benutzer vor neugierigen Blicken schützen. "Auch neue Mitglieder melden sich meist per Mail", berichtet Sergej. "Wir verabreden uns dann zu Treffen auf der Straße oder im Park unter einem bestimmten Baum."

Immerhin wurden sie nicht geprügelt

Die Frage, ob es auch an den Universitäten Möglichkeiten zu politischen Treffen gibt, entlockt Sergej ein Lachen und Antos einen konsternierten Blick: "Meinst du etwa offiziell?", fragt er. Offiziell gebe es nur Anhänger Lukaschenkos. Ein paar Mal hat Antos unter falschem Vorwand den Schlüssel für einen Seminarraum besorgt. Bald bemerkte der Dekan jedoch, dass sich hinter der "Arbeitsgruppe für nationale Malerei und Literatur" die Opposition verbarg, und untersagte alle weiteren Treffen. "Es gab früher Professoren, die uns unterstützt haben, aber viele sind entlassen worden", sagt Antos. Lukaschenko habe die Zügel angezogen. Jeder Aufkleber mit der rot-weißen Fahne werde sofort entfernt. Wer beim Plakatieren erwischt wird, werde suspendiert.

Sergej fiel durch sein Weißrussisch-Examen, nachdem er im ersten Semester die "Junge Front" erwähnte. "Das ist fast schon lustig - ich war der einzige, der diese Sprache jeden Tag gesprochen hat", erzählt er und erklärt: "Wenn jemand Belarussisch spricht, ist er eigentlich immer einer von uns, denn Lukaschenko hat ja Russisch verordnet." Sprache und Fahne sind für die Studenten elementare Symbole ihres Widerstands. Sie sind nationalistisch eingestellt, aber dieser Begriff steht in Weißrussland zunächst für den Wunsch nach einer unabhängigen Demokratie und eigenen Identität - ein Nationalismus, der Kommunisten, Sozialisten, Konservative und Liberale eint.

Vielleicht ist es ihr tief empfundene Glaube an das Recht auf ein eigenständiges Land, der die Studenten Repressionen mit fast stoischem Gleichmut ertragen lässt. Antos saß mit fünf anderen drei Wochen lang in einer Zehn-Quadratmeter-Zelle, ein Eimer diente als Toilette. "Aber man hat uns nicht geschlagen, und wir haben Essen bekommen." Daher könne er nicht klagen. "Ich hatte eh schon lange mit einer Verhaftung gerechnet." Auch Sergej will nicht über seine Ängste, sondern über die Freiheit reden: "Der Einzelne ist da nicht so wichtig. Wenn wir jetzt nicht kämpfen, wie sollen wir und unsere Kinder dann in unserer Heimat leben?"

Der KGB kam auch nach Hause

Ein Foto wollen sie trotzdem nicht im Internet veröffentlicht sehen, obwohl der Geheimdienst sie kennt und sie nun im sicheren Ausland sind. "Meine Familie hat genug durchgemacht", erklärt Sergej. Einmal die Woche sind dunkel gekleidete Herren vom Geheimdienst absichtlich auffällig im Büro seines Vaters erschienen, "damit jeder sieht, dass sein Sohn Probleme macht". Als Sergej weiter Flyer verteilte, kam der KGB nach Hause und durchsuchte die Wohnung. "Damit soll wenigstens jetzt, wo ich weg bin, Schluss sein." Seine Eltern lebten unauffällig angepasst, "sie kritisieren Lukaschenko nur am Küchentisch - wie so viele Menschen". Wer sich offen für die Opposition ausspricht, verliert schnell seinen Job.

Doch nicht nur die Angst vor Repressionen, sondern auch vor Armut sorgt dafür, dass die Mehrheit hinter dem Diktator steht. Lukaschenko versteht es, sich mit Hilfe russischer Alimente als Macher zu inszenieren. Der Stadtrand von Minsk ist mit Baustellen gesäumt - günstiger Wohnraum für die, die sich fügen. Mitglieder der regierungstreuen "Patriotischen Jugend" bekommen direkt nach dem Studium einen Job in der Verwaltung oder einem staatlichen Unternehmen.

Da fast alle Betriebe staatlich sind, hätten Sergej und Antos momentan auch mit Diplom in der Tasche kaum Chancen auf eine Arbeitsstelle. "Wenn wir in fünf Jahren fertig sind, ist Lukaschenko weg", sagt Antos. Sergej nickt. Sie sind sicher, dass sie den Kampf gewinnen werden. Warum? "Weil die Menschen am Ende doch die Freiheit am meisten lieben."

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