Es ist eine Massenveranstaltung: Fast zehn Millionen Chinesen nehmen diesen Monat an Aufnahmetests der Hochschulen teil. Und manchmal führt ihr Weg sie danach direkt zum Arzt. Allein in der Stadt Nanjing mussten sich nach Angaben der Zeitung "China Daily" zehn Studenten im Krankenhaus melden. Sie hatten bei den Prüfungen gemogelt und bekamen die Kopfhörer, die etwa so groß sind wie eine Knopfzelle, einfach nicht mehr aus dem Gehörgang gepult.
Andere trugen nach Benutzung der Hightech-Mogelausrüstung schwere Schäden wie Geschwüre oder Blutungen im Innenohr davon. Etliche Kopfhörer sind nach Berichten chinesischer Zeitungen von schlechter Qualität. Einem Bewerber an der Universität Huazhong perforierte der Kopfhörer während der Prüfung sogar das Trommelfell.
Offiziell dürfen Schüler und Studenten die "Knöpfe fürs Ohr", die sonst von Fernsehmoderatoren benutzt werden, gar nicht kaufen. Aber wenn die kniffligen Eingangstests an den Universitäten anstehen, blüht der Schwarzmarkt. 9,5 Millionen Chinesen haben sich dieses Jahr fürs Studium beworben, etwa 2,6 Millionen Studienplätze sind frei.
Bei diesem Ansturm ist das Schummeln verlockend. Die Kopfhörer kosten 800 Yuan (rund 80 Euro) - und die richtigen Antworten werden praktischerweise gleich mitgeliefert. Die Verkäufer schleusen bezahlte Schlauberger bei den Prüfungen ein. Sie geben richtige Antworten an den Verkäufer durch, der sie weiterfunkt, wie die "Shanghai Daily" berichtet. Andere Kopfhörer-Anbieter liefern die Antworten demnach schon Tage vor dem Examen, angeblich todsichere Tipps von bestechlichen Dozenten.
Die chinesische Regierung hat Anfang Juni angekündigt, Dozenten, die Prüfungsaufgaben verraten, künftig mit drei bis sieben Jahren Gefängnis zu bestrafen. Der Radiosender "CRI News" berichtete außerdem, dass drei Verkäufer verurteilt wurden, die gefälschte Lösungen angeboten hatten. Sie müssen für jeden Deal umgerechnet 100 Euro Strafe zahlen.
Der gute Ruf der Wissenschaften müsse gerettet werden, erklärte eine Sprecherin des Erziehungsministeriums die harten Sanktionen. Im vergangenen Jahr seien 1700 Studenten beim Schummeln erwischt und bestraft worden. Laut "Shanghai Daily" sind diesmal allein in der Provinz Hubei fast 2000 Uni-Bewerber beim Englischtest aufgeflogen; sie hätten Mobiltelefone, Minikopfhörer und Walkie-Talkies benutzt. 400.000 Jugendliche hatten an der Prüfung am Sonnabend teilgenommen.
Während sie über den Aufgaben grübelten, patrouillierten Aufseher zwischen den Tischreihen. Etliche Hochschulen schirmten ihr Gelände während der gesamten Prüfungsphase gegen Mobilfunksignale ab, andere setzen Kameras ein oder durchleuchteten die Taschen der Prüflinge am Eingang.
Findige Geschäftsleute haben jedoch bereits ein Angebot, wie die richtigen Antworten ganz ohne Technik aufs Papier kommen - und natürlich ohne Lernen. Für mehrere hundert Euro stellen sie einen Doppelgänger zur Verfügung, der mit 95-prozentiger Wahrscheinlichkeit das Examen besteht.
agö/reuters
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