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22.09.2006
 

Emeriti coachen Studenten

Lernen von den Alten

Akademischer Massenabfertigung setzt die TU München persönliche Betreuung ausgewählter Studenten entgegen. Sie bekommen in trauten Wohnzimmerrunden Tipps von Professoren im Ruhestand - und reichlich Anekdoten obendrein.

Massenunis wie die Technische Universität München (TUM) haben ein großes Problem, und das lautet: Anonymität. Was helfen modernste Einrichtungen, hochdekorierte und fähige Professoren und engagierte Studierende, wenn Lehrende und Lernende sich nur von hoffnungslos überfüllten Vorlesungen kennen und die persönliche Beziehung sich wegen Personal- und Zeitmangel meist auf kurze Referats- oder Klausurnachbesprechungen in der Sprechstunde beschränkt?

TU München: Hilfestellung durch Emeriti
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AP

TU München: Hilfestellung durch Emeriti

"Meine Vision ist, dass irgendwann jeder Studierende einen persönlichen Mentor an der Hochschule hat", sagt Paul Gerhardt. Einen Betreuer, an den sich Studierende mit persönlichen und fachlichen Anliegen wenden können, der aus dem Nähkästchen plaudern, Ratschläge geben und auch mal bei der Jobvermittlung helfen kann.

Angesichts von mehr als 20.000 Studierenden an der TU München eine schwer zu erreichende Wunschvorstellung, zumal nach Angaben des TU-Präsidenten Wolfgang Herrmann diese Zahl in den kommenden Jahren auf bis zu 28.000 steigen soll.

Plausch bei alkoholfreiem Bier

Aber ein Anfang ist gemacht: Seit dem Sommersemster 2005 gibt es an seiner Hochschule ein Förderprogramm für hochbegabte Studierende. Das Konzept ist denkbar einfach: Die teilnehmenden Studierenden aller Fachrichtungen werden in Kleingruppen geteilt und bekommen einen emeritierten Professor als persönlichen Mentor zur Seite gestellt. Zusätzlich werden persönlichkeitsbildende Seminare und Podiumsdiskussionen für alle Geförderten angeboten.

"Erfahrene Wege in die Forschung" haben die Münchner das von der Robert-Bosch-Stiftung geförderte Programm genannt, betreut und koordiniert wird es von dem im April 2000 emeritierten Professor für diagnostische Radiologie Gerhardt und der Diplom-Geographin Erika Schropp. Insgesamt 140 Studierende werden derzeit von 21 Mentoren betreut. Auf eine teilweise sehr persönliche Art.

Der 73-jährige Gerhardt etwa, der eigentlich im Chiemgau lebt, lädt die fünf Medizinstudenten seiner Gruppe zweimal pro Semester zu sich nach Hause in seine Münchner Stadtwohnung ein. Bei alkoholfreiem Bier, Wasser und Knabberzeug lässt sich Gerhardt von seiner Gruppe erzählen, was sie während des Semesters erlebt, welche Erwartungen sie an ihr Studium haben, ob Probleme aufgetreten sind, und natürlich beantwortet er ihnen Fragen aller Art. "Die Studierenden sollen wissen, dass sie jederzeit zu mir kommen können", sagt Gerhardt.

Die Lehre menschlicher machen

Es gehe darum, Distanzen zu verringern und die Lehre menschlicher zu machen. An diesem Abend allerdings will das Gespräch nicht richtig in Gang kommen: Zwar schaffen in Gerhardts Wohnzimmer keine Stehpulte oder Schreibtische eine natürliche Distanz - die Gruppe sitzt mit ihrem Mentor recht zwanglos um seinen niedrigen Wohnzimmertisch herum. Trotzdem redet vor allem Gerhardt. Bei den vier anwesenden Studierenden überwiegt der Respekt vor dem Professor. Gerhardt stellt die Fragen, die Studierenden antworten.

"Wir tasten uns noch heran", erläutert der emeritierte Professor später am Abend. Erst beim anschließenden gemeinsamen Essen, zu dem Gerhardt seine Gruppe in ein benachbartes Lokal im Stadtteil Lehel einlädt, lockert sich die Stimmung auf. Der Professor erzählt von seiner eigenen Studienzeit, die "jungen Menschen", wie der Professor sie nennt, hören angeregt zu und erzählen von ihrem Alltag an der TU. Gerhardt, der eine fast schon indianische Art hat zu erzählen - viele Nebenstränge verweben sich erst spät zu einer zusammenhängenden großen Geschichte - nimmt es dankbar auf.

Es wird klar, wieso er sich so für dieses Programm einsetzt: "Nicht nur der Forschungsstand hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert, auch die Umgangsformen und Bedürfnisse sind andere", sagt er. Zu seiner Studienzeit habe man sich untereinander gesiezt, dennoch sei man weniger Einzelkämpfer gewesen. Geprüft wurde man in Gruppen, die heute für Medizinstudenten an der TU München üblichen Multiple-Choice-Tests gab es noch nicht.

Das Verhältnis zu den Lehrenden sei auch ganz anders gewesen, sagt Gerhardt. "Wenn mir meine Studierenden erzählen, wo die Probleme an unserer Universität liegen, kann ich zu den betreffenden Stellen gehen und das ansprechen." Sozusagen eine Gesamtevaluation im kleinen Kreis. Der Hauptvorteil daran: Dem erfahrenen Professor hören die Kollegen zu. "Hier bekommt der akademische Generationsvertrag eine neue Dimension", sagt TU-Präsident Herrmann.

Für das Wichtigste am Programm hält Gerhardt den persönlichen Kontakt zwischen Betreuern und Teilnehmern: "Wenn ich jemanden kenne, kann ich ihm natürlich viel bessere Ratschläge geben als die Kollegen von der allgemeinen Studienberatung." Er kann Themen für Doktorarbeiten oder Doktorväter vorschlagen und bei Bewerbungen helfen - auch mit seinen persönlichen Kontakten.

Kontakt zu Führungspersönlichkeiten

Neben dieser Betreuung bietet die TU für die Teilnehmer des Emeriti-Förderprogramms pro Semester zwei sogenannte persönlichkeitsbildende Seminare an - im Sommersemester hielten beispielsweise der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, HansJörg Bullinger, und Gerhard Teufel, der Generalsekretär der Studienstiftung des Deutschen Volkes, Vorträge. Für das Wintersemester sind ein Besuch des Luft- und Raumfahrtunternehmens EADS und ein Vortrag des ehemaligen bayerischen Verkehrsministers und heutigen Bahn-Vorstandes Otto Wiesheu geplant.

"Die Studierenden können hier erste Kontakte zu Führungspersönlichkeiten aus der Wirtschaft und Forschung knüpfen und schon mal einen Blick aus der Hochschule hinaus werfen", sagt Gerhardt. Diese Seminare und Vorträge kommen an bei den Studierenden: "Das ist mal was anderes", sagt der 25-jährige Thomas Baum, einer der Studierenden der Gerhardt-Gruppe. Das Treffen mit dem persönlichen Mentor sei zwar sinnvoll, aber "gelernt habe ich mehr während der Seminare in der großen Gruppe".

Thomas Baum und die anderen Teilnehmer des Emeriti-Programms wurden von der Universität alle persönlich gefragt, ob sie teilnehmen wollen. Die Hälfte der Teilnehmer sind wegen eines hervorragenden Abiturs und anschließender bestandener Sonderprüfung im Rahmen des ehemaligen Bayerischen Hochbegabten- und jetzigen Bayerischen Elteförderungsgesetzes in das Programm aufgenommen worden. Die anderen wurde nach dem zweiten Studiensemester von den jeweiligen Fakultäten vorgeschlagen. "Die meisten haben das Angebot dankbar angenommen", so Gerhardt. Genügend Emeriti zu finden, sei auch kein Problem gewesen. Diese arbeiten ehrenamtlich und auch die Studierenden erhalten von der TU kein Stipendium. Dafür halten sich ihre Verpflichtungen in Grenzen: Die Teilnehmer müssen lediglich Berichte über ihren Studienverlauf abgeben und ihre Erfahrungen mit dem Programm aufschreiben.

Doch Gerhardt denkt schon weiter: "Es wäre schön, wenn die Teilnehmer später einmal als Tutoren oder bei unseren Alumni-Programmen mitarbeiten könnten." Vielleicht wird seine Vision eines Mentors für jeden einzelnen Studierenden an der TU München ja doch noch Wirklichkeit.

Von Filippo Cataldo, duzMAGAZIN

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