Von Julia Jaki und Deniz Yüksel
Die begehrtesten Exemplare der Van-Katzen haben weißes Fell, ein grünes und ein blaues Auge. Über die Landesgrenzen hinaus ist die osttürkische Stadt Van für diese außergewöhnlichen Tiere bekannt. Die hiesige Hochschule hat eigens ein Zuchtzentrum für sie eingerichtet. Vielen Türken kommt beim Stichwort Van jedoch noch ein anderer Gedanke: Der Ort gilt als Hochburg religiös-konservativer Gruppen, die Universität als Hort von Islamisten.
Gerade macht Van seinem Ruf wieder alle Ehre. In den vergangenen Monaten hat ein zweifelhaftes Verfahren gegen den Rektor der Yüzüncü-Yil-Universität, Yücel Askin, Aufsehen ausgelöst - und Protest von Journalisten, Oppositionspolitikern und dem Hochschulrat. Askin saß wegen haltloser Vorwürfe sechs Monate lang in Untersuchungshaft.
Nur während etwa der Prozess gegen den Schriftsteller Orhan Pamuk im Westen auf breites Medieninteresse stieß, fand das Verfahren gegen Askin, das im vergangenen Herbst begann, so gut wie keine Beachtung. Pamuk hatte den Völkermord an den Armeniern kritisiert, was ihm den Vorwurf der "Verunglimpfung des Türkentums" einbrachte. Askins Fall ist angesichts der EU-Beitrittsambitionen der Türkei nicht weniger bedenklich - wenn es auch um andere Themen geht.
Bei Yücel Askin handelt es keineswegs um einen Islamisten, im Gegenteil. Der Agrarwissenschaftler und bekennende Kemalist wurde 1999 vom türkischen Hochschulrat YÖK - einem strengen Hüter des kemalistisch-laizistischen Erbes - eigens nach Van beordert, um den Einfluss islamistischer Gruppen zurückzudrängen und die Universität zu modernisieren. Ein Auftrag, den Askin rasch in die Tat umsetzte: Gegen Dozenten, die das Kopftuchverbot kritisierten, wurden Disziplinarverfahren eingeleitet, einige verloren ihren Job. Dass sich Askin damit bei den einflussreichen konservativen Gruppen in Van Feinde machte, liegt auf der Hand.
Bis zum Jahr 5191 in Haft?
In der Anklage wurden Askin dann unter anderem Korruption, Urkundenfälschung, Diskriminierung, Amtsmissbrauch und die Karteiisierung von Mitarbeitern vorgeworfen. Vergehen, die bei einer Verurteilung eine Haftstrafe von 3185 Jahren zur Folge hätten, rechnete die türkische Tageszeitung "Hürriyet" vor. Die Anklagepunkte waren nur allesamt nicht haltbar - und wurden fallen gelassen. Ein Zeuge, der gegen Askin aussagte, musste wegen Befangenheit zurückgezogen werden, weil er kurz zuvor von ihm aus dem Hochschuldienst entlassen worden war.
Die wenig stichhaltigen Anklagepunkte, die von der Staatsanwaltschaft gegen Askin vorgebracht wurden, sprechen für die Vermutung türkischer Kommentatoren, dass es sich um eine Racheaktion religiös-konservativer Kreise an dem aufgeklärten Direktor handelte. Die Konflikte, die Askin an der Hochschule in Van ausficht, sind in der Türkei keine Einzelfälle. "Auch an anderen Universitäten gibt es Probleme zwischen dem akademischen Nachwuchs der konservativen anatolischen Mittelschicht und Rektoren der kemalistischen Bildungselite", sagt Günter Seufert, ehemaliger Leiter des Orient-Instituts in Istanbul.
Bei der Verhandlung gegen Askin demonstrierten vor dem Gerichtsgebäude in Van islamistische Gruppen - während zeitgleich 75 Rektoren des Hochschulrats aus der ganzen Türkei nach Van geflogen kamen, um sich mit Askin zu solidarisieren und gegen die Parteilichkeit des Gerichts zu demonstrieren.
Zwar ist Askin mittlerweile wieder frei. Dass er trotz der fadenscheinigen Anklagepunkte aber sechs Monate in Untersuchungshaft saß, löste empörte Kommentare von Oppositionspolitikern und liberalen Journalisten aus. So schrieb der "Hürriyet"-Kolumnist Emin Cölasan, die regierende AKP und die islamische Presse würden Askin als starken Universitätspräsidenten fürchten. Seine Verhaftung sei eine "politische Entscheidung" gewesen. Faruk Sen, Leiter des Zentrums für Türkeisstudien in Essen, zieht einen ähnlichen Schluss: "Den islamistischen Kräften war Askin ein Dorn im Auge. Deshalb wollten sie ihn erledigen."
Regierung will säkulare Hochschullehrer ruhigstellen
Dass der laizistische Hochschulrat und die konservative Regierung der Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei AKP unter Ministerpräsident Erdogan aufeinanderprallen, ist nicht selten. Schon kurz nach Erdogans Amtsübernahme im November 2002 kam es zu einer heftigen Debatte über die Reform des Hochschulwesens: Eine Reform sollte die Rechte des Hochschulrats beschneiden und Absolventen von berufsbildenden Gymnasien leichteren Zugang zu Universitäten ermöglichen. Letzteres hätte auch Abgänger der staatlichen Prediger- und Vorbeterschulen eingeschlossen, der so genannten "Imam Hatip Liseleri".
Diese Pläne riefen insbesondere bei der Militärführung entschiedenen Protest hervor - vermutet sie doch hinter Erdogan einen Wolf im Schafspelz, der parallel zu demokratischen Reformen die Islamisierung der Gesellschaft vorantreiben will. Das vorrangige Ziel eines EU-Beitritts vor Augen, zeigte sich der Ministerpräsident damals noch kompromissbereit.
Durch die Äußerungen von AKP-Vertretern zum Fall Askin sehen sich Erdogans Kritiker nun in ihrer Sicht bestätigt. Anstatt die Verhaftung zu verurteilen, nannte etwa Ramazan Toprak, AKP-Abgeordneter von Aksaray, Askin einen Armenier, der es auf Van abgesehen habe. Schließlich liege die Stadt am Ararat, dem heiligen Berg der Armenier. Auch Erdogan selbst äußerte seinen Missmut über die in Van protestierenden Rektoren: Für die Türkei, kritisierte der Ministerpräsident, wäre es weitaus nützlicher, wenn sich jeder um seine eigenen Angelegenheiten kümmerte.
Die Reaktion der EU auf die Ereignisse in Van war erstaunlich verhalten. Martin Dawson, Vertreter der EU-Delegation in der Türkei, versichert aber , dass der Prozess genau verfolgt wurde: "Wir werden den Fall Askin außerdem in unserem regulären Bericht dokumentieren, der im Oktober veröffentlicht wird."
Die Mitarbeiter der Universität Van dürfen sich zu der Angelegenheit nicht äußern - das Verfahren ist immer noch nicht abgeschlossen. Soviel war aus Uni-Kreisen jedoch zu erfahren: Wegen der Zweifel am Prozess soll in diesem Jahr noch eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte eingereicht werden. Zwar ist die Türkei noch kein EU-Mitglied - wohl aber Mitglied des Europarates, dem der Gerichtshof untersteht
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