• Drucken
  • Senden
  • Feedback
20.09.2006
 

Auslandsstudium

Europas unwissende Stubenhocker

Von Bärbel Schwertfeger

Vor allem mit einem Argument trommeln die Fans von Bachelor und Master für die neuen Abschlüsse: Der Weg ins Ausland wird leichter, die Studiensysteme gleichen sich an. Mehr Auslands-Appetit zeigen Studenten aber nicht, wie eine europaweite Umfrage belegt.

Das neue Studiensystem verspricht mehr Flexibilität, Mobilität und einen schnellen Einstieg ins Berufsleben. Doch das beeindruckt viele europäische Studenten offenbar kaum: Über die Hälfte weiß nur wenig über die Bologna-Reformen, die die Abschlüsse international vereinheitlichen. Ein Studium im Ausland ist für jeden zweiten kein Thema.

Absolventen (International University Bremen): Appetit auf Ausland bislang gezügelt
Zur Großansicht
AP

Absolventen (International University Bremen): Appetit auf Ausland bislang gezügelt

Das ergab eine Umfrage unter 11.000 Studenten in 30 europäischen Ländern. Initiiert wurde sie vom Trendence-Institut und von der European Foundation für Management Development (EFMD) in Brüssel, der mit über 500 Mitgliedern größten europäischen Vereinigung von Business Schools, Universitäten und Unternehmen.

Seitdem sich vor sieben Jahren 40 Länder in der Bologna-Erklärung verpflichtet haben, bis 2010 ihre Studiensysteme zu vereinheitlichen und auf das zweistufige Modell mit dem Bachelor- und Masterabschluss umzustellen, steht die Europas Hochschullandschaft vor einem gravierenden Umbruch.

Umstellung ist in vollem Gang

Der einheitliche Hochschulraum, so der Traum der Bildungsreformer, soll es Studenten ermöglichen, ebenso einfach in Uppsala studieren zu können wie in Salamanca - ohne dafür ihre Studienzeit unnötig verlängern zu müssen. Als gemeinsame Währung für geleistete Studierarbeit dient das European Credit Transfer System (ECTS). Doch an vielen Universitäten werden die Akademischen Auslandsämter ihre Plätze nur schleppend los, trotz Bachelor und Master.

In 33 Ländern wurde das zweistufige System bereits umgesetzt. Der Grad der Umsetzung unterscheide sich jedoch erheblich, und es gebe eine große Kluft zwischen den Entscheidungen auf europäischer Ebene und der nationalen Praxis, heißt es in der Studie. Zudem seien oft nur bereits bestehende Studiengänge umbenannt worden. Die größte Unsicherheit für die Studenten sei jedoch die Akzeptanz auf dem Arbeitsmarkt. Sowohl private als auch öffentliche Arbeitgeber hätten häufig nur geringe Kenntnisse von den neuen Strukturen.

Bei den betroffenen Studenten ist der Wissenstand über die neuen Abschlüsse dürftig, und das, obwohl sich über die Hälfte der Befragten bereits in einem Bachelor- und knapp ein Viertel in einem Masterstudiengang befindet. Nur ein Viertel studiert dagegen noch im alten Studiensystem.

Nach dem Bachelor-Abschluss will jeder zweite sofort ein Masterstudium beginnen, am liebsten im Heimatland. Jeder dritte kann sich vorstellen, das Land zu wechseln, jeder zehnte die Hochschule und jeder elfte das Studienfach. Nur ein Viertel der Befragten plant das, was das System der gestuften Abschlüsse eigentlich vorsieht: Berufserfahrungen sammeln und später ein Master-Studium dranhängen.

Heimatfreunde fürchten Papierkram

Dabei nimmt eigentlich das Interesse an einem Auslandsaufenthalt besonders bei deutschen Studenten seit Jahren stetig zu, wie neue Zahlen des Statistischen Bundesamtes belegen: Im Jahr 2004 waren schon knapp 70.000 Studenten an Hochschulen im Ausland eingeschrieben, gegenüber 40.000 Studenten zehn Jahre zuvor. Doch mächtige neue Impulse bringen die neuen gestuften Abschlüsse wohl noch nicht - so lässt sich jedenfalls die EFMD-Umfrage in 30 europäischen Ländern deuten. Die größten Herausforderungen sehen die Befragten in der Bewältigung des bürokratischen Papierkrams, gefolgt von der Finanzierung.

Grafik: Beliebte Zielländer
Zur Großansicht
Deutscher Instituts-Verlag

Grafik: Beliebte Zielländer

Die erwünschte Mobilität über Ländergrenzen hinweg ist bisher noch nicht besonders stark ausgeprägt. Derzeit studieren 82,5 Prozent der Befragten in ihrem Heimatland. Für die Hälfte derjenigen, die noch nicht im Ausland studiert haben, ist dies auch künftig keine Option. Lediglich ein Viertel hat bereits im Ausland eine Hochschule besucht. Ebenfalls ein Viertel würde das gern in Zukunft tun. Dass es Stipendien für Auslandsaufenthalte gibt, ist nur einer Minderheit der Studenten bekannt.

Die attraktivsten Ländern für Europas Studenten sind England, Spanien, Frankreich und an vierter Stelle Deutschland. Das Schlusslicht bildet Österreich auf dem zehnten Platz. Wer ins Ausland will, möchte bei weitem am liebsten (39 Prozent) in Westeuropa studieren. Ein Viertel zieht es in die USA und immerhin elf Prozent nach Australien und Neuseeland.

Wichtigste Gründe für die Wahl des Landes sind die Sprache, gefolgt von der kulturellen Attraktivität und dem Ansehen des dortigen Bildungssystems. Bei der Wahl der ausländischen Hochschule spielt das Renommee die wichtigste Rolle. Dennoch interessiert sich über die Hälfte der Studenten nicht für Hochschulrankings.

EMFD-Direktor Eric Cornuel sieht aufgrund der Studienergebnisse noch erheblichen Handlungsbedarf: "Es muss noch deutlich mehr getan werden, um den Wissenstand der Studenten erhöhen. Schließlich sind sie diejenigen, die von den Reformen profitieren."

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Studium
alles zum Thema Auslandsstudium - aus aller Welt

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP