• Drucken
  • Senden
  • Feedback
27.11.2006
 

Holocaust-Studium

Mit Talar und Kippa

Von Jan Friedmann

Das private Touro College in Berlin ist Deutschlands einzige jüdisch-amerikanische Hochschule. Bald will sie Experten zur Vermittlung von Wissen über den Holocaust ausbilden. Jüdische Studenten können die Bilder und Quellen in den Kursen oft nur schwer ertragen.

Was unterscheidet ein jüdisches College von einer anderen Hochschule? Gründungsdirektorin Sara Nachama zeigt zunächst auf den Eingang ihres Büros: "Vielleicht das da." Am Türrahmen hängt wie an vielen Plätzen im Haus die Mesusa, die traditionelle Schriftkapsel der Juden. In einem Holzröhrchen steckt eine Pergamentrolle mit Zitaten aus dem Buch Mose.

Dann erzählt die Direktorin weiter: Ungefähr jeder zweite Student sei jüdisch, es gebe aber keine fixe Quote. Zum Lehrplan zählen Kurse in jüdischer Philosophie und Geschichte, die von allen Studenten besucht werden. Besonders stolz sei sie, dass auch Muslime dabei sind, etwa Diplomatenkinder aus arabischen Ländern, und dass sich hier Kippa und Kopftuch gut vertragen.


Nachama leitet das Touro College Berlin, die erste und einzige jüdisch-amerikanische Privathochschule in Deutschland. Im Jahr 2003 gegründet, studieren rund 100 Studenten aus mehreren Nationen auf dem idyllischen Campus im Stadtteil Charlottenburg. Das College ist die Filiale eines gemeinnützigen amerikanischen Hochschulverbunds, benannt nach Isaac Touro, einem Rabbiner aus der Gründerzeit Amerikas, und dessen Sohn Judah. Unterrichtssprache ist Englisch.

Derzeit wird in der deutschen Dependance nur ein einziges Fach angeboten: "Business, Management and Administration". Im Juli verabschiedete das College die 13 ersten Absolventen - nach amerikanischem Vorbild in Talar und mit Doktorhut - mit einer Feier im Roten Rathaus.

Doch bald soll ein zweiter Studiengang hinzukommen, der eine ganz andere Zielgruppe anspricht als künftige Geschäftsleute: "Holocaust Communication and Tolerance" heißt der auf zwei Jahre angelegte Master-Kurs, den Touro zum Wintersemester 2007 starten will. Der Holocaust-Studiengang sei "das erste Studienprogramm seiner Art in Deutschland", so die Initiatoren.

Den Holocaust auf "neue und zeitgemäße Art" vermitteln

"Viele wichtige Institutionen in den USA und in anderen Ländern haben Holocaust-Zentren", erläutert Bernard Lander, Gründer und Präsident des Touro-Verbunds, das Vorhaben. "Bis jetzt gibt es so etwas aber noch nicht in Deutschland. Das ist verwunderlich, wenn wir bedenken, dass Berlin der Ort war, von dem der Holocaust ausging."

Die Studenten des Faches sollen, so hoffen die Touro-Betreiber, den Holocaust auf eine "neue und zeitgemäße" Art vermitteln lernen, die "die oft als verordnet empfundene aktuelle Trauer- und Erinnerungsarbeit ersetzt".

Das ehrgeizige Vorhaben steckt derzeit allerdings in den Anfängen. Im September eröffnete Berlins Wissenschaftssenator Thomas Flierl (Linkspartei) die Bibliothek des Studiengangs, die noch große Lücken aufweist: In den Regalen verlieren sich 800, zumeist ältere Geschichtsbücher aus einem Nachlass - angesichts von über 20.000 erschienenen Publikationen allein zum Holocaust ein eher bescheidener Fundus.

Der Lehrplan ist dagegen weitgehend ausformuliert: Auf dem Programm stehen Module in Zeitgeschichte und Pädagogik, das Bild vom Holocaust in Filmen wie "Schindlers Liste" und "Das Leben ist schön", dazu Besuche zentraler Schauplätze wie das Haus der Wannsee-Konferenz oder verschiedene Konzentrationslager.

Touro hat die staatliche Zulassung des Studiengangs beim Berliner Senat beantragt, gemeinsam mit dem Business-Programm, das derzeit nur in den USA akkreditiert ist. "Wir haben noch keine staatliche Anerkennung ausgesprochen", betont Brigitte Reich, Referentin in der Wissenschaftsbehörde: Es gebe noch ungeklärte Punkte, unter anderem eine bislang fehlende Rechtsniederlassung von Touro in Deutschland und eine gesicherte Finanzierung.

Man muss Touro dabei zugutehalten, dass das College, anders als viele private Hochschulen, keine Staatsgelder bezieht und den Business-Studienstart ohne Anschubfinanzierung schaffte. Sollte der Senat grünes Licht geben, wäre die Anerkennung vorläufig; anschließend müsste der Wissenschaftsrat die Qualität des Studienangebots prüfen. Parallel dazu plant Touro bereits das nächste Projekt: In Marzahn, am anderen Ende Berlins, soll in Zusammenarbeit mit bestehenden Kliniken eine private Medizin-Universität gegründet werden - ein noch anspruchsvolleres Vorhaben, denn kein anderer Studiengang ist für die Hochschulen mit so harten Mindestanforderungen belegt wie die Medizinerausbildung.

So bleiben derzeit einige Fragen, die sich Touro-Interessenten stellen müssen: Bin ich bereit, einen Abschluss zu erwerben, der in Deutschland noch nicht anerkannt ist? Ziehe ich das verschulte College-Prinzip der akademischen Freiheit einer staatlichen Universität vor? Und: Bin ich bereit, für meine Ausbildung relativ tief in die Tasche zu greifen?

"College heißt betreutes Lernen"

3000 Euro Studiengebühren pro Semester kostet der Touro-Wirtschaftsstudiengang, der Holocaust-Kurs soll einen ähnlichen Preis haben. Das sei für sie eine Menge Geld, erzählt die Business-Studentin Renée Bochat, 24. Trotz Unterstützung durch ihre Eltern müsse sie regelmäßig jobben, als Fitnesstrainerin und als Messe-Hostess.

Die Gebühren sorgen jedoch für "studentische Nachfragemacht", meint Wirtschaftsprofessor Michael Krüger, der Mathematik für Ökonomen lehrt. "Wer bezahlt, fordert auch" - zum Beispiel, dass ein Professor wie am Touro College üblich innerhalb von 72 Stunden auf eine E-Mail antwortet. In Krügers Vorlesung sitzen gerade einmal 18 Studenten; wären es mehr als 30, würde der Kurs geteilt.

"College heißt betreutes Lernen", sagt der Wirtschaftsprofessor. "Das hat den Vorteil, dass die Studenten ihre Zeit nicht verplempern."

So erinnert hier vieles eher an ein amerikanisches Provinz-College als an eine deutsche Massenuniversität. In der Mittagspause steigen die Studenten in ihre vor der Tür geparkten Autos, um sich bei McDonald's mit Fast Food einzudecken. Im Villenviertel an der Havel gibt es zwar keine überfüllten Hörsäle, aber dafür leider auch keine Mensa.

Das stattliche Anwesen, in dem das College untergebracht ist, spiegelt hingegen deutsch-jüdische Geschichte wider: Während der Weimarer Republik für eine wohlhabende jüdische Familie gebaut, mussten die Besitzer ihr Heim weit unter Wert verkaufen, als die Schikanen der Nazis sie ins Ausland trieben. Der NS-Reichsminister für die kirchlichen Angelegenheiten nahm die Villa in Beschlag. Nach dem Krieg brachten die Briten dort deutschen Pädagogen bei, wie Demokratie funktioniert. Das Haus ging schließlich an den Berliner Senat, der es im Jahr 2003 dem Touro College gegen Übernahme der Betriebskosten zur Nutzung überließ.

Die Bundesregierung begrüßte die "Wiederbelebung jüdisch-wissenschaftlichen Lebens an historischer Stätte". Kurse in Jüdischer Geschichte, darunter auch ein Holocaust-Modul, sind in den bereits bestehenden Wirtschaftsstudiengang integriert. Vorbild ist das amerikanische Konzept der "liberal arts", wonach zu einem Fachstudium immer Allgemeinbildung gehört. In dieser Tradition setzt sich Touro zum Ziel, seinen Studenten "Führungsqualitäten bei gleichzeitiger Verankerung ethischer Grundwerte" beizubringen. Dazu gehöre auch die "Wertschätzung der jüdischen Tradition und des jüdischen Ethos'".

"Manche Bilder kann ich nur schwer ertragen"

"Der jüdische Hintergrund war für mich ein Bonus", sagt Shirly Wolff, 24, die im fünften Semester am Touro College studiert. Sie wechselte nach drei Jahren Jura an der FU Berlin, weil ihr die Großveranstaltungen nicht mehr gefielen. Die Touro-Kurse hätten sie erst dazu gebracht, die Großeltern nach ihrem Schicksal im "Dritten Reich" zu befragen, sagt Wolff, die aus einer jüdischen Familie stammt. Die Großmutter überlebte als Einzige von neun Geschwistern. "Meine Großeltern haben nie darüber gesprochen." Die Holocaust-Unterweisung findet sie manchmal quälend: "Ich sehe das mit den Augen meiner Familie. Manche Bilder und Quellen kann ich nur schwer ertragen."

Michael Schminke, 35, geriet nach eigenen Worten eher zufällig an das Touro College. Er hatte nach einer Privathochschule Ausschau gehalten, die ihren Absolventen einen guten Marktwert verschafft und den Start in die Business-Welt erleichtert. Der aus Ostdeutschland stammende Schminke war vor seinem Studium als Offizier der Bundeswehr unter anderem im Kosovo und führte eine Kompanie mit 120 Mann. Er habe keine religiöse Erziehung genossen, interessiere sich aber für jüdische Kultur und Geschichte: "Man muss kein Jude sein, um zu verstehen, was man hier gelehrt bekommt."

Von den künftigen Holocaust-Spezialisten wünscht der Dekan des Studiengangs, Andreas Nachama, dass sie einem breiten Publikum die Dimensionen der Vernichtung zugänglich machen. "Es gibt 60 Jahre nach dem Holocaust ein messbar gestiegenes öffentliches Interesse an der Geschichte des Dritten Reiches", betont der Rabbiner, der mit der Gründungsdirektorin verheiratet ist und der von 1997 bis 2001 an der Spitze der Jüdischen Gemeinde in Berlin stand. Der wachsenden Nachfrage werde nur selten professionell begegnet: "Zwei Drittel der Ausstellungen verstoßen gegen die Grundprinzipien von guter Lesbarkeit und Benutzerführung."

Wer den Holocaust-Studiengang absolviert, so hofft Nachama, könne nicht nur wissenschaftliche Aufsätze verfassen, sondern auch eine verständliche Texttafel für ein Museum. Arbeitsplätze gebe es in Museen und Gedenkstätten, in den Medien und in der Verwaltung, und zwar in ausreichender Zahl für die Studenten des Nischenfachs - ein bis zwei Dutzend sollen es zunächst sein.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
alles aus der Rubrik Studium

© UniSPIEGEL 5/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Social Networks

Entdecken Sie außerdem UniSPIEGEL auf...






TOP



TOP