Von Beate Lakotta
Die wenigsten haben mit ihren Eltern so viel Glück wie Rupert. Als der, gut eingestellt mit Medikamenten, zur Prüfung antrat, fürchtete er bloß Fragen oder blöde Sprüche von Mitstudenten oder Dozenten. Aber dann wollte nur ein einziger Kommilitone wissen, wo er so lange gewesen sei. Rupert wimmelte ihn mit einer Ausrede ab.
Jetzt sitzt er an seiner Doktorarbeit über neuartige Versiegelungsmaterialien. Er hat niemandem erzählt, was mit ihm los war. Er will nicht mit Samthandschuhen angefasst werden. Aber mehr Verständnis und Aufklärung, auch bei den Professoren, wäre nicht schlecht, damit nicht so oft passiert, was eine andere Studentin gerade erlebte: Sie überwand sich, ihrem Anatomieprofessor von ihrer Depression zu erzählen, und bat ihn, die geforderte Leistung über zwei Semester hinweg erbringen zu dürfen. "Wenn Sie das nicht in der vorgegebenen Zeit schaffen", antwortete der Professor kühl, "haben Sie es nicht verdient zu studieren."
"Psychisch kranke Studierende", behauptete die Behindertenbeauftragte einer Fachhochschule, als Cornelia Jurack zur Gründung der Selbsthilfegruppe eine interne Umfrage durchführte, "die haben wir hier nicht." Die damalige Sozialarbeiterin des Leipziger Studentenwerks, eingeladen zur Gründungsveranstaltung, kam erst gar nicht.
Anne Pauly in Köln baut gerade an einer Internet-Seite mit entsprechenden Hilfsangeboten, "aber es gibt kaum etwas, das wir draufsetzen können." Jella hatte Glück. Sie studiert in Hamburg. Dort gibt es Hopes schon länger, nicht als Selbsthilfegruppe, sondern als gemeinsame Initiative von Universität, Universitätsklinik und Studienberatung, betreut von Psychologen und Psychotherapeuten. Die Rückendeckung durch die Gruppe hat Jella geholfen, wieder Mut für ihr Studium zu fassen und die bürokratischen Hürden zu nehmen, die im Weg liegen, wenn man nach langer Studienunterbrechung und im gefühlten 150. Semester Erziehungswissenschaften trotzdem noch einen Abschluss machen will.
Kaum einer weiß, dass die Universität nach dem Hochschulrahmengesetz verpflichtet ist, psychisch kranken Studierenden Chancengleichheit gegenüber den Gesunden einzuräumen. Im Amtsdeutsch heißt das: "Nachteilsausgleich" - zum Beispiel durch verlängerte Prüfungsfristen oder durch Einzel- statt Gruppenprüfungen. Wer wegen seiner Krankheit längere Fehlzeiten hat, kann von Gebühren für Langzeitstudierende befreit werden oder länger Bafög bekommen.
"Mit mehr Zeit und Unterstützung", sagt die Psychotherapeutin Maren Doose, die, gemeinsam mit der Behindertenbeauftragten der Hamburger Uni, auch Jella durch dieses Dickicht lotste, "schaffen viele ihr Studium, manchmal sogar sehr gut." Wenn jemand sein Studium am Ende doch abbricht, kann er sich mit der Psychologin und einem Experten vom Arbeitsamt zusammensetzen, um zu erörtern, wie es weitergeht.
Auch Jaffa-Kekse halfen nicht gegen das Hirnrasen
Jella geht heute davon aus, dass sie ihr Examen schaffen wird. Damals hatte erst der Druck der Abschlussprüfungen an den Tag gebracht, woher ihre Antriebslosigkeit rührte, wegen der sie sich schon lange Vorwürfe gemacht hatte. Bei ihrer Diplomarbeit war sie gar nicht mehr vorwärtsgekommen - eine schreckliche Mischung aus völliger Lähmung und innerer Unruhe. "Ich sehe mich noch im Bett sitzen, in einer schlaflosen Nacht, und Jaffa-Cakes einschmeißen, weil ich dachte, ich sei vielleicht unterzuckert. Aber dieses Hirnrasen blieb." Am nächsten Tag ging sie ins Krankenhaus. Dort wurde festgestellt, dass sie unter schweren Depressionen litt.
Als klar wurde, dass an den Abschluss nicht zu denken war, ging sie mit ihrem psychiatrischen Gutachten zum Prüfungsausschussvorsitzenden. Der verstand. "Lassen Sie sich krankschreiben, und kommen Sie wieder auf die Beine."
Sie brauchte zweieinhalb Jahre, Medikamente und intensive Therapie. Als es ihr schon besser ging, betreute sie ehrenamtlich eine demente alte Dame. "Das konnte ich gut, gerade wegen meiner Erfahrung, dass der Mensch nicht immer so funktioniert, wie andere es von ihm erwarten." Der Betreuungsverein ließ sie ungern ziehen, als sie sich wieder ganz auf das Examen konzentrieren konnte.
Als sie eine Prüfung mehrfach verschieben musste, sagte sie ihrem Prüfer, weshalb. "Am Ende hatte ich eine supergute Prüfungssituation", sagt Jella. "Ich will zeigen, dass man auch mit so einer Krankheit einen guten Abschluss schaffen kann. Auch um denjenigen Mut zu machen, die noch nicht wissen, ob sie durchhalten."
So wie Tobias, Mirja und Sandra. Die drei sind zum Treffen der Selbsthilfegruppe für psychisch kranke Studierende ins Dachzimmer der Zentralen Studienberatung in Münster gekommen, dazu der Psychologe Volker Koscielny, der die Gruppe leitet. Von draußen klingt ein melancholisches Glockenspiel herein, die Stimmung ist durchwachsen.
Drei Jahre lang immer wieder Panikattacken
Als Tobias vor einiger Zeit in eine betreute WG mit anderen psychisch kranken Studenten zog, hielt sein Vater ihm nur vor, wie teuer das sei. Jetzt zahlt er die Miete selbst. Ein halbes Jahr gibt Tobias sich noch. Wenn es bis dahin nicht besser wird mit seiner Generalisierten Angststörung, wird er das Studium schmeißen und eine Ausbildung anfangen. "Manchmal hab ich das Gefühl, der Zug ist längst abgefahren. Vielleicht bin ich so krank, dass ich mich nur noch ins soziale Netz fallen lassen kann?" Dann wäre er endgültig gescheitert. Der Druck wird täglich größer.
Tobias ist jetzt 30 und belegt im 17. Semester Germanistik, Romanistik und Philosophie. Seit dem Zivildienst arbeitet er im Altenheim. Das schafft er gut. Ansonsten kann ihn jederzeit Panik überfallen. Deshalb ist er drei Jahre lang fast nicht mehr vor die Tür gegangen. Erst recht nicht zu den Vorlesungen. "Damit es meine Eltern nicht merkten, hab ich mich manchmal in einen Zug gesetzt und bin ein paar Stunden rumgefahren", sagt Tobias. Seit er zur Gruppe kommt, geht er immerhin wieder zur Uni.
Zuletzt kapitulierte er vor einem überfüllten Keller: Weit vorn sprach der Professor viel zu schnell über Hermeneutik, um ihn herum schwatzten die Leute durcheinander - natürlich über ihn, dachte Tobias und verfluchte gleichzeitig seine Paranoia. Dann bekam er eine Panikattacke und flüchtete.
"Ich bin einfach nicht mehr hingegangen. Das merkt auch keiner, bei 50, 60 Leuten im Seminar und 500 in der Vorlesung. Und irgendwann fehlt man zu oft auf der Anwesenheitsliste."
Hätte er seinem Professor sagen sollen: "Ich war nicht da, weil ich eine Angststörung habe. Kann ich mich bitte trotzdem weiter mit reinsetzen?" Volker Koscielny, der Psychologe, hält sich mit Ratschlägen zurück. "Manche Professoren sind froh, wenn sie wissen, jemand ist nicht faul, sondern krank und kann nichts dafür", sagt er. "Aber man weiß vorher nie, wie das Gegenüber reagiert."
Einmal fasste sich Tobias ein Herz und erzählte Leuten aus einem Seminar, die er sympathisch fand, von seiner Krankheit. "Da kam sofort die Frage: 'Aber du hast doch bestimmt einen Psychotherapeuten?'" Vielleicht meinten die anderen das gar nicht so, aber für ihn klang es wie: "Hey, das könnte anstrengend werden. Geh uns lieber nicht damit auf die Nerven."
"Lügen Sie, was das Zeug hält"
Auch Sandra hat auf diese Weise Freunde verloren: "Die haben sich aus dem Staub gemacht, weil es ihnen zu krass war. Man wird schief angeguckt und gemieden." Sandra will Lehrerin werden, Chemie und Mathe. Sie ist jetzt 27, hat "Depressionen, und noch ein paar Sachen, über die ich nicht sprechen möchte". Es wird wohl noch eine ganze Weile dauern bis zum Abschluss, aber sie glaubt, dass sie es packen kann. Auch den Einstieg in den Lehrerjob. "Es ist ja keine verlorene Zeit. Man hat Erfahrungen gemacht, die andere nicht hatten, im Umgang mit Menschen zum Beispiel." Sensibler und taktvoller, als sie es selbst erlebt hat, werde sie mit seelisch angeknacksten Schülern umgehen. Nur: Ob das eine gefragte Qualifikation ist?
Die Frage, die alle schon jetzt bewegt, ist: Wie erklärt man später mal einem potentiellen Arbeitgeber, warum man so lange für das Studium gebraucht hat? Oder weshalb man nicht viele tolle Praktika vorzuweisen hat, aber dafür lauter weiße Flecken im Lebenslauf?
In Leipzig treten in Lehmanns Buchhandlung an diesem Abend zwei renommierte Bewerbungsratgeber-Autoren auf. Die müssen es ja wissen, haben sich Rupert, Marie und Inka gesagt. Am Ende des launigen Vortrags gehen sie nach vorn. Die beiden Experten hören ihnen zu und raten dann: "Lügen Sie, was das Zeug hält. Tunen Sie Ihren Lebenslauf."
"Das war immerhin ehrlich", sagt Marie am nächsten Tag. "Man muss schon überlegen, wem man sein Vertrauen schenkt." Sie weiß genau, wenn mal wieder ein Professor findet, psychisch Kranke seien an der Uni verkehrt, würde sie am liebsten hingehen und sagen: "Warum kapiert ihr superklugen Normalos eigentlich nicht, wie zielstrebig und stark ein Mensch sein muss, um sein Studium trotz so einer Krankheit durchzuziehen? Und wie leidenschaftlich. Und das vielleicht noch ganz auf sich allein gestellt, ohne Eltern, die einen auf Rosen betten. Hallo? Habt ihr darüber schon mal nachgedacht?"
Das Studium ist für jeden Gesunden schon ein Marathon. An Maries Füßen hängt noch dazu diese Krankheit wie ein Bleigewicht. Aber das Wichtigste ist: Sie läuft. Die ersten Etappen hat sie geschafft. Und mal sehen, wie die Geschichte mit Lena weitergeht. Bei Lena hat sie ein gutes Gefühl.
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